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Lasse Hallström

Wenn Liebe nicht funktioniert ...

Regisseur Lasse Hallström

(tsch) Dieses Jahr, am 02. Juni, wird Lasse Hallström 60 Jahre alt. Wenn er mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Lena Olin, und seinen Kindern den runden Geburtstag feiern wird, kann der Schwede auf eine Ausnahme-Karriere zurückblicken. Er bescherte der Filmgeschichte solch unvergessene Filme wie "Die Kinder von Bullerbü", aber auch "Gottes Werk und Teufels Beitrag" sowie "Chocolat" und "Gilbert Grape". Zudem drehte er vor nunmehr fast 30 Jahren die Filmbiografie der Band Abba. Zurzeit stehen mehrere Projekte auf seiner Agenda. Dennoch oder gerade deswegen wird er nicht müde zu versuchen, seinen Kindern die Flausen aus dem Kopf zu jagen. Schauspieler? Nein, das sollen sie nicht werden. "Das kann manchmal sehr ungesund sein", weiß der erfahrene Filmemacher. Seiner Frau Lena Olin ist das zwar keineswegs anzumerken. Doch spürt Hallström am eigenen Leibe, wie schwer es ist, mit ansehen zu müssen, wie seine Frau zum Beispiel ... andere Männer küsst - so auch in seiner neuesten Regiearbeit "Casanova". Im Interview spricht Hallström über seinen Umgang mit diesen Qualen, die Lust am Neuen und die Gemeinsamkeiten seiner Filme.

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teleschau: Dieses Jahr werden Sie 60 Jahre alt. Wenn Sie zurückschauen, bereuen Sie etwas?

Hallström: Ja, da gibt es schon etwas.

teleschau: Und das wäre?

Hallström: Mein größter professioneller Fehler war, dass ich einen Film abgelehnt habe, der meine Karriere verändert hätte: "Catch Me If You Can". Eigentlich war ich fest eingeplant, aber die Firma der Gebrüder Weinstein, Miramax, mochte die Filmidee nicht und brachte mich von der Sache ab. Sie haben mich förmlich aus dem Projekt hinausgeredet. Dass ich das mitgemacht habe, war ein großer Fehler.

teleschau: Ein Fehler beruflicher Natur ...

Hallström: Nun, abgesehen davon, hatte ich bisher wohl ein schönes, zufriedenes Leben. Ich bereue nicht, nach Amerika gegangen zu sein. Es war ein wundervolles Abenteuer, das noch immer anhält: Meine Tochter hat sich gut in der Schule dort eingelebt, also gibt es für mich erst einmal keinen Weg zurück - allenfalls in einigen Jahren, wenn sie ihren Abschluss gemacht hat.

teleschau: Sie sind zurzeit ein viel beschäftigter Mann. Welche Ursachen hat diese Lust auf Arbeit?

Lasse Hallström: Ich habe immer versucht, mich um reguläre Arbeitszeiten zu bemühen. Aber nach "Schiffsmeldungen" ließ ein überzeugendes Projekt einfach lange auf sich warten. Ein ganzes Jahr tat ich so gut wie nichts. Das war frustrierend. Deswegen verordnete ich mir mehr Tempo und wollte fortan einen Film pro Jahr machen. Seit 2003 klappt das ganz gut - "Ein ungezähmtes Leben" war für mich der Wendepunkt.

teleschau: Man sagt, unschöne Bilder in Venedig aufzunehmen, sei unmöglich. Demnach müssen die Dreharbeiten für "Casanova" ja ein Leichtes für Sie gewesen sein.

Hallström: Natürlich ist das möglich! Vor allem ist es sehr schwer, das historische Venedig auf Bildern einzufangen. Wir stoßen überall auf Zeugnisse der Moderne. Das fängt ja schon bei all den Motorbooten an. Die verstecken? Fast unmöglich! Aber natürlich bietet Venedig vieles frei Haus. Selten findet man eine solch authentische Kulisse, die nicht umgebaut werden muss. Dennoch war es für mich die größte Herausforderung, das Postkarten-Venedig zu meiden. Aber wie Sie indirekt schon sagten: Jede Aufnahme von Venedig ist eigentlich hübsch und von Millionen Bildern bekannt. Das Venedig von 1753 neu zu erfinden, dies war die Aufgabe der Designer.

teleschau: Wie lange hatten Sie den Markusplatz für sich?

