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Zeit des Zorns

Zeit des Zorns

Zum zweiten Mal in Folge konnte der iranische Regisseur Rafi Pitts in diesem Jahr auf der Berlinale überzeugen. Mit „Zeit des Zorns“ liefert er ein eindringliches, bildstarkes Meisterwerk ab.

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Pitts’ Film, der in Deutschland ab dem 8. April im Kino läuft, ist alles, was Kunst sein muss: Tiefgründig, eindringlich, bildgewaltig und ein unmissverständliches politisches Statement. Während das Regime in Teheran seit den Wahlfälschungen des vergangenen Sommers mit immer größerer Härte gegen Intellektuelle uns Künstler vorgeht und versucht, die Grüne Bewegung zu ersticken, feuert Pitts aus allen Rohren. Erst im März war einer seiner Assistenten ins Teheraner Evin-Gefängnis gesteckt worden, kam aber glücklicherweise gegen Kaution auf freien Fuß. Der Großteil der rund 3000 Häftlinge im Evin sind heute politische Gefangene, allen voran Filmemacher, Schriftsteller, Journalisten, Oppositionelle.

Rafi Pitts, der vorwiegend in Frankreich lebt, hat „Zeit des Zorns“ („Shekarchi“ im Original) in Teheran und Umgebung gedreht, was sicher kein leichtes Unterfangen war. Die iranische Zensurbehörde Ershad ist relativ unnachgiebig, und ihre größte Leistung besteht darin, aus pseudoreligiös begründeten Machtansprüchen heraus eine reichhaltige künstlerische Kultur zu sabotieren.

Der wortkarge Ali Alavi (Rafi Pitts als Regisseur und Hauptdarsteller) bleibt den ganzen Film über geheimnisvoll, im Grunde ein Yedermann mit einer exemplarischen Biographie. Er ist glücklich verheiratet - seine Frau spielt Mitra Hajjar so liebevoll, dass der Zuschauer durch nur wenige Blicke tief in die Beziehung der beiden hineingezogen wird – und hat eine kleine Tochter. Der Name des Protagonisten ist kein Zufall. Der Film basiert auf einer Erzählung des Schriftstellers Bozorg Alavi, eines Weggefährten Sadegh Hedayats, aus dem Jahr 1952 – der Zeit von Mossadegh, des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Irans, der im Zuge der Operation Ajax von den USA und England gestürzt und durch den Despoten Reza Pahlavi ersetzt wurde. Die Stimmung damals dürfte der heutigen zumindest ähnlich gewesen sein.

Ali ist Jäger. Er streift durch die Wälder und scheint nicht auf der Suche nach Beute, sondern vielmehr auf der Suche nach sich selbst und nach einem Leben zu sein, das im Falschen nicht funktionieren kann – bis seine Frau und seine Tochter erschossen werden. Bei einer Demonstration seien sie zwischen Polizei und Oppositionelle geraten, erzählt man ihm beim Amt, kalt, mitleidslos. Eine „verirrte Kugel“. Was folgt ist die Apokalypse eines Menschen, der den Druck und das Unrecht nicht mehr erträgt. Auf der Teheraner Stadtautobahn erschießt er zwei Polizisten, deren Kollegen ihn dann jagen. Wer hier Popcornkino erwartet, wird enttäuscht. Trotz der absichtlich plakativen Wendung lässt sich Pitts zu keinem Zeitpunkt auf die simple Klassifizierung von Jäger und Gejagtem, Gut und Böse ein. Die Zwischentöne, der ständige Zweifel, die Sprachlosigkeit machen diesen Film aus, in dem es keine Helden gibt. Pitts unterstreicht das mit einer intensiven Bildsprache, die vor allem durch Farblosigkeit besticht. Teheran ist grau in grau, die Wälder matt und leblos. Einzig im Bezug zu Alis Familie tauchen Farbtupfer auf, die eine unaufdringliche, aber sehr emotionale Symbolik transportieren.

„Zeit des Zorns“ ist ein mutiger und wichtiger Film, ein cinematographisches Aufbäumen gegen die Gängelung durch ein Regime, dessen Ansprüche mit der Lebensrealität der Bevölkerung nichts zu tun haben, und er sendet eine deutliche Botschaft an die Grüne Bewegung – eine Durchhalteparole, ein Ansporn, den Kampf gegen eine Regierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, keinesfalls aufzugeben. (gw)

Gerrit Wustmann


Zeit des Zorns Filmplakat (Neue Visionen)
Zeit des Zorns Filmplakat (Neue Visionen)

Filmszene "Zeit des Zorns" (Neue Visionen)
Filmszene "Zeit des Zorns" (Neue Visionen)

Zeit des Zorns: Graue Einsamkeit (neue Visionen)
Zeit des Zorns: Graue Einsamkeit (neue Visionen)

Datum: 08.04.2010

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