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Christoph Schlingensief ist tot

Christoph Schlingensief ist tot

Der Regisseur erlag am Samstag seiner schweren Lungenkrebserkrankung. Bereits im Juli hatte er aufgrund seines Gesundheitszustandes die Teilnahme an der Ruhrtriennale abgesagt. Schlingensief war einer der vielseitigsten und zugleich umstrittendsten Regisseure Deutschlands. Im Oktober wäre er 50 Jahre alt geworden.

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Schlingensief war immer umstritten bei denen, denen er mit seiner politischen Aktionskunst auf die Füße trat. Auch viele Kritiker konnten mit ihm wenig anfangen, vielleicht weil er, um Bukowski zu zitieren, nicht auf die "goldenen Scheißhäuser der Kultur" abonniert war. Vor weniger als einem Jahr sinnierte er im Interview mit dem Bayrischen Rundfunk, wie lange es denn dauern würde, bis die Kritiker nervös würden, sollte er doch nicht sterben. Und kurz nachdem er, noch immer Katholik, die kirchlichen Vorstellungen als „Märchenpark“ bezeichnet hatte: „Die Schöpfung ist schon ziemlich angeschlagen.“

In diesem Satz liegt sehr viel von dem, was Schlingensief ausmachte. Er war ein Provokateur, aber einer der – auch wenn ihm das immer wieder vorgeworfen wurde – nie um der Provokation selbst willen provozierte. Er hat der politischen Aktionskunst ein neues Gesicht gegeben und ein neues Gewicht. Ohne ihn wäre etwa das Zentrum für Politische Schönheit kaum denkbar. Er arbeitete nicht über seine Themen, sondern steckte in ihnen. Die bürgerlich-mediale Verlogenheit kotzte ihn an. Er sprach aus, was er dachte, und war dabei immer reflektiert. Das hat oft auch die großen Feuilletons überfordert, die ihr schwarz-weiß-Denken zwar mit schönen Worten übertünchen, aber nie verhehlen konnten. In jedem Film, in jeder Theaterinszenierung wollte er Neues wagen, und zumeist ist es ihm gelungen. Womit er oft angeeckt ist, war neben seiner Direktheit die Entscheidung, Leben und Kunst mit den provokativen Mitteln von Trash und Exploitation darzustellen, und das galt dem konservativen BRD-Kulturbetrieb als nicht intellektuell.

Schon früh positionierte er sich als politischer Künstler, und immer fand er provokative und radikale Bilder – etwa, als er im „Deutschen Kettensägenmassaker“ (1990) die Wiedervereinigung symbolisch als eben das Gemetzel darstellte, das es tatsächlich werden sollte. Zu „Grütze“ habe man die ehemaligen DDR-Bürger verarbeitet, sagte er später. 1998, zur Bundstagswahl, protestierte er gegen Helmut Kohl, indem er vier Millionen Arbeitslose zum Bad im Wolfgangsee aufforderte. Der Salzburger Bürgermeister drohte daraufhin mit der Streichung von Kulturzuschüssen in Höhe von 500.000 DM. Ein offener Zensurversuch.

Zwei Jahre später setzte er sich in seiner Aktion „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ mit dem Verblödungs-TV a la Big Brother und noch mehr der Fremdenfeindlichkeit in Österreich und anderen westlichen Ländern auseinander, womit er direkt auf die wachsende Popularität Jörg Haiders antwortete. In dem Container befanden sich tatsächliche Asylbewerber, die in einer Onlineabstimmung „rausgewählt“ werden konnten. Ebenso kritisch war seine auf MTV ausgestrahlte Auseinandersetzung mit der gedankenlosen Spaßgesellschaft unter dem Titel "U3000".

2008 wurde der Lungenkrebs diagnostiziert, der linke Lungenflügel entfernt. Kaum ein Jahr später erfuhr Schlingensief von Metastasen in seinem verbliebenen Lungenflügel. Ab diesem Moment war ihm bewusst, dass er sterben würde. Er hätte sich ins Private zurückziehen, mit dem Leben abschließen, Bilanz ziehen können. Aber das tat er nicht. Im Gegenteil. In den zwei Jahren vor seinem Tod stellte er mehr auf die Beine als die Mehrheit der Bevölkerung und auch die Mehrheit im deutschen Kulturbetrieb in ihrem ganzen Leben.

Nun vollendete er endgültig seine Vernetzung von Leben und Kunst zu einem ganzen. In seiner Ruhrtriennale-Inszenierung „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ verarbeitete er seine Krankheit offen, radikal, ehrlich. Ein künstlerischer Rundumschlag, eine meisterhafte Inszenierung, ein Stück Theatergeschichte. Zugleich schrieb er ein Buch ("So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! – Tagebuch einer Krebserkrankung", Kiepenheuer & Witsch), eröffnete in Karlsruhe seine Ausstellung „Medium Religion“, inszenierte drei Opern (nach seiner faszinierenden Parsifal-Interpretation in Bayreuth) und machte sich auf den Weg nach Burkina Faso, wo noch 2010 der Grundstein für sein Operndorf Afrika gelegt wurde – ein hochambitioniertes Mammutprojekt.

Hier und jetzt über Schlingensief zu schreiben – in der Vergangenheitsform; das hat etwas Unwirkliches. Christoph Schlingensief ist tot. Und die Lücke, den riesigen klaffenden Krater, den er nicht nur in der deutschen, sondern auch in der internationalen Kulturlandschaft hinterlässt, wird man erst in vielen Jahren vermessen können.

Gerrit Wustmann


Christoph Schlingensief ist tot (Bild: Manfred Werner; GNU-Lizenz)
Christoph Schlingensief ist tot (Bild: Manfred Werner; GNU-Lizenz)

Datum: 21.08.2010

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