Emanuele Crialese muss sich vorkommen wie ein Auserwählter. Einen Kurzfilm sowie drei abendfüllende Arbeiten hat der italienische Regisseur vorzuweisen. Aber schon 15 teils prestigeträchtige Filmpreise. Und nun widmet ARTE dem 44-jährigen Römer gleich eine Hommage. Die umfasst zwar nur zwei Filme. Doch die beiden Beiträge haben es in sich. Bevor Crialeses Durchbruchsfilm "Lampedusa" (2002) am Donnerstag, 11. März, 20.15 Uhr, zu sehen ist, zeigt der Kultursender sein jüngstes Werk in Erstausstrahlung. "The Golden Door" (2006), ein fantasievolles Historienstück über den Aufbruch in die Neue Welt, hat die poetische und visuelle Klasse des meisterhaften Vorgängers, lässt aber streckenweise Dynamik vermissen. Vielleicht sahen deshalb nur eine Handvoll Menschen den Film in Deutschland im Kino.
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Drei abgeschlossene Handlungsorte, mehr braucht Crialese nicht, um ein einschneidendes Kapitel italienisch-amerikanischer Geschichte durchzublättern. Da ist die schmutzige Enge eines Emigrantendampfers, sind die sterilen Räumlichkeiten der Einwanderungsbehörde und zu Beginn die kargen Weiten des bettelarmen Siziliens.
Hier lebt der Bauer Salvatore Mancuso (Stammschauspieler Vincenzo Amato) am Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner Familie und träumt von einer besseren Zukunft auf der anderen Seite des großen Ozeans. Dort, so führen es ihm angebliche Beweisfotografien vor Augen, wachsen Karotten groß wie Kanus und Goldmünzen an Bäumen. Und in den Flüssen Kaliforniens fließt dem Vernehmen nach kein Wasser, sondern Milch.
Crialese, vielleicht der Begabteste der neuen italienischen Filmemachergeneration, vereint die soziale Klarsicht Pasolinis und den symbolischen Surrealismus Fellinis. In den schönsten Szenen des Films, kleinen, kompositorischen Meisterwerken, verlieren sich die Figuren in ihren paradiesischen Tagträumen, die Crialese selbst auf den entwürdigenden Seziertischen der Einwanderungsbeamten nicht ganz der Entzauberung preisgibt.
"Golden Door" ist ein langsamer, bedächtiger Film, der wie "Lampedusa" besonders von der Aura einer schönen Frau lebt. Auf dem Auswandererschiff zieht die rätselhaft-entrückte Lucy (herrlich schmolllippig: Cannes-Gewinnerin Charlotte Gainsbourg, "Antichrist") alle Blicke auf sich. - Am Ende ist der Film vieles zugleich: eine zarte Liebesgeschichte, ein Historienstück, ein fantastischer Bilderbogen und eine politische Parabel, die in die Gegenwart weist. Vom afrikanischen Kontinent aus gesehen, schimmert sogar die Küste Süditaliens wie die goldene Pforte zu einer besseren Welt.
Jens Szameit
Die entrückte Passagierin Lucy (Charlotte Gainsbourg) zieht auf dem Auswandererschiff alle Blicke auf sich. Stammt die rätselhafte Schöne aus besseren Verhältnissen? (ARTE / Memento Film)
Im gelobten Land angekommen muss sich der Sizilianer Salvatore Mancuso (Vincenzo Amato) den entwürdigenden Tests der Einwanderungsbehörde unterziehen. (ARTE / Memento Film)
Unterwegs ins gelobte Land: Die Passagiere des Auswanderdampfers träumen von einer paradiesischen Zukunft. (ARTE / Memento Film)
Die Idee ist wirklich ganz hübsch: Weil Worte manchmal eben einfach nicht ausreichen, fangen die Figuren in emotional kniffligen Situationen einfach an zu singen. Und zwar deutsche Lieder und Popsongs ...
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