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Rheinische Rebellen: Goethe vs. HegemannKann man das Werk des Klassikers Goethe mit den Texten der skandalumwitterten Helene Hegemann in einen sinnvollen Zusammenhang bringen? In ihrer Inszenierung „Die Fassade beginnt zu bröckeln“ in der Halle Kalk in Köln entdecken die Rheinischen Rebellen 2.0 erstaunliche Parallelen und entwerfen ein wildes und kunterbuntes Gesamtkunstwerk. Anzeige An diesem Abend wird der Spieß umgedreht: Die Zuschauer in der Halle Kalk werden mit Plastikstühlen auf die eigentliche Bühne verfrachtet, während die Schauspieler der Rheinischen Rebellen 2.0 forsch den kompletten rotsamtigen Zuschauerrang einnehmen. Denn sie brauchen viel Platz: In der rund zwei Stunden dauernden Inszenierung "Deine Fassade beginnt zu bröckeln" geht es drunter und drüber, die 19 jungen Schauspieler turnen, tanzen und balancieren über die Sitzreihen, treten sie um, bemalen sie, verstecken sich hinter ihnen. Es ist der Versuch, die eigenen Grenzen auszuloten. Mehr als 230 Jahre liegen zwischen der Entstehung des Sturm und Drang-Klassikers "Die Leiden des jungen Werthers" von Goethe und dem Theaterstück "Ariel 15" von Helene Hegemann - doch die inhaltlichen Parallelen sind nicht zu übersehen. Es geht um die schwierige, aufregende und verwirrende Zeit der Pubertät, die gekennzeichnet ist von Selbstzweifeln, dem Wunsch nach Anerkennung und Liebe, dem durchdrehenden Hormonhaushalt. Das war schon so, als Werther im späten 18. Jahrhundert verzweifelt um die Aufmerksamkeit der schönen - und leider schon verlobten - Lotte buhlte. Und es ist ebenso Hauptthema im Leben der Hegemann'schen Protagonistin Lisa, die vor fast nichts zurückschreckt, um sich dem Liebsten an den Hals werfen zu können. Beide müssen nach und nach feststellen: Wenn es nicht die Eltern sind, die dir Grenzen setzen, so ist es das Leben selbst, gegen das du rebellieren musst. Während Werther letztendlich unter dem Druck seiner eigenen Ansprüche zugrunde geht und sich umbringt, langweilt das erst 15-jährige Mädchen bei Hegemann sich in ihrer scheinbar grenzenlosen Freiheit fast zu Tode. Der szenischen Leiterin Anna Horn ist mit dieser Inszenierung etwas besonderes gelungen: Mehrere Monate lang ließ sie die Jugendlichen getrennt proben, die Jungs spielten den Werther, die Mädchen Hegemann. Wenn sie nun gemeinsam auf der Bühne stehen, verweben sich die beiden Bestandteile nur oberflächlich ineinander: Es wird körperlich gemeinsam gespielt, doch die Texte bleiben strikt getrennt, es gibt keine gemischt-geschlechtlichen Dialoge. Das wirkt gelegentlich seltsam, lässt die Zuschauer aber den Überblick behalten. Denn ein Mix aus der überbordend emotionalen Gefühlssprache Goethes und den teilweise angestrengt und allzu künstlich wirkenden Worten Hegemanns wäre vielleicht doch zuviel des Guten gewesen. Stückbrief: Es spielen: Leni Aldermann, Lisa Altmeier, Judith Altmeyer, Philip Arnold, David Dybsky, Julia Fischer, Luan Gummich, Linda Hofmann, Julie Laur, Lilli Lorenz, Gregor Müller, Gemina Picht, Anja Predeick, Fabian Ringel, Hannah Rumstedt, Tilman Singer, Marie-Christine Steegman, Marie Josefin Stute, Roland Werning Dramaturgie: Lena Schwefer, Andreas Wisskirchen Szenische Leitung: Anna Horn Bühne: Lena Thelen Kostüm: Barbara Eck, Luisa Horn Julia Schmitz (gw) |
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