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Brinkmanns Zorn

Brinkmanns Zorn

„Einer jener klassischen“, das ist der Titel eines der vielleicht schönsten Gedichte über Köln, verfasst von dem leidenschaftlichen Köln-Hasser Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975). Das „ungestüme Genie Brinkmann“, wie Axel Kutsch ihn charakterisierte, war neben Thomas Kling der letzte große Erneuerer der deutschen Lyrik. Harald Bergmanns biographisch-dokumentarischer Spielfilm „Brinkmanns Zorn“ ist als umfassender Director’s Cut auf DVD erschienen.

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Leider, wie üblich bei Arbeiten, die nicht nur einen gewissen intellektuellen Anspruch haben, sondern zudem auch noch stilistisches Neuland betreten, war der Film, als er im Frühjahr 2007 in die Kinos kam, nur mäßig erfolgreich. Sogar in Köln, wo Rolf Dieter Brinkmann Jahre lang in der Engelbertstraße gewohnt hatte, wurde er schon nach wenigen Tagen abgesetzt. Dabei hatte es noch 2006 im Kunsthaus Rhenania am Kölner Rheinufer eine beeindruckende Brinkmann-Ausstellung gegeben.

Sicher, der Film ist nicht einfach, er setzt vor allen Dingen ein Mindestmaß an Kenntnis des brinkmannschen Werks voraus. Brinkmann wurde 1940 im ländlichen Vechta geboren, zog 1962 nach Köln, um dort Pädagogik zu studieren, was er aber zugunsten des Lebens als freier Schriftsteller aufgab. Seine frühen Arbeiten waren vom Nouveau Roman beeinflusst. Die Faszination für die genaue Beobachtung, das sprachliche Erfassen der kleinsten Details – eine Technik, die der Franzose Alain Robbe-Grillet perfektioniert hat – zieht sich wie ein roter Faden durch Brinkmanns Lyrik und Prosa. Als Übersetzer brachte er in der 1969 erschienen legendären Anthologie „ACID“ (zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla) die Erzähler der amerikanischen Pop-Literatur Burroughs, Bukowski, Kerouac, O’Hara und andere nach Deutschland. Sein einziger Roman „Keiner weiß mehr“ (1968) ist ein eindringliches Panorama der verlorenen Seele, des Menschen, der inmitten von Beziehungschaos, Großstadteinöde und gnadenloser Selbstreflexion versucht, die Position des unangepassten Individuums inmitten einer von Massenmedien dominierten Welt zu verorten.

1975 reiste Brinkmann nach Cambridge zu einem Poesie-Festival. Diese seine letzte Lesung liegt auch als Hörbuch vor. In London, einen Tag vor seinem geplanten Rückflug nach Köln, überquerte er die Straße gegenüber dem Pub „Shakespeare“ und übersah den Linksverkehr. Ein Auto erfasste und tötete ihn. Sein posthum erschienenes Buch „Westwärts 1&2“ (1975) gilt als der Lyrikband der 70er schlechthin. Nach seinem Tod wurde Brinkmann für sein Gesamtwerk mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.

Der Kinofilm „Brinkmanns Zorn“ beginnt mit einem wütenden Brinkmann, der, sein Mikro in der Hand, im Jahr 1973 ekstatisch den „schmutzig-gelben Kölner Himmel“, einen „verdammten Scheißdreck von Himmel“ beschimpft. Zu dieser Zeit befand er sich im Konflikt mit sich und seiner literarischen Arbeit. Er war der Auffassung, Worte seien in einer medial kontrollierten Welt nicht mehr in der Lage, die Realität zu erfassen. Also bewaffnete er sich mit Super8-Kamera und Mikrofon, und zog durch die Stadt. Dabei registrierte er jedes Geräusch, seien es schnatternde Enten, tratschende Passanten, Autos, Straßenbahnen, Sirenen, alles. Und er kommentierte es, dachte laut, sprach spontan und intuitiv seine Gedanken und Eindrücke auf Band. Er wollte in seinen Mitteln nicht zurückbleiben, wollte die handwerklichen Elemente der Mediengesellschaft nutzen, um seine Arbeit voranzutreiben. Was ihn vom medialen Mainstream unterschied war, dass er die Mittel nicht oberflächlich nutzte. Er setzte sie emotional wie intellektuell ein, um die Welt, das Leben, das Sein zu vermessen. Hier spielt auch die für den Sprachkünstler Brinkmann schwierige Beziehung zu seinem sprachbehinderten Sohn Robert herein, der nur in der Lage ist, sich über ziellose Laute zu artikulieren.

Harald Bergmann nahm Brinkmanns Tonbandaufzeichnungen als Grundlage. Er mischte sie mit Klängen, mit Musik, rearrangierte sie zu einer einmaligen Klangkollage und produzierte dazu synchrone Bilder. Die Schauspieler Eckhard Rhode, Alexandra Finder und Martin Kurz als Rolf Dieter, Maleen und Robert Brinkmann agieren vor der Kamera bis ins minimalste Detail das aus, was auf Brinkmanns Tonbändern hörbar und fühlbar ist, und schaffen somit eine zusätzliche Ebene des Erlebens.

Für den Director’s Cut hat Bergmann eine 341-minütige Fassung geschnitten. Brinkmanns eigenes Super8-Material wurde mit Musik unterlegt und zu intensiven Bildcollagen aus faszinierenden, obszönen, anrührenden, melancholischen Impressionen neu zusammengefügt. Bei der filmischen Adaption von Brinkmanns „Scheunenjahren“ verschmelzen Literatur und Film. Der Film wird lesbar, die Literatur wird betrachtbar – das inszenierte Material wird gemischt: mit lesbaren und gelesenen Textausschnitten auf dem Bildschirm.

Erst in dieser Fassung erschließt sich „Brinkmanns Zorn“ als Gesamtkunstwerk. Eine Hommage an einen der größten Dichter unserer Zeit und zugleich ein gelungenes Experiment im Sinne des Vorbilds. Was Brinkmann wollte – die Realität in Worten erfahrbar machen und zugleich die Literatur eine symbiotische Verbindung mit den neuen Medien eingehen lassen – hat Bergmann hier realisiert.

Gerrit Wustmann

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Neuen Rheinischen Zeitung.


Harald Bergmann: Brinkmanns Zorn (Neue Visionen)
Harald Bergmann: Brinkmanns Zorn (Neue Visionen)

Datum: 22.06.2010

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