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Das berichtigte Leben

Das berichtigte Leben

Philip Roth wird in diesem Jahr 77. Er hat den Pulitzer-Preis erhalten, den National Book Award für sein Lebenswerk – nur der Nobelpreis fehlt noch, und das obwohl er seit bald 20 Jahren nominiert ist. Sein neuer Roman „Die Demütigung“ sollte dem Komitee in Stockholm einen weiteren Anreiz liefern.

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Philip Roths Thema ist das Alter. Die Vergänglichkeit und ihre Bewusstwerdung. Seit einigen Jahren schon. Die Transzendenz des Lebens im letzten Augenblick. Und so wie er in „Jedermann“ auf höchst beeindruckende Weise das Leben als Ganzes auf engstem Raum gefasst hat, fasst er es nun auf eine Seite – die letzte Seite seines neuen Romans. Eine Nobelpreisseite.

„Das Alter ist ein Massaker“, schrieb er in „Jedermann“, einem Buch, das mit dem Tod beginnt und endet. In „Exit Ghost“ schickte er sein literarisches Alter Ego Nathan Zuckerman auf die letzte Reise. Zuckerman ist tot. Eine Dimension, die unvorstellbar war, als „Der Ghostwiter“ 1979 erschien.

Die letzte Reise hat Simon Axler, der Protagonist in „Die Demütigung“, bereits hinter sich. Oder glaubt es zumindest. Axler ist 65 und ein Schatten seiner selbst. Der große Theaterdarsteller, nach außen weiter ein Star, ist ein körperliches und seelisches Wrack. Ausgerechnet die Rolle des Macbeth markiert seinen Zusammenbruch. Er steht auf der Bühne und kann nicht mehr spielen. Kann nicht mehr überzeugen. Ist für das Publikum zusammengeschrumpft zur Witzfigur. Oder glaubt es zumindest. Er lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen, und dort spielt er sich selbst. Überhaupt spielt und überspielt er. Er schlüpft in Rollen ohne sich je zu finden, oder vielleicht auch um sich nicht finden zu müssen. Als er sich gerade völlig aus dem Leben zurückgezogen hat, trifft er Pegeen. Sie ist die Tochter von Freunden, ein Vierteljahrhundert jünger. Als sie geboren wurde war er es gewesen, der ihr ihren Namen gegeben hatte. Pegeen Mike. Es ist der Name einer Figur aus Synges Tragikomödie „Der Held der westlichen Welt“. In dem Stück hatte er die Rolle des James Flaherty gespielt – Pegeen Mikes Vater.

Pegeen ist lesbisch. Mit Axler lässt sie sich auf ein heterosexuelles Abenteuer ein. Die Warnungen vor dieser unglückseligen Verbindung nimmt Axler nicht wahr. Er verdrängt sie, spielt sie weg, im wahrsten Sinne des Wortes. Während er immer weniger in der Lage ist, die Realität von seiner eigenen Fiktion zu unterscheiden, bemerkt er gar nicht, dass nicht er, sondern sie es ist, die im Reigen der sexuellen Ausschweifungen längst die Regie übernommen hat. Sie verlässt ihn auf dem Höhepunkt des letzten Aktes, und es gibt kein Drama, sondern nichts als Leere.

Roth erzählt all das mit einer Dichte und Leichtigkeit, die man so selbst bei ihm noch nicht gesehen hat. Fast beiläufig und mühelos verwebt er die Ebenen seiner Geschichte ineinander, die überwältigend unaufdringliche Symbolik, die Referenzen auf Shakespeare, Synge, Kafka, Tschechow. Die Sprache bleibt dabei fast lakonisch. Kurze Sätze, das ganze Buch eingeteilt in drei Kapitel, strukturiert wie ein klassisches Bühnenstück. Und in jedem ihrer Elemente nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Obwohl man im Grunde weiß, was geschehen wird, ist man ob der Plötzlichkeit, mit der es dann geschieht, der Normalität, in die sich das Inferno hüllt, tief getroffen.

Das allein ist beeindruckend genug, das allein zeigt den großen jüdisch-amerikanischen Erzähler Philip Roth mit all seiner Kraft, mit all seiner Tiefe und Glaubwürdigkeit. Keinem anderen modernen Schriftsteller gelingt es, so authentisch und so eindringlich über das zu schreiben, was Leben ist. Das allein hätte allerspätestens nach „Sabbaths Theater“ die höchste Auszeichnung für einen Schriftsteller gerechtfertigt.

Und dann kommt sie, diese eine letzte Seite, diese Nobelpreisseite. „Dieses Buch muss man gelesen haben“ – das ist einer jener Feuilletonsätze, mit denen oft zu inflationär umgegangen wird. Aber hier stimmt er. Man muss dieses Buch gelesen haben, um diese eine Seite gelesen zu haben. (gw)

Philip Roth
„Die Demütigung“
144 Seiten
Hanser Verlg
15,90 Euro


Philip Roth - Die Demütigung (Hanser Verlag)
Philip Roth - Die Demütigung (Hanser Verlag)

Datum: 11.03.2010

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