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Angelika Meier: England

Angelika Meier: England

Wer sich auf einen Spaziergang durch die traditionsreichen englischen Universitätsstädte Oxford und Cambridge begibt, wird sich dem Eindruck nicht erwehren können, irgendwie nicht dazu zugehören: Aus den altehrwürdigen Mauern scheint das geballte Wissen vergangener Jahrhunderte wie zähflüssiger Honig heraus zu quellen – man selbst bleibt davon aber ausgeschlossen. Doch auch als akzeptiertes Mitglied hinter den robusten Mauern ist es alles andere als leicht, den Anschluss zu finden. In ihrem Debütroman England wirft Angelika Meier einen Blick hinter die Kulissen des Universitätsbetriebes und entlarvt ihn als ein Zusammenspiel aus Heuchelei und Verlogenheit. Nicht immer wird dabei allerdings deutlich, welches Ziel die Autorin damit eigentlich verfolgt.

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Was Valentine mit Mitte dreißig erreicht hat, davon können viele Akademiker nur träumen: Sie wird als Fellow an eines der Colleges in Cambridge berufen. Ihr eilt der Ruf voraus, eine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung gemacht zu haben: Sie entdeckte die Schriften des bisher unbekannten spanischen Philosophen Manzanilla und übersetzte sie in jahrelanger Feinarbeit. Wie ihren Augapfel hütet die ebenso geheimnisvolle wie seltsame Deutsche seitdem ihr Werk, welches sie sorgfältig in einem Hartschalenkoffer verpackt hat – und notfalls auch mit ins Bett nimmt. Denn an der traditionellen englischen Alma Mater mangelt es nicht an skurillen Persönlichkeiten, die die wertvollen Schriften nur zu gerne für ihre eigene Karriere zweckentfremden würden.

Doch was hat es auf sich mit den Tagebüchern des Spaniers, welche Valentine nach eigenen Angaben mit Hilfe ihres langjährigen Vertrauten – dem Geist Ludwig Wittgensteins – aus unteriridischen, mitten in einem Wald gelegenen Katakomben rettete? Stammen sie wirklich aus der Feder eines bisher relativ unerforschten Wissenschaftlers oder hat Valentine sie vielleicht doch in einer Art Trance selbst zu Papier gebracht? Und welche Rolle spielt der sarkastisch-aufgedrehte Ironiker Orville, mit dem Valentine versucht, eine leidenschaftliche Affäre zu führen?

Auf seinem Weg durch das knapp 330 Seiten starke literarische Debüt der in Berlin lebenden Autorin wird der Leser schutzlos dem unzuverlässig herausquellendem Gedankenstrom der Erzählerin preisgegeben. Während Valentine versucht, sich in der ausschließlich von Männern dominierten Wissenschaftswelt eine Nische für ihre Arbeit zu schaffen, stolpert sie von einer märchenhaft-grotesken Szene in die andere. Da seufzen Brunnen, verschieben sich Wände, werfen die Studenten bunt durcheinander gewürfelte Pillenmischungen unter den Augen der Dozentin ein, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Und wenn die dunkle und regnerische Jahreszeit vor der Tür steht, fällt der gesamte Universitätsbetrieb sprichwörtlich in einen monatelangen tiefen Winterschlaf. Es scheint, als wüssten am Ende weder die Protagonistin noch die Leser, was sie in diesem Text eigentlich verloren hatten.

Julia Schmitz


Angelika Meier: England (diaphanes Verlag)
Angelika Meier: England (diaphanes Verlag)

Datum: 14.07.2010

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