Hallström: Ganze vier Tage. Wir durften aber nicht alles für den Touristenverkehr absperren, sondern mussten eine Passage freihalten. Aber wir können wohl stolz darauf sein, dass wir in dieser Zeit die eigentliche Touristenattraktion waren. Dennoch waren die Venezianer sehr vorsichtig, als es um die Erlaubnis für die Dreharbeiten ging. Sie haben große Angst, es könnte etwas zerstört werden. Sie wollten sogar jeden Tag im Voraus eine Liste mit den Szenen, die gedreht werden sollten. Nur bin ich nicht der Typ Regisseur, der so etwas vorher liefern kann. Ich arbeite sehr flexibel und ändere viel spontan. Sie mussten das akzeptieren.

teleschau: War Heath Ledger Ihre erste Wahl für die Rolle des Casanova?

Hallström: Zunächst dachte ich an jemanden, der älter sein sollte. Doch Heath zeigte mir, dass er eine reife Seele hat. Er brachte das Rüstzeug mit, um die Rolle sofort authentisch wirken zu lassen. Außerdem ist er sehr umgänglich, ein Kumpeltyp.

teleschau: Wieso ist Ihr Film teils zu einem, nun ..., Schenkelklopfer geraten?

Hallström: Als ich amerikanische Journalisten traf, merkte ich zum ersten Mal, dass man von mir eine ernstere Casanova-Verfilmung erwarten könnte. Sie waren ganz überrascht, dass ich solch eine Farce gedreht habe. Das möchte ich klarstellen: Es ist eine Komödie und keine ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Leben Casanovas. Ich würde den Film nicht als romantische Komödie brandmarken. Romantische Farce ist reizvoller, meine ich.

teleschau: Wieso entschieden Sie sich nicht für ein so genanntes Biopic, eine Filmbiografie über Casanova?

Hallström: Ich könnte mir vorstellen, das wahre Leben Casanovas auf Film zu bannen. Sein Charakter war bemerkenswert: Casanova war Dichter, Wissenschaftler, Priester - ein echtes Multitalent. Aber diesmal nahm ich mir die Freiheiten, die eine Legende jedem bereithält, der von ihr erzählen möchte.

teleschau: Ihre bisherigen Filme bewegten sich stets zwischen Arthouse und Mainstream-Unterhaltung. War es für Sie schwierig, sich auf einen reinen Komödienstoff einzulassen?

Hallström: Ich kehre damit eigentlich zu meinen Wurzeln zurück. Ich begann mit komischen Stoffen als Produzent in Schweden. Das ist natürlich sehr lange her. Aber ich erfinde mich nicht neu, sondern nur einen Teil von mir. Daher ist es für mich eine Art Belebung, dass ich mich nun zum ersten Mal in meinem eigenen Film als Regisseur so weit auf das komische Parkett wage.

teleschau: Wie "Casanova" zeugen all Ihre Filme von Ihrer Hingabe zu den jeweiligen Drehorten. Eine Art Reisefilmer ...

Hallström: Für mich ist es eine wundervolle Erfahrung, mit jedem Film in eine neue Kultur einzutauchen und Menschen kennen zu lernen, die immer wieder anders sind. Ich springe gerne durch die Weltgeschichte und portraitiere neue Regionen. Zu Beginn ist mir die jeweilige Gegend immer fremd. Doch am Ende fühle ich mich, als würde ich schon Jahre dort wohnen. Als Außenseiter glaube ich, eine Perspektive einnehmen zu können, die eine authentische Beschreibung ermöglicht.

teleschau: Allen Ihren Filmen ist auch gemein, dass sie sich stets um die Schwierigkeiten von Liebesbeziehungen in unterschiedlichen Situationen drehen. Was fasziniert Sie so sehr daran?

