Michael Moore geht in "Sicko" dem US-Versicherungswesen nach
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Sicko
Michael Moore hat eine Mission. Und er lässt nicht locker. Der ebenso streitlustige wie streitbare Filmemacher hat manchen Acker mit seiner ungeheuer suggestiven Mischung aus Polemik, Witz und fröhlicher Tatsachenverdrehung durchpflügt: vom Waffenfetischismus übers Präsidentenbashing bis zur Wirtschaftskrise ("Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte", 2009). Der gerechte Zweck heiligte dabei stets die teils unlauteren Mittel. Was man dem beleibten Querulanten gerade hierzulande mit zahlreich erworbenen Kinotickets dankte. Lediglich "Sicko" fiel 2007 beim deutschen Publikum durch, nur rund 60.000 zahlende Besucher wurden gezählt. Da verwundert es kaum, dass das Erste Moores Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem zur Free-TV-Premiere wenig prominent im Nachtprogramm platziert.
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Klar, Fragen des amerikanischen Versicherungswesens mögen deutschen Zuschauern nicht ganz so dringlich vorkommen. Andererseits ist das Thema angesichts der verzweifelten Reformvorstöße von Präsident Barack Obama durchaus aktuell. Und dringlich obendrein: Daran lässt der leidenschaftliche Schirmherr der Unterprivilegierten keinen Zweifel. Wer in den USA krank wird oder einen Unfall hat - so Moore - ist arm dran. Schon weil die Versicherungen Massen von Profis beschäftigen, die Gründe dafür suchen, berechtigte Ansprüche abzulehnen.
Auch wer einen Krankenwagen am Unfallort benötigt, muss sich diesen erst von der Versicherung genehmigen lassen, sonst heißt es: selbst zahlen. Eine Mutter verliert ihr Kind, weil es erst in ein billigeres Krankenhaus gebracht werden muss. Ob Brustkrebs, Gehirntumor oder Leukämie, egal wie schwer die Krankheit ist, private Gesundheitsversicherungen scheinen sich in Michael Moores Fällen nur einem verpflichtet zu fühlen: dem eigenen Profit.
Es geht auch anders und vor allem besser - diese Botschaft hält der Provokateur für seine Landsleute im Film bereit. Ein Blick über die Grenzen des Heimatlandes zeigt für so manchen Amerikaner Erstaunliches: Die Franzosen, Engländer und Kanadier profitieren von einem Gesundheitssystem, bei dem jeder alle nötigen ärztlichen Behandlungen erhält - und das, ohne extra dafür zu bezahlen.
Die Schilderung der heilen Versicherungswelten, die man als Europäer nur mit dem Wissen erträgt, dass es vielen Amerikanern wirklich viel schlechter ergeht, findet einen dramaturgisch zugespitzten Höhepunkt in Moores Fahrt nach Kuba. Eindrucksvoll demonstriert er, dass die Amerikaner sogar die Helden von 9/11 in puncto Gesundheitsversorgung im Stich lassen. Am Ende läuft es auf einen ideologischen Streit zwischen marktliberalen Republikanern und reformwilligen Demokraten hinaus. Nur: Zum Vermittler ist dieser Michael Moore gewiss nicht geboren.
Johann Ritter
Ein britischer Krankenhausarzt versichert dem ungläubigen Michael Moore (links), dass britische Patienten bei der Behandlung keine zusätzlichen Arztkosten zahlen müssen. (ARD / Degeto)
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