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Frauen in Iran: Interview mit der Mediendesignerin Peymaneh Luckow

Frauen in Iran: Interview mit der Mediendesignerin Peymaneh Luckow

Peymaneh Luckow, 32, hat für ihre Diplomarbeit modernes Mediendesign mit der fotographischen Dokumentation des Lebens der Frauen in Iran verbunden. 2009 wurde sie in den Kategorien Fotografie und Information mit dem iF communication design award ausgezeichnet.

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CineTreff: Für Ihre Diplomarbeit haben sie fotographisch den Alltag junger Frauen im Iran dokumentiert. Inwiefern unterscheidet er sich vom Alltag in Europa?

Das Leben von jungen Frauen im Iran ist nicht viel anders als das der Frauen in Europa. Die Vorstellungen und Erwartungen an das Leben sind fast identisch. Genauso wie die Frau im europäischen Raum möchte die moderne Iranerin intelligent, erfolgreich, schön und glücklich sein. Natürlich gibt es für Frauen im Alltag diverse Einschränkungen. Diese Anordnungen gehen von der Kleiderordnung (Kopftuch, Mantel etc.) über die Ausübung eines Berufs. Bis vor kurzem arbeiteten verheiratete Frauen nicht. Trotz aller Einschränkungen verschafft sich die moderne iranische Frau in vielen Bereichen des Lebens immer mehr Freiheiten. Ein Beispiel ist das Kopftuch, das sich der Mode anpasst und nur noch einen Teil des Kopfes bedeckt. Die häufig beim Friseur blondierten Haare schauen unter dem Kopftuch hervor und auch auffällige Sonnenbrillen sind bei iranischen Frauen sehr beliebt. Korrigierte Nasen gehören zum Schönheitsideal und mittlerweile zum Alltagsbild. Auch Bildung spielt für junge iranische Frauen eine große Rolle. Rund 65% der Universitätsabsolventen sind weiblich. Frauen im Iran erlernen heute Berufe, wie z. B. Ärztin, Lehrerin, Krankenschwester etc., mit denen sie sich einbringen können und die einen hohen Stellenwert haben. Das tun sie für Ihre Zukunft, für Ihre Unabhängigkeit. Die regionalen Unterschiede sind im Iran natürlich viel größer als in Europa. Das Leben in großen Städten ist sehr viel moderner und bietet somit auch mehr Freiheiten für die Frauen, als sie in den kleineren Städten hätten.

CineTreff: War es einfach, die Menschen als Fotomotive zu gewinnen, oder gab es auch Bedenken?

Ich habe viele Frauen auf der Straße kennen gelernt, in Supermärkten, Imbissbuden, Restaurants und Parks. Die Menschen dort sind sehr kommunikativ und so ergibt sich fast immer und überall die Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen. Sie sind sehr interessiert am Leben in Europa und daran, was die Deutschen über den Iran denken. Wenn ich dann über meine Diplomarbeit berichtete, haben sich viele überzeugen lassen und waren für ein Foto bereit. Um auch ein natürliches, nicht gestelltes Bild der Frauen im Iran zu zeigen, entstanden einige Fotos, die ich ohne das Wissen der Fotografierten gemacht habe.

CineTreff: Wie gehen die Menschen mit der Diskrepanz zwischen privatem und öffentlichem Leben um?

Die Menschen im Iran sind stark und mutig, und sie verlangen nach Veränderung. Dabei wird die Diskrepanz zwischen einer öffentlichen, islamischen Identität und einer privaten, oft säkularen Identität immer größer. Die hohe Jugendselbstmordrate, der steigende Drogenkonsum und der Drang vieler Jugendlicher nach rauschenden Partys werden häufig durch diese schwierige Situation ausgelöst. Anderseits sind die Jugendlichen sehr politisch, sie sind alles andere als teilnahmslos. Sie handeln sehr strategisch, um das zu bekommen, was sie wollen. Roter Lippenstift, pinke Mäntel und blondierte Haare sind nicht nur eine Frage der Mode, sondern ein politisches Statement. Es mag für uns oberflächlich klingen, aber hinter diesen äußerlichen Dingen steht eine intellektuelle Architektur.

CineTreff: Wie äußern sich die Repressionen des Regimes im Alltag?

