Gut und Böse - Engel und Dämon - Kevin Bacon, drahtiger Körper, kantiges, aber nicht unsympathisches Gesicht kann in jede Rolle schlüpfen. 2004 verkörperte er Walter, den "Woodsman", der wegen Pädophilie zwölf Jahre im Gefängnis gesessen hat. Seine Haftzeit ist vorüber. Er versucht, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Ein heikles Thema, das sich Nicole Kassell, Absolventin der renommierten New Yorker Tisch School of Arts, für ihr Regiedebüt, das nun noch einmal bei 3sat läuft, ausgesucht hat. Mit dem Drehbuchförderpreis beim Sundance Film Festival wurde ihr Skript ausgezeichnet, als Produzent firmiert Lee Daniels, der schon mit "Monster's Ball" brandgefährliches Terrain betreten hat. Die Bewohner von Philadelphia, der sogenannten "City of Brotherly Love", Heimat von Bacon und Daniels, waren gar nicht erfreut, dass in ihrer schönen Stadt solch ein "Schmutz" gedreht werden sollte, und schickten dem "unanständigen" Produzenten zu Weihnachten eine tote Ratte.
Anzeige
In diese anständige Gemeinde kehrt Walter also nach verbüßter Strafe zurück. Er bezieht ein kleines Apartment gegenüber eines Kinderspielplatzes - nirgendwo anders wird ihm eine Wohnung vermietet. Arbeit findet er in einem Holz verarbeitenden Unternehmen, "nur", so der Chef, "weil dein Vater ein zuverlässiger Angestellter war". Ruhig, mit viel Liebe, versieht Walter seinen Job, besucht regelmäßig seine Therapiesitzungen und probiert, sich in der "Normalität" zurechtzufinden.
Doch das erweist sich als äußerst schwierig. Beispielsweise, weil die Sekretärin Mary-Kay (gespielt von der Rapperin Eve) anfängt, sich für Walters Vergangenheit zu interessieren. Mit ihren Avancen ist sie zuvor abgeblitzt. Oder weil der toughe Cop Lucas - HipHopper Mos Def - immer wieder unvermittelt in Walters Wohnung auftaucht und ihn ob seiner Vergangenheit drangsaliert. Nur Arbeitskollegin Vickie - wunderbar einfühlsam gespielt von Kyra Sedgwick - die smarte Ermittlerin aus der vox-Serie "The Closer" ist Bacons Ehefrau - scheint Zugang zu dem verschlossenen Mann zu finden.
Sie, selbst jahrelang Opfer sexueller Übergriffe ihrer Brüder, beginnt mit ihm eine vorsichtige Beziehung. Da lernt der "Woodsman" - eine doppeldeutige Anspielung auf die Märchenfigur, die Rotkäppchen aus dem Bauch des Wolfs geschnitten hat - im Park ein zwölfjähriges Mädchen kennen und die Dämonen der Vergangenheit erwachen wieder ...
Kann man Kinderschänder "heilen", ihre Schuld sühnen? Verdienen sie eine zweite Chance - ebenso brisant wie schwierig sind die Fragen. Eine Geschichte von einem "Monster" zu erzählen, ohne es gleich zu denunzieren, erfordert Fingerspitzengefühl - und das haben Kassell und ihr Co-Autor Steven Fechter, auf dessen Stück der Film basiert, bewiesen. Eine Einschätzung Walters findet nicht statt, er wird weder dämonisiert noch reingewaschen: Der Mann, der "Held", ist, wie er ist. Der Zuschauer muss Stellung beziehen, soll die inneren Konflikte Walters erkennen, die Atmosphäre spüren, in der er lebt. Ist er nun Täter oder Opfer, krank oder kriminell? Differenziert werden die Meinungen erörtert, die verschiedenen Figuren stehen stellvertretend für die verschiedenen Standpunkte. Benjamin Bratt gibt als Walters Schwager den vermeintlichen "Verzeiher", Eve die rachsüchtige Furie ...
Dunkel ist die Grundstimmung dieser packenden Studie, funktional wird erzählt, effektiv wurde ausgestattet und gefilmt. Die Reduktion aufs Wesentliche bestimmt das Drama, das vom präzisen Spiel des gesamten Ensembles lebt. Wird manche Problematik auch vereinfacht, so gibt Walter vor, er hätte nichts "wirklich" Schlimmes getan - was immer das heißen mag -, kann die Aufgabenstellung als durchaus gut gelöst bezeichnet werden. Anspruchsvolles Kino für ein Publikum, das zu unterscheiden weiß.
Jasmin Herzog
Der pädophile Walter (Kevin Bacon) muss sich mit seiner Vergangenheit konfrontieren. (ZDF / ARD Degeto)
Für den verurteilten Kinderschänder Walter (Kevin Bacon) ist es nicht einfach, die Triebe in den Griff zu bekommen. (ZDF / ARD Degeto)
Pedro (Carlos Leon, rechts) setzt den Ex-Sträfling Walter (Kevin Bacon) unter Druck. (ZDF / ARD Degeto)
Matthias Luthardts Debütfilm "Pingpong" von 2006 ist ein intensives, erbarmungsloses Drama zum Thema Einsamkeit. Der Film wurde in Cannes sowie beim Münchner Filmfest für sein Drehbuch ausgezeichnet und ...
Sie: "Was wird aus uns?" Er: "Wir werden uns lieben." Sie: "Und danach?" - Ein Dialog, der sich so oder so verstehen ließe. Reden die beiden von der Liebe, von der Ewigkeit? Oder reden sie von Sex, von ...
Handwerklich solide inszeniert, aber zu keiner Zeit wirklich spannend zerstört Regiedebütant Dennis Lee den Mythos einer heilen Familie. Auf dem Begräbnis seiner Mutter muss sich ein Schriftsteller auch ...
Nichts schweißt eine Familie enger zusammen als ein gemütlicher Spieleabend. - Wer das tatsächlich denkt, dem ist schon lange kein "Mensch ärgere dich nicht"-Brett mehr entgegengeflogen und der musste ...
Jeder hat so einen im Bekannten- oder gar Freundeskreis: einen, der es nicht hinkriegt mit der Ordnung, der in seinem ungeordneten Haushalt beinahe umzukommen scheint. Aber so recht einzuordnen wusste ...
Der unkonventionelle Arbeitstitel "Bummm! Deine Familie, Dein Schlachtfeld" wurde vom Verleih ausgetauscht. "Das wahre Leben" (2006) hieß Alain Gsponers Film, der nun in der Reihe "Debüt im Ersten" läuft, ...
Anzeige
Konzert-DVD im Stream Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream