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Ulrich Tukur

Der Hochstapler als Mensch ohne Mitte

Schauspieler Ulrich Tukur

Im Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier" spielt Ulrich Tukur einen Finanzhochstapler nach dem Vorbild des Millionen-Betrügers Jürgen Harksen. Dem 52-jährigen Hauptdarsteller bei diesem Tanz auf dünnem Eis zuzusehen, ist einfach eine Klasse für sich. Im Interview spricht der in Venedig lebende Schöngeist, der 2010 auch sein Debüt als hessischer "Tatort"-Kommissar feiert, über die Psychologie der Hochstapelei und den Kern der internationalen Finanzmisere.

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teleschau: Dieter Wedel recherchierte für seinen Film "Gier" bei Hochstaplern und Betrogenen. Welche Seite hat Sie mehr interessiert?

Ulrich Tukur: Notgedrungen die der Hochstapler, die abseitige Seite - denn einen solchen Charakter hatte ich ja zu spielen. Mich interessierte, warum jemand so etwas tut und immer weiter macht, obwohl er doch genau weiß, dass das Ganze nur in einer Katastrophe enden kann. Ich habe aber auch Opfer kennengelernt. Eine Dame, die mich in Venedig besuchte und mir ihren Fall berichtete. Sie interessierte sich brennend dafür, wie wir das zeigen würden. Sie erzählte, was ihr zugestoßen war und beschrieb die unglaubliche Scham, die sie empfunden hatte, von diesem Kerl so reingelegt worden zu sein. Das fand ich hochinteressant.

teleschau: Was zeichnet den Hochstapler aus? Welcher Charakterzug macht ihn zu dem, was er ist?

Tukur: Leere. Das ist ein Mensch ohne Mitte. Einer mit Begabungen, mit gewissen Talenten, der aber ohne die Befüllung durch andere Menschen nicht existiert. Fähig, andere Menschen auszunutzen, zu hintergehen und zu ruinieren, ohne Skrupel und ohne Mitleid. Eine gewisse Schizophrenie ist charakteristisch für diese Leute, sie schlüpfen blitzschnell in die verschiedensten Rollen und glauben sich selbst zutiefst. Das macht sie so überzeugend und wirkungsvoll. Es sind Verlorene, die nicht anhalten können. Sie fürchten sich selbst und den Stillstand.

teleschau: Wie nah ist der Beruf des Hochstaplers dem des Schauspielers?

Tukur: Nah. Er ist übrigens auch sehr nah am Beruf des Politikers, auch an dem des Journalisten. An vielen Berufen eigentlich - denn jeder von uns tut doch so, als ob er das, was er gerade macht, wirklich könnte, und hofft, dass er bei einer Behauptung, von der er ahnt, sie ist nicht wirklich authentisch, möglichst nicht erwischt wird. Der Schauspieler ist ein Spieler, ein Versteller. Er stellt sich auf die Bühne oder vor die Kamera und behauptet eine Geschichte, die nicht wahr ist, er prätendiert Gefühle. Manchmal aber gelingt es ihm, einen Augenblick lang authentisch zu sein. In jeden Fall aber ist es eine Hochstapelei, die niemandem schadet, in den meisten Fällen sogar Freude generiert.

teleschau: Die Öffentlichkeit hat oft Nachsicht mit Hochstaplern. Manchmal wird er sogar bewundert. Unterschätzt die Gesellschaft den Typus des Hochstaplers in Bezug auf den kriminellen Schaden, den er auslöst?

Tukur: Die können sehr komisch sein. Der klassische, elegante, dandyhafte Hochstapler ist charmant und unterhaltsam. Die Sorte, die mit dem Rolls-Royce vorfährt und behauptet, ein russischer Großfürst zu sein und alles anschreiben lässt. Ich glaube, wenn das Verhältnis zwischen gelungener Unterhaltung und entstandenem Schaden eine charmante Balance hält und niemanden wirklich ruiniert, ist das tolerabel. Aber dieses trifft auf das Gros sicher nicht zu. Es bewegt sich immer im kriminellen Bereich.

teleschau: Auch solche Hochstapler schädigen massiv andere Menschen, sie sind handfeste Kriminelle. Warum hat ihr Verhalten unter den kriminellen Delikten oft einen Kavaliersbonus?

