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Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

Erst in jüngster Zeit wurden in Iran wieder mehrere Zeitungen verboten, Filmemacher und Schriftsteller inhaftliert. Nun ist mit „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ (Unionsverlag 2010, ISBN 978-3-293-00415-3) von Shahriar Mandanipur ein Buch erschienen, das die ganze Tragweite der Zensurpraxis seit der Islamischen Revolution 1979 darstellt.

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Der 1957 im iranischen Shiraz geborene studierte Politikwissenschaftler und Schriftsteller Shahriar Mandanipur ist in Iran keineswegs unbekannt. Er hat dort mehrere Bücher veröffentlicht, wurde mit Preisen geehrt – und war Chefredakteur der Literaturzeitschrift Asr-e Pandjshanbeh, die im vergangenen Sommer der Zensur zum Opfer fiel.

Welch absurde Blüten damit einhergehen zeigte zuletzt der Fall von Mahmoud Doulatabadi, der als einer der bedeutendsten iranischen Gegenwartsautoren gilt. Dessen aktueller, von Bahman Nirumand ins Deutsche übertragener Roman „Der Colonel“ wurde von der Behörde als „Meisterwerk“ bezeichnet – und mit Publikationsverbot belegt. Das Buch könne man unmöglich zensieren, erscheinen lassen aber auch nicht. Ebenfalls bisher nur in Deutschland erschienen ist der Roman „Teheran, Revolutionsstraße“, in dem sich der Iraner Amir Hassan Cheheltan mit Folter und Unterdrückung in der Theokratie auseinandersetzt. Dem nächsten Band, „Hunde Töten in Teheran“, der für 2010 angekündigt ist, dürfte es ähnlich ergehen.

Und natürlich durfte auch Mandanipurs „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ in Iran nicht erscheinen. Mandanipur, der derzeit einen Lehrauftrag in Harvard hat, beschreibt darin aus Sicht des Schriftstellers, der eine Liebesgeschichte verfassen will, minutiös, welche Untiefen iranische Autoren umschiffen müssen, und weshalb sich viele Gegenwartsautoren, wenn sie veröffentlichen wollen, der blumigen und metaphernreichen Sprache der persischen Klassiker von Hafez über Rumi bis Nizami bedienen. Über zensierte Texte beispielsweise wird gar nicht geschrieben, sondern, wenn überhaupt, über Texte, die mit abgebrochenem Stift geschrieben wurden.

Und so ist die Romanze von Sara und Dara schon an sich interessant, denn sie gibt auch tiefe Einblicke in die Probleme, mit denen sich junge verliebte Iraner auseinandersetzen müssen. Sich einfach kennen zu lernen, ins Kino zu gehen oder gar in eine Kneipe (Alkohol ist in Iran verboten), Hand in Hand durch Teheran zu schlendern – undenkbar. Die strengen Gesetze werden in der Öffentlichkeit von der Sittenpolizei überwacht, die dafür sorgt, dass Männer und Frauen (es sei denn sie sind verwandt oder verheiratet) sich bloß nicht zu nahe kommen. Im schlimmsten Fall kann schon harmloses Flirten oder ein ganz und gar unbedachter Blickwechsel zu Problemen führen. Nein, die beiden müssen sich heimlich aneinander annähern, indem sie vorsichtig Nachrichten füreinander hinterlassen (bezeichnenderweise in Büchern einer öffentlichen Bibliothek) und sich nur treffen, wenn sie sich absolut unbeobachtet wähnen. Wenn in Iran ein Liebespaar offiziell zueinander findet, hat es oft schon allerlei Strapazen hinter sich.

Mandanipur unterbricht seine Geschichte: Erstens, indem er Sätze streicht, manchmal ganze Absätze, und dann erläutert, warum das gerade geschriebene die Zensur unmöglich passieren kann. Ein Beispiel für einen zensierten Satz: „Und zum ersten Mal im weiten Universum blicken sie sich in die Augen.“ Das geht nicht, das lassen die Sittenwächter nicht durchgehen. Dasselbe gilt für kleinste Berührungen, und alles auch nur im Entferntesten Sexuelle geht freilich überhaupt nicht. In iranischen Fernsehserien, so schreibt Mandanipur, geht das so weit, dass Ehepaare nichtmal das Bett miteinander teilen und möglichst nie unter sich sind – es könnte im Zuschauer ja unzüchtige Gedanken wecken.

Theoretisch könne er, so schreibt er, Sara und Dara eine glückliche Zeit verleben lassen, unter der Voraussetzung, dass er ihnen am Ende eine höllische Strafe zuteil werden lässt – das würde die Zensurbehörde dann als Lehrstück auffassen und genehmigen. Vor allem wird deutlich, wie sehr iranische Literaten mit der Schere im Kopf arbeiten müssen, wie sehr sie ihre Inhalte verfremden müssen, um eine Aussicht darauf zu haben, dass ihr Buch irgendwann erscheint.

Über den ganzen Roman hinweg erschafft Mandanipur ein Panorama eines Lebens unter Bedingungen, die eine düstere, bedrückende Stimmung hervorrufen. Wer frei ist, der ist es nur, weil er sich selbst gefangen hält. Er zeichnet ein detailliertes Bild einer Gesellschaft, die immer neue Wege suchen muss, um ihre zwischenmenschlichen und kulturellen Bedürfnisse ausleben zu können, und das in einem Land wie Iran, das eine lange und unglaublich reichhaltige Kultur besitzt – was in der kleinen Reise durch die iranische Literatur- und Kulturgeschichte anklingt, die Mandanipur als kleinen Bonus mitliefert.

Ganz am Rande taucht dann ein Element auf, das zunehmend Freiheit in die Unfreiheit bringt. Das Internet. Als Sara und Dara ungezwungen chatten denkt man natürlich an den Blogger- und Twittersturm vom Sommer 2009, den das Regime in Teheran auch mit massiven Eingriffen in die digitale Infrastruktur nicht zu zügeln vermochte. (gw)


Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren (Unionsverlag)
Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren (Unionsverlag)

Datum: 01.05.2010

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