„Man fängt immer bei null an“
Der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke anlässlich der Oscar-Nominierung seines Spielfilms
„Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ im Interview.
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Herr Haneke, Ihr Film lebt besonders von der Rollenbesetzung der Kinder. Was haben Sie unternommen, um diese Kinder auszuwählen?
HANEKE: Es war meine große Angst bei dem Film, dass dieses ganze Räderwerk einer Produktion beginnt und ich die Kinder für die Rollen noch nicht gefunden habe. Deshalb haben wir schon ein halbes Jahr vor Produktionsbeginn das Casting gestartet. Ich hatte einige Casting-Direktoren, die zusammen mit ihren Assistenten ungefähr 7.000 Kinder gecastet haben. Wir wollten Gesichter finden, die man sich in dieser Zeit vorstellen kann, sozusagen altmodische Gesichter. Wir haben sogar Statisten aus Rumänien kommen lassen – Bauern aus der ländlichen Gegend, weil sie bei uns heute nicht mehr so aussehen wie die Bauern seinerzeit, das heißt von Wind und Wetter gegerbt. Das Casting war ein recht großer Aufwand.
Ist es schwieriger, mit Kindern zu arbeiten als mit erwachsenen Schauspielern?
HANEKE: Wenn die Kinder begabt sind, dann ist es sogar einfacher, mit Kindern zu arbeiten.
Haben Kinder die entsprechende Fantasie, versetzen sie sich in die Situation und
machen einfach. Das heißt, wenn ein Schauspieler einen Löwen spielt, spielt er
einen Löwen – wenn ein Kind einen Löwen spielt, dann ist das Kind der Löwe.
In Ihrem Film wird deutlich, dass religiöse Strenge und Gewalt in der Erziehung
ebenfalls Gewalt nach sich ziehen. Wie kann man Ihrer Meinung nach diesen
Zusammenhang durchbrechen?
HANEKE: In den heutigen Buchhandlungen gibt es immer einen eigenen Tisch mit
Erziehungsratgebern. Ich kann nicht sagen, was die richtige Erziehungsmethode
wäre. Das Schwierige ist, dass einem das viele Wissen nichts nützt, wenn man
selber Kinder hat. Erziehung ist immer eine Ad-hoc-Entscheidung, das heißt von
Person zu Person und von Ereignis zu Ereignis.
Für den Film haben Sie selbst die Idee gehabt, das Buch geschrieben und
den Film umgesetzt. Wann weiß man, dass die eigene Idee aufgeht?
HANEKE: Das weiß man erst, wenn der Film fertig ist. Das ist ja auch auf der einen Seite
das Spannende und auf der anderen Seite das Anstrengende an dem Beruf:
Man fängt immer bei null an – mit einem leeren Blatt Papier. Wenn Sie ein
Buch geschrieben haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie es zum Schluss
auch auf die Leinwand bringen.
Können Sie sich an den Punkt erinnern, an dem Sie sich sagten, es funktioniert?
HANEKE: Man hat an jedem Drehtag ein ungefähres Gefühl dafür, ob die Szenen gelungen sind. Und im Laufe des Films bekommt man ein Gefühl dafür, wie hoch der Prozentsatz
der misslungenen Elemente ist. Ich behaupte einmal, dass in keinem Film der Welt
aus der Sicht des Regisseurs alles hundertprozentig gelungen ist. Als Regisseur sieht
man eigentlich immer all das, was nicht funktioniert. Was funktioniert, wird erst
mal ausgeblendet. Gerade die Fehler bleiben im Gedächtnis haften – vor allem,
wenn man sich die eigenen Filme von früher anschaut. Das ist eine professionelle
Krankheit.
Sie haben schon sehr viele Preise bekommen für „Das weiße Band“ – nun wurden
Sie für den Oscar nominiert. Was bedeutet diese Nominierung für Sie?
HANEKE: Jeder Preis und jede gute Kritik nützt dem Film und befördert die zukünftigen Produktionsmöglichkeiten. Dazu dienen ja auch die Preise und auch die Kritiken:
Sie verbessern die Arbeitsmöglichkeiten der nächsten Projekte.
Ist die Zeitung für Sie eine Inspirationsquelle, um auf neue Ideen zu kommen?
HANEKE: Ja natürlich. Wenn meinen Studenten für Kurzfilme oder Filme nichts einfällt,
dann sage ich immer: Schlagt die Lokalseite einer Tageszeitung auf, da habt
ihr mindestens fünf Filmstoffe, denen ihr bloß nachzugehen braucht.
Haben Sie überhaupt noch Zeit, die Zeitung zu lesen?
HANEKE: Ich lese Zeitung meistens im Flugzeug. Sonst lese ich sie im Internet. Und ich
beginne natürlich immer mit dem Kulturteil. Das ist das professionelle Interesse
Nummer eins.
Wie war es für Sie, bei der Kampagne für die F.A.Z. einmal vor der Kamera
zu sitzen?
HANEKE: Ich fühle mich nicht sehr wohl vor der Kamera, ich bin immer lieber dahinter.
Aber es war eine amüsante Erfahrung. Außerdem war es eine gute Gelegenheit,
die Kinder aus dem Film wiederzusehen, die ja sehr gewachsen sind. Wenn man
ein bestimmtes Alter hat, fällt einem nicht mehr auf, wie schnell die Zeit vergeht.
Und wenn man Kinder nach einer gewissen Zeit wiedersieht, ist man verblüfft,
wie viel Zeit vergangen ist.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview wurde freundlicherweise von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Verfügung gestellt. (gw)
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Michael Haneke beim FAZ-Shooting (FAZ) |
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