Tukur: Sie machen es eben manchmal auf sehr witzige Weise und gerieren sich wie Robin Hood. Dieter Glanz sagt an einer Stelle im Film: "Ich habe das Geld von den Reichen genommen und es den Armen gegeben. Und der Arme war ich." Das ist rotzfrech, aber auch witzig. Im Fall von Jürgen Harksen, der einer der Ideengeber für den Film war, ist es wirklich passiert, dass er Hamburger Senatoren ein Bild verkaufte aus der "Roten Phase" van Goghs. Nachdem er das Geld hatte, sagte er ihnen, dass es nie eine "Rote Phase" gab und zerriss die Schecks vor ihren Augen. Das machte ihn so glaubwürdig, dass er seinen Zuhörern direkt im Anschluss irgendwelche Papiere verkaufte - getürktes Zeug in Millionenhöhe. Chapeau! Aber richtig - es sind Kriminelle, und sie können die Leben von Menschen zerstören. Oft begreifen sie gar nicht, was sie tun, weil ihnen eines fehlt - Empathie. Auch das ist sehr typisch für Hochstapler - sie sind völlig skrupellos.

teleschau: Der Film ist ein zeitlich passender Kommentar zur aktuellen Finanzkrise. Beim sogenannten "Banker-Bashing" verhält es sich völlig anders. Den Bankern begegnet unsere Gesellschaft derzeit mit blankem Hass. Was unterscheidet verantwortungslose Banker von Hochstaplern?

Tukur: Die Machenschaften bestimmter Banker waren natürlich kriminell. Und sie sind eingebunden in riesige Konzerne. Das ist der eigentliche Skandal, dass man an diese Leute nicht rankommt, während man ein Individuum für den verursachten Schaden eher belangen kann. Was in den Banken passiert ist, ist nicht nachzuvollziehen. Das haben die ja am Ende selbst nicht mehr verstanden. Was Dieter Glanz anstellt oder andere, ist verglichen damit ein biedermeierlicher Betrug.

teleschau: Reicht es denn als Erklärung aus, dass der eine Verbrecher origineller war als der andere?

Tukur: Wo ist der fundamentale Unterschied zwischen den Bankern, diesen Flegeln, und einem Hochstapler wie Dieter Glanz? Der Unterschied ist doch der, dass Banker, die Gelder veruntreut und Sparer ruiniert haben, eigentlich keine kranken Leute sind. Sie sind normal, während unser Dieter Glanz spinnt, der ist wirklich nicht ganz dicht. Dass sich aber normale Leute so verlieren und das ohne Not, finde ich noch erschreckender. Die Gier ist offensichtlich ein menschlicher Wesenszug. Es gibt jedoch Zeiten, in denen solche Charaktereigenschaften schnell ans Licht des Tages kommen und dort ein fröhliches Auskommen haben. In einer solchen Zeit leben wir.

teleschau: Haben Sie sich mit Jürgen Harksen getroffen - zur Vorbereitung?

Tukur: Nein, das ist kein Film über Harksen. Und selbst wenn es einer über Harksen wäre, hätte ich ihn nicht treffen wollen. Es engt mich ein, wenn ich die Vorbilder sehe. Ich habe das auch bei Horst David, dem Frauenmörder, den ich hätte treffen können, nicht gemacht. Auch nicht bei anderen historischen Figuren, wo das möglich gewesen wäre. Ich will die Rolle zu mir rüberziehen und die Figur so entwickeln, wie ich sie mir vorstelle - ohne von den Bildern der Wirklichkeit eingeengt zu werden.

teleschau: Das heißt, Sie haben sich generell nicht mit Hochstaplern getroffen? Aber Sie haben sich mit Opfern getroffen - war Ihnen das wichtiger?

