Der Zirkus Sarrazini - Thilo und wie er die Welt sah
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung. Die SPD distanziert sich vehement von ihm und legt ihm den Parteiaustritt nahe. Er selbst genießt die mediale Aufmerksamkeit angesichts der Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab, in dem er auf dürrer Faktengrundlage gegen Menschen pöbelt, die er nicht kennt. Am Internationalen Literaturfestival Berlin will er nur teilnehmen, wenn man keine Kritiker auf ihn loslässt, die ihm seine Meinungen madig reden. Es geht um Bundesbankchef Thilo Sarrazin. Dabei ist er selbst eigentlich gar nicht so wichtig. Viel interessanter ist die Debatte, die um ihn tobt.
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Thilo Sarrazin lebt von Transferleistungen. Schon seit 1975 arbeitet er im öffentlichen Dienst. Sein Gehalt bezieht er aus Steuergeldern, genauso wie jeder Hartz-IV-Empfänger. Denen wirft er vor, faul zu sein. Unter anderem. Sarrazin selbst ist, wie diejenigen, die er der Faulheit bezichtigt, weniger für seine Leistungen bekannt, als für sein Maulheldentum. Arbeitslose, Ausländer und sonstige Minderheiten sind seiner Ansicht nach schlecht für Deutschland. Sie sind dumm, sie sind Schmarotzer, sie vermehren sich zu stark, sie infiltrieren Deutschland, und Deutschland braucht sie nicht. Das sind Aussagen eines SPD-Mitglieds. Der Zentralrat der Juden in Deutschland legte ihm kürzlich nahe, zur NPD zu wechseln, denn deren Sprache spreche er. Immer mehr Mitglieder von SPD, Grünen, CDU und der Linkspartei sowieso äußern sich ähnlich.
In der Bevölkerung gibt es zwei Fraktionen. Diejenigen, die sich über das plumpe, ressentimentbeladene Gehetze echauffieren, und diejenigen, die meinen, dass Sarrazin mutig ist und nur ausspricht, was andere sich nicht zu sagen trauen (die Stammtischfraktion).
Sarrazin schafft es in verblüffender Regelmäßigkeit, mit dümmlichen Sprüchen mediale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nun hat er mit „Deutschland schafft sich ab“ seine gesammelten Weisheiten in Buchform veröffentlicht. Schon jetzt ein Bestseller – einer, aus dem die braune Suppe trieft. Schon wird Sarrazin mit dem holländischen islamophoben Rechtspopulisten Geert Wilders verglichen, und man darf davon ausgehen, dass er das tatsächlich als Kompliment auffasst. Aber im Grunde stimmt der Titel. Je mehr Menschen ihr Darmgefühl befriedigen, indem sie grenzwertigen Populisten wie Sarrazin folgen, umso näher rückt die Demokratie Deutschland ihrer eigenen Abschaffung. Der Witz ist: Die bildungsfernen Schichten, die Sarrazin so sehr beklagt, stellen den Großteil seiner Fangemeinde. Wer das nicht glaubt, der stöbere einmal mit dem Suchbegriff „Sarrazin“ in Onlineforen. Die digitalen Stammtische sind gut gefüllt.
Lesen muss man sein Buch nicht, denn die Quintessenz lässt sich in wenige Sätze fassen: Deutschland ist Unterschicht. Expliziter: Arbeitslose und Ausländer sind dabei, die Macht zu übernehmen. Ich, der große Thilo Sarrazini bin in meiner grenzenlosen Weisheit der einzige, der das ganz klar sieht. Alle anderen sind fehlgeleitet. Punkt. Das war’s. Mehr gibt der Schinken nicht her. Diese Aussage reichert er an mit einer Vielzahl leicht durchschaubarer Vorurteile und stützt sie auf Thesen und Statistiken, die entweder überholt oder schlicht falsch sind, oder die er unter Ausblendung sämtlicher Fakten, die ihm nicht in den Kram passen, interpretiert. Das Geschreibsel könnte auch von einem Hauptschüler stammen, der gerade durch falsche Freunde im rechten Milieu versackt. Es gibt Politiker mit unpopulären Thesen. Und es gibt Leute wie Sarrazin, deren Selbsthass so groß ist, dass sie andere beschimpfen müssen um persönliche Defizite zu kompensieren. Wenn man mit Thilo Sarrazin etwas haben sollte, dann Mitleid. Dass er den Dialog mit Kritikern meidet wie aktuell aus Anlass des Internationalen Literaturfestivals in Berlin, ist bezeichnend genug. Er reiht sich ein in die Menge derer, deren Weltsicht am eigenen Tellerrand endet. Und er weiß das auch. Wenn er Argumente hätte, würde er den Dialog nicht scheuen.
Dass so jemand ihr Parteibuch besitzt ist schlicht peinlich für die SPD, diese an Peinlichkeiten nicht arme Partei. Von CDU und FDP ist man Ähnliches ja gewohnt, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Aber bei allem medialen Tamtam sei angemerkt, dass Sarrazin gar nicht das Problem ist. Es gibt viele Sarrazins in Deutschland. Auch sie sind zu bemitleiden. Man kann sich über sie aufregen, aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn man sie einfach ignoriert erspart man ihnen wenigstens die Genugtuung. Den Sarrazinis dieser Welt geht es ja gar nicht um ihre bornierten Aussagen, sondern um die Reaktion, die für sie wie ein Grundnahrungsmittel ist. Noch ein Grund für Mitleid. Nein, das Problem sind alle Nachwuchssarrazinis, die offener sind für Ressentiments und billiges Gepöbel, als für sachliche Argumente, Ausgewogenheit und demokratischen Diskurs.
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