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Der neue Film der Coen-Brüder: "A Serious Man"

A Serious Man

(vm/tsch) Die Coens sind wieder da. Nach dem Oscar-prämierten Western „No Country for Old Men“ (2007) und der verrückten Komödie „Burn After Reading“ (2008) kommt nun „A Serious Man“: eine Tragikomödie mit typischem Coen-Brüder-Humor. Es ist die Schilderung des langsamen Niedergangs eines jüdischen Physik-Professors, dessen Leben vollkommen aus den Fugen gerät. Langsam, aber sicher wird die Existenz dieses Mannes aus einem typischen 60er-Jahre-US-Suburb Stück für Stück demontiert: tragisch manchmal, sehr lustig oft. Doch eigentlich hat er nichts Böses getan, denkt er, und begibt sich auf die Suche nach der Antwort, warum das Leben so ist, wie es ist. "So ist das Leben" lautet die einzige Antwort der drei Rabbis, die er zu Rate zieht. Und auch die der Regisseure.

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"Nimm in Einfachheit alles hin, was Dir widerfährt" - steht am Beginn des Films, noch vor dem Prolog: Irgendwo in Osteuropa zeigt eine jüdische Frau ihrem Mann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie mit bösen Geistern umgegangen wird. Resolut und mit Eispickel. So eigenwillig, wie diese düstere, fünfminütige Fabel zunächst wirkt, ist sie doch der perfekte Einstieg in die Geschichte Gopniks, die sich aus den Erinnerungen der Coens an ihre eigene Jugend speist.

Er hat doch eigentlich nichts getan, dieser Larry Gopnik, ist ein von der Brille bis zu den Bundfaltenhosen ganz und gar durchschnittlicher Mitbürger, nicht sonderlich forsch, eher scheu und zurückhaltend. Zu sehr vielleicht. Einer dieser Menschen, die alles ertragen. Gott wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Auch wenn seine Pläne rational nicht zu erklären sind.

Natürlich fragt sich auch Gopnik irgendwann, warum er zum Hiob wird und sucht Rat bei drei Rabbis. "So ist das Leben", sagen sie, schwafeln vom "Wunder des Parkplatzes" oder beschäftigen sich mit der Musik von Jefferson Airplane. Mehr haben die Geistlichen nicht zu sagen. Und so lösen sich die Strukturen im Leben des durch und durch ernsthaften Mannes Larry Gopnik eben auf.

Komisch und skurril, liebevoll und unvorhersehbar ist "A Serious Man" eine Art "Fargo" unter der Sonne der Sixties, ohne die vielen Leichen freilich. Der kleine Mann strampelt sich ab: "Ich habe nichts getan", versichert er sich immer wieder selbst. Wenn sich die Nachbarin oben ohne in ihrem Garten sonnt, zum Beispiel. Oh ja, überall lauert die Verführung, überall lauert das Böse - was bei den Coens allerdings sehr liebenswürdig wirkt und mit aberwitzigen Details erzählt wird.

Sohn Danny (Aaron Wolff) kifft sich die Birne zu und sorgt sich um den störungsfreien Empfang seiner Lieblings-TV-Show, die Tochter verschwindet jeden Abend mit perfekter Frisur in der Disco "The Hole", ein Zahnarzt berichtet von einer Botschaft Gottes, die bei einem Patienten in die Zähne geritzt war. Und dann ist da noch die Sache mit seiner Frau Judith (Sari Lennick), die ihn für den forschen, selbstsicheren, schon etwas älteren Sy Ableman (Fred Melamed) verlassen will.

Hinter all dem steckt mehr als nur eine Erinnerung an die Jugend, mehr als eine Hommage an das jüdische Leben in der US-Provinz, das hier völlig frei von Antisemitismus ist. Darum geht's auch nicht, eher um das Verhältnis von Glauben und Wissen, von Religion und Rationalität. Das Leben ist unkontrollierbar, das müsste gerade Gopnik wissen, der seine Schülern schließlich die Heisenbergsche Unschärferelation büffeln lässt. Nicht ist genau messbar. Oder: "Wir können nie wissen, was wirklich passiert. Also sollten wir uns auch nicht drum kümmern."

Eigenwillig, kauzig, sonder- und wunderbar - "A Serious Man" ist ein fein gezeichnetes Universum mit perfekt skizzierten Figuren, das die Coen-Brüder entworfen haben. Ihr verschmitzter Witz, ihre Lakonie wird dabei von im Kino weitgehend unbekannten Schauspielern - Hauptdarsteller Michael Stuhlbarg ist eine Theatergröße in New York und für seine Rolle für einen Golden Globe nominiert - und phänomenalen Laien transportiert. Und die zeigen, dass nichts sicher ist. Im Leben nicht und auch nicht in diesem Meisterwerk, das ein wundervolles Gefühl hinterlässt - weil man nie genau weiß, wie ernst es die Coens meinen. Aber das ist auch überhaupt nicht wichtig.

Andreas Fischer

Credits:
V:Tobis, USA 2009, R: Ethan Coen, Joel Coen, D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed u.a.

Laufzeit: 105 Min.

Kinostart:
21. Januar 2010


"A Serious Man" ist der persönlichste und vielleicht sogar beste Film der Coen-Brüder.
"A Serious Man" ist der persönlichste und vielleicht sogar beste Film der Coen-Brüder. (Tobis)

Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) hat nicht viel zu lachen: Sein geordnetes Leben im US-Suburbia der 60er-Jahre gerät völlig aus der Bahn.
Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) hat nicht viel zu lachen: Sein geordnetes Leben im US-Suburbia der 60er-Jahre gerät völlig aus der Bahn. (Tobis)

Hat was von Judas: Ausgerechnet Sy Ableman (Fred Melamed, links), ein Freund der Familie, hat Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) die Frau ausgespannt.
Hat was von Judas: Ausgerechnet Sy Ableman (Fred Melamed, links), ein Freund der Familie, hat Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) die Frau ausgespannt. (Tobis)

Datum: 17.01.2010

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