Wahre Lügen
Wahre Lügen(tsch) Atom Egoyan, der Meister filigraner Erzählkunst, hat sich ein wenig dem Starkino zugewandt. Es ist eine Hollywood-Geschichte, aufgebaut nach einem klassischen Krimi-Muster, besetzt mit Kevin Bacon und Colin Firth. "Langweilig!", "Abgeschmackt!", ruft da die alte Fangemeinde des Kanadiers. Doch bei "Wahre Lügen" irrt sie. Anzeige Kann sie überhaupt gut finden, was nach den mit Preisen ausgezeichneten 90-er-Jahre-Produktionen "Exotica" und "Das süße Jenseits" kommt? Eigentlich nicht. Es sei denn, es wäre genauso klein und schwer zu entdecken wie die vorherigen Schätze des großen Beobachters. Das trifft jedoch auf die Lügengeschichte um zwei erfolgreiche Konsens-Unterhalter aus der Entertainmentbranche der 50-er nicht zu. Basierend auf Rupert Holmes' Roman "Where the truth lies" stellt Egoyan das glamouröse Leben des schlagfertigen Amerikaners Lanny (Kevin Bacon) und des wohlerzogenen Briten Vince (Colin Firth) vor, deutet hier und da einen Blick hinter die fröhlich-freche Kulisse an und kann sich auf das Charisma seiner beiden Stars verlassen. Sie geben ihm die Freiheit, einen Weg einzuschlagen, der nur langsam erahnen lässt, worum es geht. Das bedeutet vielleicht, dass sich für den Zuschauer der Genuss steigert, wenn er eine gewisse Ruhe statt großer Neugier walten lässt. Statt die eher unwichtige Frage, wie denn damals die Hotelangestellte in der Suite der fabelhaften Business Boys ums Leben kam, zu beantworten, sollte man sich auf die Charakterstudie der beiden Männer einlassen. Das kann er, der 45-jährige Regisseur, das zelebriert er filigran wie eh und je. Nur die Verpackung ist ein wenig leuchtender als sonst. Da gibt es viel Erotik und hollywoodsche Verwicklungen im Stil von "L.A. Confidential". Im Weg steht nur die viel zu blasse Schlüsselfigur Karen O'Connor, dargestellt von Alison Lohman, die den Beruf der Journalistin nicht wirklich auszufüllen weiß. Sie, die blutjung wirkende Nachwuchsschreiberin, will 15 Jahre nach dem abrupten Ende des erfolgreichen Show-Duos, die Zusammenhänge zwischen dem Tod des Mädchens und dem Ende der gemeinsamen Karriere aufdecken. Stärke zeigt sie dabei kaum, nur tiefe Menschlichkeit, naive Gefühle und schwer erklärbare Willenlosigkeit. Sie ist der Schwachpunkt der Inszenierung, aber: Sie ist letztlich gar nicht so wichtig. Die gebrochenen Männer sind es, die mit ihrem nuancierten Spiel den Film in die dunklen Ecken tragen. Dieser sexy-aggressive Bacon, dieser tragisch-loyale Firth. Man darf schmerzliche Zwischentöne erwarten bei Egoyan, und man bekommt sie, oft direkt von den Schauspielern, manchmal auch über den Off-Kommentar, in dem sie mitteilen, was sich in ihrem Leben zutrug. Die eingeschworene Fangemeinde der ersten Stunde sollte die Ausweitung der Kampfzone nicht mit Verrat verwechseln. Natürlich muss man breitere Wege einschlagen, wenn man die Aufmerksamkeit eines größeren Kreises wecken will. Und die hat Atom Egoyan verdient. "Wahre Lügen" ist im Vergleich zum standardisierten Kinoprogramm ein überdurchschnittlicher Film. Einer, der dazu beitragen wird, dass endlich viele, viele mehr die Meisterwerke aus dem früheren Schaffen des Arthouse-Künstlers sehen werden. Claudia Nitsche |
Credits: |
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