"Ich war noch niemals in New York"? Kann gar nicht sein! Ein Klick, und man kann mitten auf dem Times Square stehen, den Blick virtuell nach oben richten und die majestätischen Hochhäuserfronten mit den riesigen Reklametafeln bewundern. Dass Google Street View ein faszinierendes Projekt ist, werden wohl selbst dessen größte Kritiker hierzulande einräumen. Dennoch widerstrebt ihnen der Gedanke, dass Touristen noch in diesem Jahr virtuell durch das Brandenburger Tor laufen, per Mauszeiger den Kölner Dom ansteuern und mittels Pfeiltaste einen Rundumblick über das Dresdner Elbufer bekommen. Der Spaziergang durch Deutschland wird für Google zum Hürdenlauf.
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Sie ist der ganze Stolz ihres Besitzers: Die dichte, undurchdringliche Koniferenhecke, die wie eine grüne Wand hinter dem hölzernen Gartenzaun emporragt. Kompromisslos wehrt sie die Blicke der Passanten ab, die mit ihrer Neugier das Idyll des Hausbewohners stören könnten. Und dann kam dieser Wagen mit der Rundum-Kamera auf dem Dach, deren Linse höher saß, als die Hecke wuchs. Dumm gelaufen für den Hobbygärtner? Nein - dumm für Google, befanden Dr. Thomas Dreier und Dr. Indra Spiecker vom Karlsruher Zentrum für Angewandte Rechtswissenschaft.
In einem Gutachten, das sie in Auftrag der rheinland-pfälzischen Landesregierung erstellten, kamen die Juristen zu dem Schluss, dass der Internet-Konzern mit den Aufnahmen gegen deutsches Recht verstoße: Die Abbildung von Straßenzügen sei zwar legal, doch nur, wenn die Aufnahme sich auf den Bereich beschränkt, der bei einer Augenhöhe von etwa zwei Metern sichtbar ist. Die Street-View-Fotos werden jedoch aus rund 2,5 Metern Höhe angefertigt. Falls sich Google von dem Gutachten beeindrucken lässt, hieße das im großen Stile Bilder löschen - denn viele Teile Deutschlands wurden bereits abfotografiert. Und wenn die Verantwortlichen sich schon durch die Panorama-Galerien klicken, können sie darin gleich nach Gebäuden in ländlichen Gegenden und Wohnhäusern "mit individualisierenden Eigenschaften" Ausschau halten. Denn auch diese dürfen laut Gutachten nicht gezeigt werden.
Bereits vor wenigen Tagen erklärte sich das als Datenkrake verschriene Unternehmen bereit, auf die Bedenken der Verbraucherschützer eingehen zu wollen: Googles Rechtsexperte Arnd Haller kündigte in der Präsentation von Street View an, man werde Gesichter und KFZ-Kennzeichen unkenntlich machen und auf Verlangen Fotos von Wohnungen oder Häuser entfernen - woraufhin Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sogleich eine Mustervorlage für den Widerspruch online stellen ließ.
In der Ministerin findet Google wohl die erbittertste Gegnerin der virtuellen Tour, die in den USA, Japan und vielen Teilen Europas und Australiens bereits verfügbar ist. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" verdammte sie die Datensammelwut der IT-Unternehmen und wies darauf hin, dass die Street-View-Fotos beispielsweise ein gefundenes Fressen für Einbrecher sein könnten - oder aber für Banken, die die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden einschätzen wollen. "Das Internet bietet uns viele Chancen, aber es beinhaltet eben auch Risiken", warnte sie.
Kritiker werfen Aigner indes vor, sich nur auf die Risiken zu versteifen: Es sei wichtiger, die Nutzer im richtigen Umgang mit den neuen Medien zu trainieren, statt alles verbieten zu wollen, formulierte August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchen-Verbandes Bitkom, gegenüber dem "Spiegel". Sein Vorschlag, einen Internetminister einzuberufen, der sich mit solchen Themen auseinandersetzt, stieß auf wenig Zustimmung: "Ich glaube nicht, dass die Wirksamkeit eines solchen Staatsministers die Lösung ist", stellte Kanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Cebit fest. Doch wie genau das Street-View-Problem nun zu lösen ist, bleibt ein schwarzer Fleck auf der Karte. Währenddessen müssen die Street Viewer in anderen Ländern Zerstreuung suchen - im abfotografierten Disneyland Paris, beispielsweise.
Annekatrin Liebisch
New York liegt so nah - mit Google Street View lässt sich eine Stadt virtuell erkunden. (maps.google.com)
London Calling - in der britischen Hauptstadt waren die Street View Kameras bereits unterwegs. (maps.google.com)
Die Oper von Sydney ist bereits in der Bilddatenbank von Street View. Bis auch die Semperoper ihren Platz darin findet, könnte noch viel Wasser die Elbe herunterfließen. (maps.google.com)