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Die Fremde
Die FremdeFamilienehre ist ein teures Gut: Sie zeugt von der Loyalität, von gesellschaftlichem Ansehen und von Tradition. Doch immer wieder wird die Öffentlichkeit von Meldungen aufgeschreckt, dass junge meist türkische Frauen von ihren eigenen Familienmitgliedern auf grausame Weise getötet wurden, weil sie die Ehre der Familie verletzt hätten. Als Grund für solche sogenannten "Ehrenmorde" wird in der Regel die zu westliche, zu offenherzige Lebensweise der Töchter oder Schwestern genannt. Mitte Februar erst wurde in der Türkei ein 16-jähriges Mädchen lebendig begraben, offenbar weil sie sich gegen die Gewaltausbrüche ihres Vaters mehrfach bei der Polizei beschwert hatte. Nun kommt ein Film in die Kinos, der die bedrängte Situation von türkischen Frauen aus solchen Familienhäusern beschreibt. In "Die Fremde" spielt Sibel Kekilli eine junge Mutter aus Istanbul, die aus den beklemmenden Verhältnissen ihrer Ehe nach Berlin zu ihren Eltern flüchtet, dort aber wegen ihres emanzipierten Schrittes nur auf Ablehnung stößt. Anzeige Die mächtige Stellung des Mannes in der türkischen Kultur mag kein Klischee sein. Doch Verallgemeinerung liegt Debütregisseurin Feo Aladag, die auch das Drehbuch schrieb, fern. Auch Hauptdarstellerin Kekilli plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung mit solch emotional aufgeladenen Begriffen wie "Ehrenmord": Es gebe viel zu wenige Filme, die sich mit Gewalt gegen Frauen in türkischen Familien ernsthaft auseinandersetzten, sagt die bald 30-jährige Schauspielerin. Nach ihrem Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin in Fatih Akins Beziehungsdrama "Gegen die Wand" zeigt sie einmal mehr, wie intensiv sie zerbrechlich wirkende und doch starke Frauenrollen darstellen kann. Kekilli ist als junge Türkin Umay zu sehen, die in Deutschland aufwuchs. Doch von ihren Eltern wird sie in die Türkei geschickt, um dort einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, geschweige denn näher kennt. Der beginnt sie irgendwann zu schlagen, zu vergewaltigen, einzuschüchtern. Sie versucht sich auf ihre Weise gegen die Gewaltausbrüche ihres Mannes zu wehren. Umay flieht mit ihrem kleinen Sohn Cem (Nizam Schiller) außer Landes, verlässt Istanbul und sucht Schutz bei ihrer in Berlin lebenden Familie. Doch dort ist man von der Abkehr von ihrem Ehemann keineswegs begeistert. Die Eltern lassen sie ihre Enttäuschung, ja sogar Anwiderung spüren. Die Verzweiflung ist Umay ins Gesicht geschrieben. Selbst ihr großer Bruder, der sein Gesicht nicht verlieren will, bedroht sie. Der Vater erleidet einen Herzanfall. "Die Fremde" strotzt dabei weniger vor körperlicher als vielmehr emotionaler Gewalt. So erschütternd die brutalen Übergriffe des Ehemanns Kemal (Ufuk Bayraktar) auch auf den Zuschauer wirken, ist es die Hoffnungslosigkeit der jungen Frau, sich keiner Unterstützung gewiss sein zu können, die am stärksten aufrüttelt. Der Schrei nach Gerechtigkeit ertönt immer wieder aus der Kehle Umays und wird doch nicht erhört. Wie Balsam wirken da die zarte Liebesbande zu ihrem Arbeitskollegen Stipe (Florian Lukas), die jedoch ihre Situation noch mehr verkomplizieren. Als der verlassene Gatte auch noch nach Deutschland reist, um seinen Sohn in die Türkei zu entführen, erscheint das aussichtslose Unglück komplett. Die Familie wendet sich gegen Umay - alle Liebe scheint zerstört. "Die Fremde" greift ein latent in der Medienberichterstattung vorkommendes Gesellschaftsproblem auf und versucht, die Hintergründe hinter den Schlagzeilen auszuleuchten. Filmemacherin Aladag steuert damit ein wichtiges Dokument zur hochaktuellen Migrationsdebatte bei. Ihre Inszenierung ist nicht alert, nicht sensationsheischend, sondern auf fast unerträgliche Weise zurückhaltend, sensibel, protokollierend. Die Unvereinbarkeit kultureller Abnormen wie Zwangsheirat und "Ehrenmord" mit dem freiheitlichen gleichberechtigten Zusammenleben von Männern und Frauen führt der Film nur allzu eindrücklich vor Augen. Er appelliert an das Engagement der Zuschauer, nicht wegzuschauen, sondern sich für Integration und Mitmenschlichkeit einzusetzen. Dabei hilft, dass auch die Männerrollen als zwiegespaltene Charaktere portraitiert werden, die mit ihren überlieferten Traditionen und Verhaltensmustern zu kämpfen haben und auch daran zerbrechen können. Leif Kramp |
Credits: Laufzeit: 119 Min. Kinostart:11.03.2010 |
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