Michael Arenz: Davongeschwommene Felle
„Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle. Poeme“ – hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich bereits der zweite Gedichtband, den der Bochumer Lyriker Michael Arenz in der Silver Horse Edition veröffentlicht.
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Michael Arenz’ Gedichte zu lesen ist, als würde man eine Zeitreise in die Siebziger unternehmen. Es schwingt darin der Sound von Fauser, Brinkmann, Wondratschek – auf eine ganz eigene Art. Es ist eine rotzig-dreckig-lässige Lyrik, eingängig und gut wie ein guter Rocksong, der sich erst erschließt, wenn man all seine Untertöne wirklich erfasst hat. Eine Lyrik, an der Cash, Jagger und Rose ihre Freude hätten. Vermutlich sogar Morrison.
Michael Arenz nimmt den Leser mit auf Streifzüge durch eine fragile Realität, die beim geringsten Zweifel auseinanderbricht. Diesen Zweifel schmettert er gekonnt und gezielt in seine Pointen, fegt mit der Basedrum durch das tiefergestimmte Solo.
Die Themen sind das Leben selbst, so ganz absurd und irre, wie es wirklich ist, und immer die Entwicklung des Gedankens im Strom der Wahrnehmung. Die Beiläufigkeit ist auch ein großes Thema: Die Beiläufigkeit, mit der die Bestatter eine Zigarette rauchen, nachdem sie ihre Ware verladen haben; die Beiläufigkeit, mit der Leben einander begegnen ohne einander zu erfassen. Aus der großen Alltäglichkeit pickt sich Arenz die kleinen Momente heraus. Am nördlichen Ende des Bahnsteigs sitzt ein Mann, er „hält sich fern / von der Bahnsteigkante / Nichts geht mehr / und erst recht / bleibt nichts steh’n.“
Ein anderer kämpft sich durch den morgendlichen Pendlerdschungel und betrachtet die Gesichter: „die Leute sitzen / in der Linie 703 / sie tun gelangweilt / dabei sehen sie aus / als müssten sie gleich / vom 10-Meter-Brett / in ein Bassin ohne Wasser / springen / und so ist es ja auch“. Ein anderer, heranwachsender, gewinnt eine leise Ahnung dessen, was die Betrübtheit, die immer anwesende Beschwertheit der Älteren ausmacht, er weiß, dass es nicht mehr lange dauert, bis er sie begreift. Das ist fast schon Heidegger, der die Sorge als wesentliches Element des Seins definiert.
Auch die Veränderung, das Alter ist ein Thema, das, was Philip Roth als „Massaker“ bezeichnet hat. Am Tag werden Schumanns Nachtstücke gehört, Straßen verschwinden, und Gott fasst sich an die Stirn, als er sein Werk betrachtet.
Einer dieser Lyrikbände, die man viel zu schnell gelesen hat, die einem viel zu kurz erscheinen. (gw)
Michael Arenz „Die Vulgarität der Davongeschwommenen Felle. Poeme“ Silver Horse Edition, Marklkofen 2010 6,80 Euro
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Michael Arenz: Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle |
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