21 Tote und rund 500 Verletzte – das ist die Bilanz der Love Parade 2010, einer Techno-Veranstaltung, die 1989 in Berlin ihren Anfang nahm und über zwanzig Jahre lang erfolgreich und ohne größere Zwischenfälle ablief. Die Suche nach den Schuldigen läuft. Veranstalter, Politiker, Polizei, alle stehen sie in der Kritik, und immer mehr kristallisiert sich heraus, dass das Unglück zu verhindern gewesen wäre.
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Der Bautechniker Michael Babilinski kennt die Lokalpolitik gut. Er war
mehrere Jahre lang verantwortlich für die Sicherheit von Veranstaltungsräumen in
der Gemeinde Unterhaching. p>
Er erinnert sich noch gut an die dortigen Verhältnisse. Die Bilder aus Duisburg
haben ihn aufgewühlt. Und nun wolle auch dort niemand die Schuld auf sich
nehmen. „Wir hatten in Unterhaching eine Halle. Ich war verantwortlich für die
Einhaltung der gültigen Brandschutzbestimmungen wie auch der Verfügbarkeit von
Fluchtwegen, ordnungsgemäße Bestuhlung, Ausschilderung usw. Die Halle war eine
einzige Feuerfalle. Angefangen von fehlenden Fluchtwegen bis hin zu sehr
leistungsstarken Scheinwerfern direkt unter einer leichtentzündlichen
Deckenverkleidung. Ernsthaft reagieren wollte aber niemand. Alleine das
Anfertigen von kompensierenden Nutzungsbestimmungen um die Halle vorübergehend
nutzbar zu machen und nicht sperren zu müssen war ein Kraftakt. Der
geschäftsführende Beamte, der von der Materie keinerlei Ahnung und keine
Ausbildung dazu hatte, hat praktisch an jedem Satz so herumgepfuscht, dass man
alles nach allen möglichen Seiten auslegen konnte und am Ende nichts mehr übrig
blieb. Den gesamten Vorgang, damit man mir am Ende keine Verantwortung zuweisen
kann, habe ich in Kopie noch heute zuhause liegen.“
Auf die Frage, wie er auf solches Verhalten reagiert habe berichtet er, dass
er sich an eine übergeordnete Behörde wandte und die Halle zeitweise schließen
ließ. „Als Warnschuss.“
Zudem habe er es als offiziell Verantwortlicher schwer gehabt, denn die
eigentlichen Entscheidungen seien stets von anderen getroffen worden. „Probleme
wurden nicht gelöst, sondern ausgesessen. Als es zur Sperrung kam wollten die
Damen und Herren Politiker von Verantwortung plötzlich nichts mehr wissen.“
Bei Großveranstaltungen wie der Love Parade sei grundsätzlich erstmal der
Veranstalter in der Pflicht, ausreichende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.
„Diesem aber fehlt im Allgemeinen die Kompetenz, weshalb er für ein
Veranstaltungs-Konzept im Regelfall einen externen beauftragen wird. Das kann
ein Ingenieur, ein Bautechniker aber auch einfach eine erfahrene Person wie etwa
ein Feuerwehrhauptmann sein. Als zweites kommt dann die Genehmigungsbehörde ins
Spiel. Diese muss Prüfen, ob das Konzept den Durchführungsbestimmungen für
Veranstaltungen entspricht. Tut es das ist alles bestens. Tut es das nicht,
können bei kleineren Abweichungen, soweit diese durch andere Maßnamen
kompensiert werden, Ausnahmegenehmigungen erteilt werden.“
Bei Großveranstaltungen, besonders in Gemeinden, denen sonst eher wenig
Aufmerksamkeit zukommt, geht es aber oft weniger um Sicherheit, als um das
Prestige. „Die zuständigen Politiker tragen eher selten direkte Verantwortung,
aber wenn sie aus einer Veranstaltung persönliche Vorteile ziehen können, dann
üben sie Druck auf ihre Mitarbeiter aus. Ich will das nicht verallgemeinern“,
sagt Babilinski, „aber das ist nicht selten.“
Bundespräsident Wulff hat dem Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland (CDU)
inzwischen den Rücktritt nahegelegt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in alle
Richtungen; mehrere Menschen haben Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Der
Ausgang der Causa Love Parade ist bislang völlig offen. Durch den medialen
Druck, der seit diesem 24. Juni erzeugt wird, werden vielleicht vorschnelle
Schuldvorwürfe laut. Aber unabhängig davon, ob es zu Verurteilungen kommen wird
oder nicht, wäre es unter Umständen angebracht, die Entscheidungsstrukturen in
der Provinzpolitik einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen. (gw)
Datum: 02.08.2010
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