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Die Erfindung des jüdischen Volkes

Die Erfindung des jüdischen Volkes

Dass das Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ des israelischen Historikers Shlomo Sand in den überregionalen deutschen Massenmedien weitgehend ignoriert wurde, spricht für die Seriosität des Werkes. Es demontiert den Gründungsmythos Israels von Vertreibung und Wiederheimführung und berührt damit ein Tabu der willfährigen Political Correctness. Zwar konnte eine Handvoll Kritiker in Deutschland und Israel einzelne Aspekte von Sands Untersuchungen ankratzen, seine Kernthese aber nicht.

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Shlomo Sand wurde in Österreich geboren. Im Alter von zwei Jahren übersiedelte er 1948 mit seiner 1948 nach Israel. Er kämpfte als Soldat im Krieg von 1967 und war Mitglied der antizionistischen Gruppierung Matzpen, bis diese das Existenzrecht Israels in Frage stellte, was er selbst bis heute nicht tut. Dennoch stößt seine Analogie zur Staatsgründung auf Empörung. Er vergleicht das, was die Palästinenser Naqba (Katastrophe) nennen, mit einer Vergewaltigung und sagt, dass man ja auch einem durch Vergewaltigung gezeugten Kind nicht das Lebensrecht abspreche. Das Schlimmste für Sands Gegner ist vermutlich die Schlüssigkeit dieses Bildes.

Die konstitutive Begründung der Existenz des Staates Israel basiert auf der Theorie, das jüdische Volk sei der rechtmäßige Eigentümer Palästinas, das rund 2000 Jahre nach seiner Vertreibung in sein Heimatland zurückgekehrt sei. Diese Lesart stimmte bisher auch mit der offiziellen Geschichtsschreibung überein, die Shlomo Sand nun als „konstruiert“ bezeichnet. Sie sei im Blick politischen und geostrategischen Kalküls entstanden und so nicht haltbar. Der Kernpunkt dafür, dass Sand von offizieller Seite entweder verrissen oder gänzlich ignoriert wird, ist aber seine titelgebende Aussage: So etwas wie ein jüdisches Volk existiert gar nicht.

Das Problem daran: Die Annahme der Existenz eines jüdischen Volkes ist ein wesentlicher Pfeiler in der Begründung der Existenz des Staates Israel.

Inzwischen versuchen sogar Genetiker, Sand zu widerlegen, indem sie nachweisen wollen, dass die heutigen Bewohner Israels von den damals vertriebenen Abstammen und über ähnliche genetische Merkmale verfügen. Man kann solche aberwitzigen Experimente nur um des Rechthabens Willen durchaus als Rassenforschung sehen. Sand lässt sich davon nicht beirren, auch nicht von der Isolation in seiner Heimat Tel Aviv, der er ausgesetzt ist, seit sich aufgrund seiner Arbeit Freunde und Kollegen von ihm distanziert haben. Sands Kernthese: Es gibt kein jüdisches Volk, das durch Merkmale wie eine gemeinsame Abstammung, Sprache, Kultur einen gemeinsamen Nationalismus rechtfertigen kann. Es gebe lediglich eine jüdische Religionsgemeinschaft, die sich vor allem mittels Missionierung ausgebreitet habe.

Bezeichnenderweise beginnt Sand sein Buch nicht mit wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern indem er die Biographien von Menschen nachvollzieht, die auf den verschiedensten Wegen nach Israel gelangt sind und ihr Selbstverständnis als Menschen keineswegs aus dem Judentum ableiten; er bringt auch das tragische, aber im heutigen Israel nicht seltene Beispiel einer Person, die Diskriminierungen ausgesetzt ist, weil nur ein Elternteil jüdisch war, und die deshalb nicht als vollwertig jüdisch im Sinne der israelischen Gesetze anerkannt wird. Mit diesen wichtigen Beispielen auf der direkten Ebene des tatsächlichen realen Lebens zeichnet er das Dilemma einer Nation, deren Identität auf wackeligen Füßen steht. Denn damit entlarvt er eben jene behauptete Identität als Staatspropaganda.

Er geht noch weiter: Nicht nur widerlegt er die Behauptung, die israelische Bevölkerung sei eine Ethnie, sondern er fragt auch, wer denn, wenn überhaupt ethnischer Nachfahre der ursprünglich in Palästina lebenden Juden sei – die Antwort sind die heutigen Palästinenser.

Trotz mancher kleinerer Lücken ist Sands Argumentation schlüssig und historisch nachvollziehbar weil belegt. Ebenso seine Analyse der Frage, warum der israelische Gründungsmythos überhaupt so verfestigt werden konnte.

Dass solch ein Buch in Israel, Europa und den USA auf Gegenwehr stoßen würde, war klar. Bis heute tun sich Politik und Medien schwer damit, Kritik an Israel zu üben, bis heute werden Redeverbote erteilt, bis heute gibt es Dinge, die offiziell nicht gedacht werden dürfen. Sands Kollege Norman G. Finkelstein hat 2005 ein Buch zu diesem Dilemma publiziert, dessen Aktualität ungebrochen ist: „Antisemitismus als politische Waffe“. Denn: Wer heute Israel kritisiert, wer anprangert, dass Israel den Atomwaffensperrvertrag missachtet, das Völkerrecht mit Füßen tritt, Angriffskriege führt, die Palästinenser unterdrückt ohne an Frieden interessiert zu sein, durch sein aggressives Verhalten Konflikte im Nahen Osten schürt, im Inland eine unsägliche Zweiklassengesellschaft kultiviert – wer all diese Tatsachen anspricht, der wird schnell als Antisemit gebrandmarkt, obwohl Antisemitismus und berechtigte Kritik an politischen und militärischen Verbrechen zwei verschiedene Schuhe sind.

Insbesondere in Deutschland herrscht gegenüber Israel ein fataler Kadavergehorsam, der mit dem Holocaust begründet wird. Gerade aber die Schrecken des Genozids und der andauernden Repression nicht nur gegenüber Juden, sondern auch Zigeunern, Behinderten, Andersgläubigen, Abweichlern und vielen weiteren, die im Dritten Reich herrschten, sollten Grund sein, jegliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verurteilen und zu ächten. Eben das ist auch die Haltung Sands, Finkelsteins und zahlreicher weiterer jüdischer Intellektueller, die den Staat Israel kritisieren. Irrigerweise werden sogar sie von den blinden Verfechtern der zionistischen Ideologie als „Antisemiten“ bezeichnet.

Shlomo Sands Buch ist ein wichtiger, lesbarer und lesenswerter Beitrag, der mit rationalen Argumenten versucht, die Deutungshoheit in einer verlogen geführten Debatte anzukratzen. Ein wichtiges Buch, dessen volle Bedeutung erst in einigen Jahren ersichtlich werden wird.

Gerrit Wustmann


Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes - Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (Propyläen)
Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes - Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (Propyläen)

Datum: 20.06.2010

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