logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film La Isla – Archive einer Tragödie
La Isla – Archive einer Tragödie

La Isla – Archive einer Tragödie

Der Staatsterror in Guatemala ist ein bisher kaum aufgearbeitetes Kapitel in der Geschichte Mittelamerikas. Erst 2005 wurden die Archive der Geheimpolizei in Guatemala Stadt gefunden. Dem deutschen Regisseur Uli Stelzner ist es als erstem gelungen, dort eine Drehgenehmigung zu bekommen. Vor Ort hat sein Film noch heute mit Widerständen zu kämpfen.

Anzeige

 

Vor vierzehn Jahren, 1996, endete der blutige Bürgerkrieg in Guatemala, den unzähligen Menschen mit dem Leben bezahlten. Mitten in Guatemala Stadt lag zu jener Zeit „die Insel“ – La Isla. Ein Geheimgefängnis der Policia Nacional, dem verlängerten Arm des herrschenden Terrorregimes. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Polizeischule.

Uli Stelzner hat seinen eindringlichen Dokumentarfilm gegen viele Widerstände durchsetzen müssen – bis zur Premiere vor Ort, die von Offiziellen noch in letzter Minute verhindert werden sollte, dann aber doch stattgefunden hat. Das Archiv beherbergt Dokumente der Unmenschlichkeit, der dunkelsten Seite rücksichtsloser und menschenverachtender Machtpolitik. Sie belegen die Verbrechen von Politik, Polizei und Militär gegen die eigene Bevölkerung – und einige der Täter von damals sind bis heute im Amt, wesentliche Teile der regierenden konservativen Partido Patriota haben eine unrühmliche Vergangenheit. Natürlich haben diese Leute kein großes Interesse daran, dass Guatemala sich offen mit seiner Geschichte auseinandersetzt, erst recht haben sie kein Interesse daran, dass ein Regisseur aus dem Ausland einen Film vorführt, in dem sie namentlich genannt und mit ihren schwarz auf weiß belegten Taten in Verbindung gebracht werden. Das erinnert nicht zufällig an die ersten Jahre im Deutschland nach 1945, wo ehemalige NSDAP-Größen weiter kräftig in der Politik mitmischten.

Die besondere Stärke des Films, abgesehen von der Thematik und seiner politischen Brisanz, ist die unkonventionelle Inszenierung, die Stelzner als Ausnahmeregisseur zeigt. Zum einen weiß er, seine Zeitzeugen ebenso wie die Dokumente des Terrors in Szene zu setzen, ohne in Effekthascherei zu verfallen. Er macht dem Zuschauer bewusst, dass der Drehort – das Archiv – ein Ort ist, an dem Menschen gefoltert und ermordet wurden. Indem er die Dokumente dieser Verbrechen an die kalten Wände projiziert, die vermutlich das sind, was zahllose Menschen im Augenblick ihres Todes zuletzt gesehen haben, schafft er eine beklemmende Eindringlichkeit, untermalt von Celloklänge, die immer mit der passenden Zurückhaltung und nie pathetisch eingefügt sind. Der Film hat somit alles, was gutes Filmen ausmacht: Eine höchst künstlerische, innovative Inszenierung gepaart mit Inhalten, die „La Isla“ zum Dokument der jüngsten Zeitgeschichte werden lassen.

Umso unverständlicher, dass der Film bisher, trotz reger und begeisterter Festivalauswertung, keinen Vertrieb gefunden hat und kein Sender Interesse bekundet hat. So wird er zugleich zum Mahnmal gegen die Mutlosigkeit der deutschen Filmindustrie, die sich mehr für halbgare Betroffenheitsdokus a la Guido Knopp oder Scholl-Latour interessiert. Stelzner zeigt die Funktionalität von Staatsterror, gibt den Opfern ein Gesicht und entlarvt die teils noch heute amtierenden Täter, in dem er kompromittierendes Filmmaterial von ihnen verwendet. Stelzners Film ist, ohne Übertreibung, ein Meisterwerk und ein Meilenstein des Dokumentarfilms.

Uli Stelzner stellt „La Isla“ persönlich am 29. und 30. Mai 2010 im Berliner Lichtblick-Kino (Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg) vor. (gw)


La Isla - Archive einer Tragödie - Meilenstein des Dokumentarfilms (OmU)
La Isla - Archive einer Tragödie - Meilenstein des Dokumentarfilms (OmU)

Datum: 27.05.2010

Facebook aktivieren

Diskussion: "La Isla – Archive einer Tragödie"

Um eine Diskussion zu "La Isla – Archive einer Tragödie" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 90000250

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Mutter und Tochter vertauschen ihre Körper: "Freaky Friday"
    Zu dünn für Hollywood? Ja, das gibt's tatsächlich. Die Macher der Fantasy-Komödie "The Other Side" wollen offensichtlich ein Zeichen gegen den Magerwahn setzen und haben ihre Hauptdarstellerin Lindsay ...

    "Shoppen" blickt hinter die glatte Fassade der Großstadt-Singles
    "Wir haben zwar verlernt, uns zu verlieben, aber einkaufen können wir." So bringt Autor, Regisseur und Produzent Ralf Westhoff das Prinzip des Speed-Datings auf den Punkt. Wer bezahlt, bekommt potenziell ...

    Feel-Bad-Movie: "Die Kunst des negativen Denkens"
    "Ich will diese Idioten nicht im Haus haben!", schreit Geirr, ein querschnittsgelähmter Mann, und bewirft seine Gäste mit allem, was er in die Finger bekommt. Die scheinen jedoch von seinem Benehmen ganz ...

    "Fargo" zeigt die Coens auf der Höhe ihrer Kunst
    Das überrascht heute immer noch: Der schräge Kriminalfilm der Coen-Brüder „Fargo“ gewann 1997 tatsächlich ganze zwei Oscars. Man erinnert sich noch an die rührende Rede der Siegerin Frances McDormand, ...

    Teenager haben es in "Thumbsucker" nicht leicht
    Man kann über "Thumbsucker" (2004) eine Menge Positives sagen: Zum Beispiel, dass er so bissig ist wie "American Beauty" und so liebevoll wie "Magnolia". Lou Taylor Pucci, der Daumen lutschende Hauptdarsteller ...

    Wird "Brüno" noch stärker einschlagen als "Borat"?
    Besser als „Borat“, meinen manche, die „Brüno“ gesehen haben. Doch das sind nicht viele. Denn das neue kontroverse Werk von Kult-Comedian Sasha Baron Cohen wurde der Presse bis wenige Tage vor Start vorenthalten. ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 8546 - task = view - option = com_content - limitstart= 0