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Christoph Leisten: bis zur schwerelosigkeit

Christoph Leisten: bis zur schwerelosigkeit

Der Dichter Christoph Leisten ist ein Wanderer im besten Sinne, einer, der offen ist für Eindrücke, für Unerwartetes, für Gelebtes. Sein aktueller Band „bis zur schwerelosigkeit“ (Rimbaud Verlag, Aachen 2010) verdichtet die Erfahrungen der Sinne, des Emotionalen und die Begegnung mit Kultur und Kulturen zu einem Panorama, dessen Schwerelosigkeit transzendent im besten Sinne ist – getragen von einer leichten, sanften Sprache der kleinen Nuancen.

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„aus dem verblichenen monat / kommen diese verse zu dir, / wo die tage zuletzt verwischten // in einen zwischenzustand, / wie unlängst die jahreszeiten“ – so beginnt das Gedicht „märz“ in Christoph Leistens aktuellem Lyrikband „bis zur schwerelosigkeit“. Diese fünf Verse stehen exemplarisch, könnten fast schon ein Motto sein für die Dichtung eines Autors, den Anton G. Leitner einmal einen „lyrischen Botschafter zwischen verschiedenen Kulturkreisen“ nannte. Denn mit eben jener Leichtigkeit, mit der er in einen Monat einsteigt, den Leser direkt anspricht, ohne aufdringlich zu sein, vermittelt er auch eine Wanderung zwischen den Welten, einen Sinn für Offenheit.

Regelmäßig reist Leisten nach Marokko, wo 2009 auch in arabischer Übersetzung sein faszinierender Prosaband „Marrakesch, Djemna el Fna“ erschien, und die Eindrücke, die er dort und auch in zahlreichen Ländern Europas gesammelt hat, finden sich in seinen neuen Gedichten wieder. Er ist ein Dichter, bei dem Text und Auftreten zueinander passen. Er spricht mit ruhiger Stimme. Wenn er seine Texte vorträgt oder von seinen Aufenthalten in Marokko berichtet, dann mischen sich Glück und Nachdenklichkeit mit einer bedächtigen Melancholie – was vielleicht genau die Stimmung ist, die es braucht, um die arabische Seele verstehen zu können. In einem Gedicht mit Eindrücken aus dem Ourika-Tal heißt es: „in dieser höhe / gehört dein vertrauen jemandem, stumm, // den du nicht kennst, ohne ihn wärest du / hier verloren. in die luft buchstabierst du // die einzigen wörter, die dir erinnerlich sind. / das echo allahs ruft uns zurück, // ein windhauch, der in dir verschwindet.“

„Inspektionen der Sinnlichkeit“ nennt Christoph Leisten selbst seine Poeme, und das trifft es ziemlich gut, wenn auch es eine recht bescheidene Lokalisierung ist. Von einem „Unterwegssein in einer anderen Welt“ spricht er, und meint damit vor allem das Hinausblicken über den eigenen Tellerrand, das ergebnisoffene Schauen nach dem Anderen – was nach Erich Fromm der beste Weg ist, um zu sich selbst zu finden. Derweil zitiert Leisten nicht Fromm, sondern Horkheimer und Adorno, was eine weitere interessante, streitbare und deshalb gute Perspektive auf das Gedicht „entzauberung“ wirft, und zudem mutmaßen lässt, dass auch eine – vielleicht unbeabsichtigte – Auseinandersetzung mit Kant mitschwingt.

Manch einen Leser mag dieser Exkurs erschrecken, er sei aber beruhigt: „bis zur schwerelosigkeit“ schafft etwas, das nur sehr wenige Lyrikbände heutzutage schaffen: Er ist sehr tiefgehend, und man kann sich an seinen Anspielungen reiben, man kann sich mit ihnen auseinandersetzen, man kann sich überhaupt erst einmal auf die Suche nach ihnen begeben, um dann zu reflektieren. Aber auch der Leser, der weder Fromm noch Kant, noch die „Dialektik der Aufklärung“, noch den Homer gelesen hat, wird sich in diesen Gedichten heimisch fühlen können. Denn Leisten reibt dem Rezipienten seine Intertextualität nicht so aufdringlich und pseudointellektuell unter die Nase, wie es heute so mancher Lyriker gerne tut, um in erster Linie von der Gehaltlosigkeit seiner Gedichte abzulenken. Nein, im Gegenteil, Christoph Leisten nimmt den Leser nicht nur bei der Hand, er nimmt ihn auch bei all seinen Sinnen, und er lässt ihn immer im richtigen Augenblick los, um ihn seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, wie zum Beispiel hier: „aschewolken, blaupausen, unsichtbare / fesseln des himmels. leer bleibt die luft / in diesen tagen. schon scheinen die vögel // anders zu singen, aber wer wüsste dies // zu deuten. täglich sondersendungen, / simulatoren, krisenstäbe, im konjunktiv // parlierend, bis die ultimaten sich wieder / verschieben. dann erneut: homerisches gelächter. gehen wir zurück in die geschichte.“ Und auch hier, aus dem Zusammenhang gerissen, weil solche Verse auch ohne Kontext leuchten können: „müdigkeit, die liebe, sehnsucht / nach schiffchen aus papier, wo / alles tragende ansonsten versiegt.“

Gerrit Wustmann


Christoph Leisten: bis zur schwerelosigkeit (Rimbaud Verlag, Aachen 2010)
Christoph Leisten: bis zur schwerelosigkeit (Rimbaud Verlag, Aachen 2010)

Datum: 11.08.2010

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