Frauen sind zwar aktiv im öffentlichen Leben, und sie verlangen nach Gleichberechtigung, aber das Gesetz selbst diskriminiert Frauen. Beispielsweise sind Mädchen bereits mit neun Jahren strafmündig, Jungen erst mit 15 Jahren; als Zeugin gilt das Wort einer Frau nur halb so viel wie das eines Mannes; wenn eine Frau zum ersten Mal heiratet braucht sie - unabhängig von ihrem Alter und ihrer gesellschaftlichen Position - das Einverständnis ihres Vaters oder ihres Großvaters väterlicherseits. Auch im Falle einer Scheidung werden Frauen benachteiligt: eine Frau kann eine Scheidung beantragen, aber sie sollte einen vernünftigen Grund haben. Was ist ein vernünftiger Grund? Die Entscheidung darüber liegt in den Händen des Richters und der ist ein Mann. Frauen dürfen nicht als Richterinnen arbeiten. [Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi ist bis heute die einzige Ausnahme - Anm. d. Red.]

CineTreff: Wie gläubig sind die Iraner? Immerhin besteht die Bevölkerung zu über 70% aus Menschen, die unter 30 Jahre alt sind – und an der Revolution von 1979 in keiner Weise beteiligt waren…

Religion und Glaube gibt allen Menschen auf dieser Erde halt. Es ist egal ob man z.B. an Allah (Gott), Mohammed, Ali, Jesus, Zartosht oder auch Buddha glaubt. Wichtig ist dabei sich gut zu fühlen und das dieser Glaube freiwillig gelebt werden kann. Im Iran sind die Menschen teilweise sehr gläubig und stolz auf Ihren Glauben. Die junge Generation wurde ihr ganzes Leben mit dem Thema Religion konfrontiert wobei Intensität und Art des auslebens stark von der Erziehung und Bildung abhängt. Auch vor der Revolution waren die meisten Iraner Muslime. Doch werden auch alte nicht islamische Religionen (z.B. Zartosht) oder Bräuche (Tschahar Schanb-e Suri („Mittwochsfeuer“ etc) intensiv gelebt.

CineTreff: In Ihrer Arbeit verbinden Sie dokumentarische Fotographie mit Elementen des modernen Mediendesigns. Sehen Sie sich als politische Künstlerin? Wen möchten Sie mit Ihrer Arbeit ansprechen?

Ich möchte möglichst eine große Zielgruppe unabhängig von Geschlecht, Religion, Herkunft und Alter ansprechen. Es ist mir wichtig zu zeigen wie persische Frauen im Iran leben. Bilder aus dem Iran zu veröffentlichen (unabhängig vom Motiv) bedeutet auch immer ein politisches Statement abzugeben. Dem war ich mir im Vorfeld aber nicht so bewusst. Ich wurde also aufgrund der diversen Veröffentlichungen zur politischen Künstlerin wobei ich mich in dieser Rolle ganz wohl fühle.

CineTreff: Mediendesign ist eine Disziplin, die aus eher praktischen Erwägungen des Marketingbereichs entstand - glauben Sie, dass es das Zeug zu einer eigenständigen Kunstform hat?

Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. So würde das Johann Wolfgang von Goethe sagen. Für mich ist Kunst eine individuelle Äußerung in reiner Abstraktion – sonst nichts. Kunst ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eben nur Kunst – bestenfalls! Künstler zu sein, bedeutet nicht „nur“ kreativ zu sein, wie viele moderne Künstler glauben, sondern eben mit dieser Kreativität etwas auszusagen und bestenfalls Menschen emotional zu erreichen. Wenn die Werbung/Design usw. eine Botschaft transportieren kann und sogar die Gesellschaft zum nachdenken bringen kann, ist es aus meiner Sicht „Kunst“. Beispiele „Ich bin Deutschland“, Umwelt-Themen usw.

Alle Bilder wurden uns freundlicherweise von Peymaneh Luckow zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen unter www.peymaneh.de  

(gw)


Schleierhaft: Modernes Mediendesign...
Schleierhaft: Modernes Mediendesign...

... in Verbindung mit fotographischer Dokumentation.
... in Verbindung mit fotographischer Dokumentation.

Peymaneh Luckow
Peymaneh Luckow

Datum: 21.04.2010

 
Artikel ID 90000219

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