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Die raue Stimme aus dem Jenseits
Die raue Stimme aus dem Jenseits“There ain’t no grave / can hold my body down” singt Johnny Cash mit gebrochener, aber unvermindert durchdringender Stimme. Der letzte Teil der von Rick Rubin produzierten American-Recordings-Reihe ist ein eindrucksvolles Vermächtnis eines großen Musikers. Anzeige
Das Album, das die 1994 begonnene Aufnahmeperiode abschließt, die Cash zu einem späten Comeback verhalf, erschien am 26. Februar – Cashs Geburtstag. Seit seinem Tod durch Lungenversagen im Jahr 2003 waren bereits mehrere Zusammenstellungen aus dem Nachlass des Man In Black aufgelegt worden. Neben Produzent Rick Rubin hat bis heute sein Sohn John Carter Cash maßgebliche Mitverantwortung für die Auswahl. Als er sich 2009 mit einer Remix-Anthologie einen üblen Fehlgriff leistete, wurde ihm Geschäftemacherei auf Kosten seines Vaters vorgeworfen. Ähnliche Stimmen ertönen auch zum Release von „American VI“, das 2006 erstmals angekündigt worden war. Mit „American V: A Hundred Highways“, der beeindruckenden Sammlung „Personal File“, sowie der umfangreichen Box „Unearthed“ ergibt das neue Album ein Vermächtnis, das umfangreicher ist, als die ganze American-Serie, die Cash zu Lebzeiten veröffentlichte. Ganz objektiv betrachtet ist der sechste auch sicher nicht der beste Teil der American Recordings. Darum soll es auch nicht gehen. Selbst auf seinen schwächeren Songs war Cash noch stets besser als alle vergleichbaren Songwriter. Es geht vielmehr darum, diese Stimme noch einmal zu hören, noch einmal mit zuvor nicht vernommenen Stücken, diese Stimme und diese Ausstrahlung, die seit 2003 ein klaffendes Loch auf der Musiklandkarte hinterlassen haben. Was wir hier hören können, ist der ganze Cash, der lebenskluge, der nachdenkliche Cash, der nah bei sich ist und nah bei Gott, und der nichts bereut. Wie wahnsinnig hat er in den letzten Monaten seines Lebens einen Song nach dem anderen aufgenommen, hat stets früh morgens mit Rick Rubin telefoniert, und ihn wissen lassen, ob er fit genug war, um sich vors Mikro zu setzen. Tag für Tag. „Man baut auf seine Fehler auf“, hat Cash einmal gesagt. „Man nutzt sie als Sprungbrett. Schließe die Tür zur Vergangenheit. Versuch nicht, deine Fehler zu vergessen, aber ergib dich ihnen auch nicht.“ Es besteht kein Zweifel, dass er danach gelebt hat. „I Corinthians 15:55“, der einzige Song auf der Platte, der von Cash selbst stammt, wirkt wie eine Anknüpfung an das prophetische „The Man Comes Around“. „O Death, where is thy sting / O Grave, where is thy victory / O Life, you are a shining path“ – das ist die volle Ladung des cash’schen Pathos. Nur wirkt es bei Cash weder kitschig noch deplaziert. Wieder einmal ist es ein sehr intimes Erlebnis, ihm zu lauschen. Die sanft gezupfte Gitarre, die Orgel, das Stampfen der Füße hält sich zurück. Der Fokus liegt auf J.R.’s brüchiger, physisch geschwächter aber dafür umso charismatischeren Stimme. Der Mann weiß, wovon er erzählt. Und vermutlich wusste er auch, dass er mit diesen Aufnahmen aus dem Jenseits zu seinem Publikum sprechen würde. Man kann das fühlen. Und doch wirkt die Melancholie seiner Verse nie schwer, nie belastend. Die zahlreichen Coverversionen sind auch hier wieder keine Cover im eigentlichen Sinne. Cash hat aus den Songs etwas gänzliche Eigenes gemacht, und die Stücke brauchen sich nicht hinter seiner grandiosen Trent-Reznor-Adaption „Hurt“ zu verstecken. Das titelgebende „Ain’t No Grave“ ist ein traditioneller Folk-Song, auf den Sheryl Crows „Redemption Day“ folgt. Leise sind diese Stücke, sehr leise, und „For The Good Times“, geschrieben von Cashs Weggefährten Kris Kristofferson fügt sich übergangslos ein, erinnert in seinem gesetzten Ton an die 50er. Die größte Überraschung ist das letzte Stück: Das beschwingte „Aloha Oe“, das augenzwinkernd und bedeutungsschwanger diese kleine Reise beschließt: „…until we’ll meet again.“ (gw) Gerrit Wustmann |
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