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Up In The Air (DVD)

Up In The Air (DVD)

Warum nur ist Jason Reitman so überschätzt? Mit seinen Erfolgsstreifen „Thank You For Smoking“ und „Juno“ hat er massenverträgliches Unterhaltungskino abgeliefert, wurde aber vor allem für letzteren Film als ein neuer Star am Hollywoodhimmel gefeiert. Über die Wolken schickt er George Clooney in seinem aktuellen Film „Up In The Air“ – und schafft nur mit Mühe die holprige Flucht aus seinem verkorksten Drehbuch…

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Ryan Bingham (Clooney) könnte man als Inbegriff des Mannes ohne Eigenschaften beschreiben. Den Großteil seiner Zeit verbringt er in Flugzeugen, und sein ultimatives Ziel ist es, die Marke von zehn Millionen Bonusmeilen zu knacken. Er ist in Bars und Hotelzimmern, in Mietwagen und auf Flughäfen zu Hause – berufsbedingt. Aber er könnte zufriedener nicht sein. Denn er trägt keinerlei Lasten mit sich herum. Keine großen Besitztümer, und auch nicht die zermürbenden Querelen zwischenmenschlicher Beziehungen. Eben das erzählt er auch seinem Publikum, wenn er Vorträge als Motivationstrainer hält: „Spüren Sie die Last all dessen, was Sie in Ihrem persönlichen Rucksack mit sich herumschleppen?“ Die Message: Werden Sie es los, Sie brauchen das Zeugs nicht. Es hält Sie bloß auf und schränkt Ihre Bewegungsfreiheit ein.

Obwohl er damit nicht ganz Unrecht hat, taugt er nicht zum Ritter des Verzichts. Bingham ist ein Luxusfanatiker, der um jeden Preis ungebunden sein will und die Leerlaufzeit, die er daheim in Omaha verbringen muss, hasst wie die Pest. Seine Wohnung sieht dementsprechend aus: Wie ein Hotelzimmer, kalt, unpersönlich. Das passt zu Bingham und zu seinem Job: Er reist quer durchs Land, um Menschen zufeuern. Feige Arbeitgeber haben das unangenehme Gespräch mit ihren zukünftigen Exmitarbeitern outgesourced, und Bingham übernimmt diesen Part mit großem Elan. Mal davon abgesehen, dass Bingham selbst eine interessante Figur ist, könnte „Up In The Air“ an dieser Stelle auch inhaltlich interessant werden – wird es aber nicht. Was als Kritik am seelenlosen Raubtierkapitalismus daherkommt bleibt oberflächlich und zahnlos. Die Menschen, die Bingham feuert, dürfen kurz jammern, ausrasten oder in Apathie versinken – Sekunden später sind sie weg, dann kommt der nächste. Reitman interessiert sich nicht für sie. Sie bleiben Schmuckwerk, Abziehbilder, und auch als moralisches Gegengewicht taugen sie nicht, denn dafür ist Bingham selbst zu sympathisch. Der nette Killer von nebenan. Im Grunde könnte er auch jeden anderen Job machen, es spielt keine Rolle. Aber das Thema ist gerade aktuell, die Wirtschaftskrise sowieso, und von daher passt das schon.

Bis Binghams Firma die Nachwuchskraft Natalie (Anna Kendrick) einstellt, die alles umkrempeln will. Die Reiserei sei unwirtschaftlich, sagt sie, wir müssen rationalisieren, ab sofort feuern wir die Leute via Internet. Hier blitzt ein klein wenig Ironie auf, wenn Bingham vehement plädiert, dass das unmoralisch und unpersönlich sei, man könne Menschen nicht übers Internet feuern, das sei wie eine Beziehung per SMS zu beenden (was Natalie dann auch prompt passiert). Freilich ist das Bingham herzlich egal, er fürchtet nur, seinen geliebten ungebundenen Lebenswandel aufgeben zu müssen, wenn er nicht mehr reisen kann. Widerwillig nimmt er Natalie unter seine Fittiche, um ihr ein wenig Praxiserfahrung zu vermitteln. Und dann kommt, was kommen muss: Unterwegs lernt Bingham Alex (Vera Farmiga) kennen, die sein weibliches Gegenstück zu sein scheint – und verliebt sich.

Es ist, wie es immer ist mit seichten Filmen, die nach diesem schon massenhaft verwursteten Simpelschema aufgebaut sind: Ab der Mitte driftet alles ab, die interessanten Elemente lösen sich auf, und man denkt sich: schon tausendmal gesehen. Dafür muss man den Film nichtmal bis zur Hälfte durchgestanden haben. Bereits nach drei Minuten, als Bingham zum ersten Mal seinen Rucksack-Vortrag hält, weiß man, dass er ihn knappe zwei Stunden später erneut halten wird – geläutert, als neuer Mensch aus dem Purgatorium aufgetaucht, der mit seinem früheren bindungslosen Leben nichts mehr zu tun haben will. Wie öde und billig das ist, ist offenbar auch Regisseur Jason Reitman auf halber Strecke klar geworden, aber anstatt daraus die Konsequenzen zu ziehen, verheddert er sich heillos in den Wirren seiner unausgegorenen Story (wie sehr erfährt jeder, der sich die auf der DVD enthaltenen Entfallenen Szenen ansieht; durch die Schnitte ist Reitman gerade noch so an einem Totalausfall vorbeigeschrammt).

Bingham bricht also seinen Vortrag ab, denn nun hat er Liebe, Familie, Heimat, FriedeFreudeEierkuchen für sich entdeckt. Da er zuvor nicht den Hauch eines Zweifels an seiner Lebensweise hat durchblicken lassen kommt das furchtbar unglaubwürdig und konstruiert rüber. Natürlich stattet er danach Alex einen Besuch ab, und man zittert schon in Erwartung des üblichen Happy Ends. Aber nichts da: Plötzlich ist Alex verheiratet und hat so gar nichts mehr mit der Frau „on the road“ zu tun – das soll wohl ein überraschender Twist sein, aber es ist derart hanebüchen, dass es das gesamte in den 80 Minuten zuvor aufgebaute Plotkartenhaus in sich zusammenstürzen lässt. Spätestens ab diesem Moment war das Drehbuch völlig den Bach runter, und Reitman entschied sich, seinen Ryan Bingham wieder in die Luft zu schicken – an den Ausgangspunkt des Films zurück. Aber hatte er nicht eben noch seinen Vortrag gecancelt und damit durchblicken lassen, dass er geläutert ist? Egal, das macht nun auch nichts mehr. Was ist schlimmer als eine Story nach dem Hollywood-Standardschema „Einsamer Held lernt Frau kennen, durchläuft die Phasen der Läuterung, bereut seine Fehler und taucht als neuer Mensch wieder auf“? Nun, schlimmer ist vermutlich ein Drehbuch, das exakt auf diese Konstruktion ausgelegt ist, sich mittendrin anders entscheidet, dann gar nicht mehr weiß, was es will und am Ende wirkt wie ein misslungener Versuch, für den wesentliche Teile seines Stoffs nur Staffage sind. Vermutlich passiert das, wenn einem Regisseur sein Erfolg so zu Kopf steigt, dass er sich über den Wolken wähnt. (gw)


Up In The Air - George Clooney kämpft sich durch eine völlig missratene Story
Up In The Air - George Clooney kämpft sich durch eine völlig missratene Story

Datum: 26.08.2010

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