Ein seltenes Meisterwerk: "Magnolia"
MagnoliaDie wichtigste Botschaft von "Magnolia" (1999) ist: Es kann alles passieren. Da ist zum Beispiel die Geschichte des Mannes, der vom Dach eines Hochhauses stürzt und im Flug von einer Kugel getroffen wird. Er wäre weich gelandet, was er nicht ahnen konnte, aber nun ist er sowieso tot. Seine Mutter hat ihn getroffen, als sie versehentlich durchs Fenster schoss, während sie mit dem Gewehr auf ihren Mann zielte. Kind tot, Mutter verhaftet. Aber das ist eigentlich völlig unwichtig. Wichtiger ist schon, dass Paul Thomas Andersons Episodendrama im Jahr 2000 den Goldenen Bären bei der Berlinale gewann. ARTE zeigt das dreistündige Meisterstück des Regisseurs im Rahmen eines Programmschwerpunkts anlässlich der 60. Auflage des größten deutschen Filmfestivals. Anzeige Anderson, zuletzt 2008 mit dem monströsen Ölbohrer-Opus "There Will Be Blood" im Berlinale-Wettbewerb vertreten (zwei Silberne Bären), erzählt in "Magnolia" eine Vielzahl sonderbarer Geschichten, von denen einige am Ende inhaltlich ineinander übergehen, andere nicht. Einige bleiben nichtig, andere verändern das Leben von Menschen. Am Schluss haben sie eines gemein: Alle die Figuren, von denen Anderson erzählt, werden Zeuge eines ebenso seltsamen wie gigantischen Naturereignisses, das sie für einen Moment in ihrem Schicksal vereint. Zu den wichtigsten Charakteren gehört der sterbende Big Earl Partridge (Jason Robards), der zwar nur noch in seinem Bett dahinsiecht, der aber den Verknüpfungspunkt zu weitaus skurrileren Typen darstellt. Da ist zum Beispiel sein Sohn Frank (Tom Cruise), der seinen Vater ebenso hasst wie die Menschheit an sich und vor allem das weibliche Geschlecht. Frank hält Predigten vor einer jubelnden Meute und konzentriert sich dabei auf das Sexualleben von Frau und Mann. Dann jedoch wird er mit der eigenen Wahrheit konfrontiert und bricht in sich zusammen. Eine dankbare Rolle für den Hollywood-Star, der sie glänzend meistert und dafür nach dem Golden Globe zweifellos auch den Oscar verdient gehabt hätte. Der ging jedoch an Altmeister Michael Caine. Schließlich rafft der Tod des alten Mannes auch dessen junge Ehefrau Linda (Julianne Moore) dahin, wird ihr doch klar, dass aus dem Wunsch, eines Tages eine reiche Erbin zu sein, mehr geworden ist: Liebe wohl ... Im zweiten großen Erzählstrang geht es um eine Spielshow mit einem todkranken Moderator, seine drogensüchtige, blonde Tochter und ein kindliches Genie, dessen Wunsch, auf die Toilette zu dürfen, nicht erhört wird, was katastrophale Folgen hat. "Magnolia" ist trotz einiger tragischer Momente kein Film, der auf klassische Art und Weise traurig oder fröhlich machen will. Doch er überzeugt durch seine klare Bildführung, faszinierende Dialoge und die Spannung, die er aus seiner Unberechenbarkeit zieht. Schließlich ist da auch noch der Taucher in voller Montur, der am Ende eines Waldbrandes an der obersten Spitze eines Baumes hängend tot aufgefunden wurde. Wie er wohl dahin gekommen ist? Johann Ritter |
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