Tukur: Diese Dame, ein Opfer, rief mich eines Tages an. Ich habe sie nicht gesucht. Aber ich habe durch sie verstanden, wie schäbig, wie furchtbar Menschen sich fühlen und wie sehr sie sich dafür schämen, von solchen Betrügern ausgetrickst und hereingelegt worden zu sein. Oft sind es ja auch Menschen, die gar nicht so viel Geld haben, die dachten, so kriege ich vielleicht ein bisschen schneller ein bisschen mehr.

teleschau: Es sieht so aus, als wären Sie der neue Lieblings-Hauptdarsteller von Dieter Wedel. Was zeichnet Ihre Zusammenarbeit aus?

Tukur: Das ist unser zweiter Film. Der Erste, "Mein alter Freund Fritz", war ein großes Vergnügen, eine Mischung aus Geisterposse, Märchen und kritischem Film über das darniederliegende Gesundheitswesen in Deutschland. Ich komme sehr gut zurecht mit Dieter Wedel, ich kann es nicht anders sagen. Er ist ein Regisseur mit sehr viel Erfahrung, sehr passioniert. Einer, der etwas zu erzählen hat, der gut schreibt, mit dem es Spaß macht zu arbeiten. Er hat seine cholerischen, seine schwierigen Momente - dafür ist er gefürchtet - aber alles halb so wild. Ich habe mit Dieter Wedel vor Ort sehr viel mehr Spaß gehabt als mit vielen anderen Regisseuren.

teleschau: Man kennt Sie als in Venedig lebenden Schöngeist. Man könnte vermuten, dass Ihnen die Finanzwelt so zuwider ist, dass Sie Ihr eigenes Geld sehr konservativ anlegen?

Tukur: Ich bin in dieser Hinsicht tatsächlich erzkonservativ. Eines war mir immer klar: Von nichts kommt nichts. Man macht aus Scheiße kein Gold und aus Luft keine Substanz - das geht nicht. Und wenn man wirklich glaubt, man kann mit einer Geldanlage auch nur acht Prozent Zinsgewinn erwirtschaften, ist das schon daneben. Ich hatte vor 2001 ein paar Aktien, die verkaufte mein Banker in dem Moment, als das erste Flugzeug in das World Trade Center krachte. Ich war ihm wirklich dankbar dafür. Von dem Geld, was dann flüssig war, habe ich mir einen Haufen alte Steine gekauft. Ein Haus im Gebirge der Apenninen auf 1.000 Meter Höhe, wo kein Mensch hin will und wo es weder Holländer noch Engländer, Amerikaner, Deutsche und sogar fast keine Italiener gibt. Nur Wildschweine. Und die sind keine Hochstapler.

Eric Leimann


Ulrich Tukur als genial-skrupelloser Hochstapler im Dieter Wedel-Zweiteiler "Gier".
Ulrich Tukur als genial-skrupelloser Hochstapler im Dieter Wedel-Zweiteiler "Gier". (ARD Degeto / Svenja von Schultzendorff)

Ein singender und tanzender Guru: Ulrich Tukur spielt den Hochstapler Dieter Glanz im Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier".
Ein singender und tanzender Guru: Ulrich Tukur spielt den Hochstapler Dieter Glanz im Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier". (ARD Degeto / Boris Guderjahn)

Die Gier als Zeichen in Zeiten von hemmungslosem Kapitalismus. Ulrich Tukur spielt den Millionen-Betrüger Dieter Glanz im neuen Wedel-Zweiteiler.
Die Gier als Zeichen in Zeiten von hemmungslosem Kapitalismus. Ulrich Tukur spielt den Millionen-Betrüger Dieter Glanz im neuen Wedel-Zweiteiler. (ARD Degeto / Boris Guderjahn)

Datum: 04.01.2010

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