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Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft

Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft

Wenn eine Band die Attribute ‚echt’ und ‚authentisch’ für sich beanspruchen kann, dann zweifellos Anvil. Ehrlicher und überzeugender als alle AC/DCs dieser Welt können die Kanadier ihren Fans auf Augenhöhe begegnen und versichern, sie seien genau wie sie. Der Preis für diese Glaubwürdigkeit ist eine fast übermenschliche Kraftanstrengung: ungebrochener Enthusiasmus trotz zahlreicher Rückschläge. Gepaart mit, man muss es so krass formulieren, grenzenlosem Dilettantismus. Sowie einer Musik, deren Konsequenz, Konsistenz, Unkorrumpierbarkeit und Klasse im Rockgeschäft ihresgleichen sucht. Und das seit über 30 Jahren. Der Filmbeweis liegt vor.

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Anfang Juli führt die Tour zur DVD zum Kinofilm die kanadische Metal-Legende als Headliner nach Europa und mit Support Girlschool auch in fünf deutsche Clubs. Timing und Plakatierung der Konzerte zeugen nicht gerade von einem glücklichen Händchen, sind somit wieder einmal typisch für Anvil. Das klingt wie die Fortsetzung des Films. Aber ohne den, darf man mutmaßen, hätte es diese Tour nie gegeben.

Bei hochsommerlichen Temperaturen – an einem spielfreien Tag der Fußball-WM – haben schätzungsweise 300 Fans den Weg ins Kölner Luxor gefunden. Fast schon sensationell, bedenkt man, dass der örtliche Veranstalter erst knapp drei Wochen vor dem Konzert eine Handvoll Plakate in der Stadt versteckt hat. Die Anwesenden darf man zur harten Fangemeinde zählen. Auf seine Frage, wer den Film gesehen habe, recken etwa zwei Drittel die Hände. „Ich bin kein Rockstar“, sagt Gitarrist Steve ‚Lips’ Kudlow. „Ihr wisst ja, ich bin ein Fan wie ihr.“ Und dann nimmt er, fast klingt es entschuldigend, Bezug auf eine Szene des Films. Als er backstage beim Sweden Rock-Festival interviewt wird, entdeckt er Drummer-Urgestein Tommy Aldridge und läuft zu ihm, um mit ihm zu reden.

Im Film wie auch in jenem Augenblick, als er davon erzählt, ist er ein kleiner unbedarfter Junge. Der zufällig faszinierend Gitarre spielt. Und dessen Freund Robb Reiner einer der besten (Metal-) Drummer der Welt ist. Gemeinsam träumen sie den Traum vom Leben als Rockstars. Seit sie 14 sind. An diesem Abend im Luxor leben sie ihn. Und scheitern wieder ein bisschen an den Umständen, am Business, letztlich an sich selbst. Die Band spielt ein grandioses Metal-Set, das neben etlichen Klassikern der ersten drei Alben (1981-1983) auch den Titelsong ihres neuen Albums enthält. Lips weist darauf hin, dass dieses nicht im Handel, wohl aber am Merchandise-Stand erhältlich sei. Was nicht ganz stimmt.

Denn das Album ist nach dem Konzert bereits ausverkauft. „This Is Thirteen“, dessen Entstehung Kernstück des Films und also bestens dokumentiert ist, vertreibt die Band über ihre Website (zwar wenig kundenfreundlich organisiert, aber man bekommt es) oder eben bei ihren Gigs. Am Merchandise-Stand erfährt der Kaufwillige, dass das auf nur 25 Exemplare pro Abend begrenzte Verkaufskontingent erschöpft ist. Wer den Film gesehen hat, wundert derlei nicht. Man kann schon zufrieden sein, dass die Band den Weg zum Club rechtzeitig gefunden hat.

Fan der Band oder wenigstens der Musikrichtung zu sein, dürfte den Zugang zum Film erheblich erleichtern. Der ist weder „The Story of Anvil“ (so der englische Originaltitel) im Sinne einer biographisch-historischen Aufarbeitung der Bandgeschichte, noch ist er eine rührselige „Geschichte einer Freundschaft“. Regisseur Sacha Gervasi, der als Teenager bei Anvil als Roadie jobte, spürt vielmehr der Frage nach, was die beiden Menschen Lips und Robb auch noch mit Anfang 50 antreibt, an ihrem unerreichbaren Traum festzuhalten.

Musikalisch bilden Anvil das Bindeglied zwischen traditionellem Heavy Metal und Thrashmetal, sind somit die Wegbereiter für Bands wie Metallica und Slayer. 1984 spielen sie gemeinsam mit den Scorpions, Bon Jovi und Whitesnake ein großes Festival in Japan. Während die Kollegen in den folgenden Jahren weltweit Millionen von Platten verkaufen und Superstarstatus erlangen, gelingt Anvil dieser Karrieresprung nicht. Warum Anvil den großen Durchbruch nie geschafft haben, bleibt offen. Der Film klammert diese Frage aus, spekuliert nicht, blickt nicht zurück. Die historischen Aufnahmen dienen nur der Verortung der Band.

Die große Leistung Gervasis besteht darin, in einer sicheren Balance aus Unmittelbarkeit und Direktheit einerseits und Zurückhaltung und Distanz andererseits die Musiker und ihre Familien ohne jede Peinlichkeit auch in tränenreichen Momenten zu begleiten. Denn die Wahrheit, die von Beginn des Films im Raume steht und schließlich von Robb Reiners Schwester formuliert wird, lautet: „It’s over. Es ist schon lange vorbei.“ Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und mit einer Mischung aus kindlichem Trotz, unbeirrbarer Zielstrebigkeit und tragischer Unbelehrbarkeit halten Lips und Robb an ihrer Leidenschaft fest, Jahr für Jahr, Album für Album.

2007 nehmen sie in England mit Produzent Chris Tsangarides ihr 13. Album auf, großzügig finanziert von Lips Schwester. Sie überstehen eine Zerreißprobe und auch die abermalige Enttäuschung, dass sich anschließend kein Label für ihr Werk interessiert. Doch die beiden verheirateten Familienväter machen weiter – und hoffen auf den Durchbruch. In nur 78 Minuten erzählt Gervasi eine beeindruckende, tragikomische und oft beklemmende Geschichte. Die nicht nur bei den Akteuren vor der Kamera die eine oder andere Träne hervorzwingt.

Das Bonusmaterial enthält unter anderem Statements der ehemaligen Mitglieder Ian Dickson und Dave Allison sowie einige Sequenzen, die im finalen Schnitt keine Verwendung fanden. Die preisgekrönte Dokumentation, die bereits 2008 in amerikanischen und englischen Kinos zu sehen war, erhielt glänzende Kritiken und brachte Anvil in die Medien zurück. Und somit letztlich auch wieder auf europäische Bühnen.

Amir Shaheen

Website zum Film inklusive Trailer: www.anvil-derfilm.de

Anvil live in Deutschland:
14.7. Münster, Gleis 22
15.7. Balingen, „Bang Your Head“-Festival


The Story Of Anvil
The Story Of Anvil

Datum: 07.07.2010

 
Artikel ID 90000284

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