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Tocotronic

Wider den heiligen Ernst

Band Tocotronic

"Das erste Album eines neuen Jahrzehnts" steht in großen Buchstaben auf dem Plakat, das "Schall und Wahn", die neue Platte von Tocotronic, bewerben soll. Das "zeitgenössische Punk-Album" (Dirk von Lowtzow) "Kapitulation" wurde seinerzeit in den Aushängen forsch als "Meisterwerk" beworben. Natürlich weiß man nie, ob derlei Lobhudeleien tatsächlich im Verantwortungsbereich der Band liegen oder nicht doch im Konferenzraum der Plattenfirma entworfen wurden, aber: Bescheidenheit geht irgendwie anders. Nun sind auch Tocotronic den Gesetzen eines Marktes unterworfen, haben ein Produkt zu verkaufen. Vor allem aber steckt in den hochtrabenden Worten durchaus ein Fünkchen Wahrheit. Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller, Schlagzeuger Arne Zank und Gitarrist Rick McPhail bleiben Typen, die sich etwas ausdenken. Wo das zuletzt konzeptuell relativ leicht umreißbar war, ist "Schall und Rauch" eine offenere Angelegenheit - mit all ihren Vor- und Nachteilen.

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Die Single führte dabei ein wenig in die Irre. Denn wie schon bei "Kapitulation" entschied sich die Band dafür, das Stück auszukoppeln, dessen Titel am meisten Strahlkraft hat. "Macht es nicht selbst" ist vielschichtiger, aber eben sehr einfach rezipierbarer Protest-Pop, der auch im klugen Formatradio stattfinden kann - oder eben "lauter, plakativer, geckiger", wie es Arne Zank beschreibt. "Wir machen das oft relativ bewusst, weil so eine Single stärker als ein Album Teil eines Verwertungskreislaufes ist. Sie wird unreflektierter wahrgenommen. Das ist etwas, was Leute einfach mal so hören", erklärt Dirk von Lowtzow. Deswegen würde man als Single einen Track veröffentlichen, der für sich stehe, der "nicht so verletzlich" sei, der ruhig auch "durchgenudelt" werden könne.

Die Botschaft des Songs ist für von Lowtzow dennoch wichtig: "Das Netzwerken wird zu einer Ideologie erhoben und ist so etwas wie das Makramee unserer Zeit. Da wird eine Heimwerkermentalität eingefordert, die extrem scheußlich sein kann." Es gehe dabei nicht unbedingt um den eigenen Facebook-Account: "Wo die Abscheu da anfängt, ist innerhalb der Band unterschiedlich. Da geht es aber eher um eine andere Ebene. Um das Netzwerk als Karrieretool und Networking als allerhöchste Disziplin einer kapitalistischen Gesellschaft. Kontakte sammeln wird zu einer Leistungsschau, der Kontakt wird zur eigentlichen Ware und zu kulturellem Kapital."

Alles außer Selbstbefriedigung, so singt von Lowtzow in dem Song, würde den Rücken krumm machen, im weiteren Verlauf der Platte wird "zwischen bumms und bi" oszilliert und der "Graf von Monte Shizo" singt den "Hit so". Klingt witzig, und in der Tat: "Sehr viel Gelächter" sei im Spiel, wenn Dirk von Lowtzow seinen Bandkollegen die Texte das erste Mal per Mail schickt. "Was oft während der Beschreibung unserer Musik unter den Teppich fällt, ist, dass da sehr viel Blödelei dabei ist", sagt Arne Zank. Gerade über die Stücke, die sehr dramatisch seien, könne man meistens auch lachen.

"Ich denke, es gibt bei uns seit den Anfängen Stellen, die sehr offensiv witzig sind. Speziell Indierock, der aus einem Männerzusammenhang kommt, ist oft unheimlich pathetisch und kommt mit heiligem Ernst daher. Oft ist er auch so schlecht gelaunt. Dem kann man mal einen gesunden Irr- und Aberwitz entgegenstellen", erklärt Dirk von Lowtzow. Dennoch verwahrt er sich gegen den Begriff einer Parallelwelt. Das klinge dann doch etwas zu sehr nach Science-Fiction. Gerade an einem Song wie "Macht es nicht selbst" würde man schließlich erkennen, dass die Tocotronicschen Songs durchaus eine diagnostische Reaktion auf Formen des zeitgenössischen Kapitalismus seien.

Trotzdem spielen beim nach einem Buch von William Faulkner betitelten "Schall und Wahn" auch andere Dinge eine Rolle. Etwa der Klang. "Das Album ist stärker vom Willen geprägt, auch mal die Musik sprechen zu lassen. Die Worte sollten sich mit der Musik zu einer untrennbaren Einheit verbinden", erzählt von Lowtzow. Dabei sei die Platte auch als Abschluss einer Trilogie zu sehen. "Wir haben die letzten drei Alben zusammen mit Moses Schneider in Berlin aufgenommen. Mit fast denselben Leuten, derselben Crew. Jetzt sind wir zu so einer Art Endpunkt gekommen, was nicht bedeutet, dass die nächste Platte nicht vielleicht wieder hier entsteht. Aber für uns fühlt es sich gut an zu sagen: Diese drei Platten gehören zusammen und bilden eine Einheit. Sie überschneiden sich ja teilweise auch von den Themen her."

Dabei stand in den letzten eineinhalb Jahren für Tocotronic auch die Vergangenheit immer mit im Raum: "Das war schon sehr ... erschreckend. Aber auch schön. Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich mit Jan zusammensaß und einen Live-Mitschnitt anhörte. Wir waren ganz baff, dass wir da ganz gut spielten. Da waren wir auf dem Höhepunkt unserer Virtuosität", sagt Zank und lacht. Dabei, so glaubt von Lowtzow, werde sich das neue Material auf der kommenden Konzertreise gut mit erprobten Live-Klassikern vertragen: "Wir haben die Platte live eingespielt. Klar, auf die ganzen Streicher wird man auf Tour verzichten müssen, das würde die Sitzplatzanzahl unseres Tourbusses sprengen. Aber gerade die etwas aufgebrocheneren Stücke dieser Platte kommen aus der Live-Verwertung des letzten Albums. So etwas passt sich immer gut aneinander an."

Jochen Overbeck


Rick McPhail (links), Jan Müller (zweiter von links), Arne Zank (zweiter von rechts) und Dirk von Lowtzow sind Tocotronic.
Rick McPhail (links), Jan Müller (zweiter von links), Arne Zank (zweiter von rechts) und Dirk von Lowtzow sind Tocotronic. (Sabine Reitmaier / Universal Music)

Tocotronic wollen auf ihrem neuen Album "Schall und Wahn" dem oft zu ernsten Indie-Rock einen "gesunden Irr- und Aberwitz" entgegenstellen.
Tocotronic wollen auf ihrem neuen Album "Schall und Wahn" dem oft zu ernsten Indie-Rock einen "gesunden Irr- und Aberwitz" entgegenstellen. (Sabine Reitmaier / Universal Music)

"Schall und Wahn" sei der Abschluss einer Trilogie, so Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow (rechts).
"Schall und Wahn" sei der Abschluss einer Trilogie, so Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow (rechts). (Sabine Reitmaier / Universal Music)

Datum: 27.01.2010

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