Hallström: Mich interessiert ganz einfach die Psychologie menschlicher Interaktion. Wenn Menschen anders sind als die Masse, wenn sie eine Außenseiterrolle einnehmen, wenn Familien nicht funktionieren, stellt sich die Frage nach dem Warum. Dysfunktionale Liebe ist in dieser Hinsicht die wohl ergiebigste Perspektive. Alles dreht sich doch um die Liebe.

teleschau: Die kritische Perspektive auf soziale Verhältnisse hat Ihre Filme, etwa "Chocolat" oder "Gottes Werk und Teufels Beitrag", zu Publikumserfolgen gemacht. Wollen Sie diese Art von Produktionen nun hinter sich lassen?

Hallström: Nein, ich interessiere mich so sehr für soziale Missverhältnisse und die Schwierigkeiten, die damit für manche Menschen einhergehen, dass ich mich sofort wieder solchen Stoffen zuwende. Mir liegt der Genremix zwischen Drama und Komödie einfach mehr als zum Beispiel das reine Komödienfach.

teleschau: Bei "Casanova" drehten Sie erneut mit Ihrer Frau Lena Olin ...

Hallström: Ich bin immer noch nicht dahinter gekommen, aber mit Lena zu drehen, ist merkwürdigerweise der leichteste Part der gesamten Dreharbeiten. Wir verstehen uns blind. Am Set habe ich das seltene Gefühl, die Kontrolle zu haben, vor allem über sie. Was in unserem Privatleben kaum der Fall ist ...

teleschau: Ist sie eine Art Vermittlerin in der Kommunikation zwischen Ihnen und den anderen Schauspielern?

Hallström: Ich bin nicht der disziplinierte, herrische Regisseur, den Sie vielleicht vermuten. Ich brauche keine Vermittlung, wenn es um die Regieführung geht. Ich unterrichte sozusagen Anarchie und Chaos - alles, was dem Schauspieler hilft, sich vor der Kamera zu entspannen.

teleschau: Haben Sie bei aller Berufserfahrung nicht doch manchmal ein Problem damit, dass Ihre Frau andere Schauspieler küsst?

Hallström: Es ist jedes Mal ein komisches Gefühl. Auch dieses Mal, als sie Oliver Platt küsste, hatte ich meine Probleme. Aber Oliver ist ein netter Kerl, und ich habe geblinzelt und schnell "Schnitt!" gerufen. So musste ich nicht zu viel mit ansehen.

teleschau: Sie haben in der Frühzeit Ihrer Karriere Astrid Lindgrens "Die Kinder von Bullerbü" verfilmt. Gab es jemals Pläne für Remakes in Hollywood?

Hallström: Ich traf mich im Januar mit einem Familienmitglied von Astrid Lindgren in Stockholm, weil ich gerne eine Lindgren-Geschichte für das US-amerikanische Publikum verfilmen würde. Ich bin guter Hoffnung, dass ich eine solche Geschichte für heutige Maßstäbe interessant erzählen kann. Ich halte die Geschichte über Bullerbü aber nicht dafür geeignet.

Leif Kramp


Regisseur Lasse Hallström genießt die Entdeckung neuer Drehorte, in diesem Fall war es Venedig.
Regisseur Lasse Hallström genießt die Entdeckung neuer Drehorte, in diesem Fall war es Venedig. (Tochstone Pictures / Doane Gregory)

"Leicht" wie sonst kaum etwas. Lasse Hallström versteht sich bei Dreharbeiten blind mit seiner Frau Lena Olin.
"Leicht" wie sonst kaum etwas. Lasse Hallström versteht sich bei Dreharbeiten blind mit seiner Frau Lena Olin. (Tochstone Pictures / Doane Gregory)

Jeremy Irons (links), Lasse Hallström und Lena Olin stellten "Casanova" bei den Filmfestspielen von Venedig vor.
Jeremy Irons (links), Lasse Hallström und Lena Olin stellten "Casanova" bei den Filmfestspielen von Venedig vor. (Buena Vista International / Chris Jackson)

Datum: 05.02.2006

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