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Die Schönheit des Fehlers

Die Schönheit des Fehlers

Er hatte die besten Voraussetzungen aber seine künstlerische Integrität verwehrte ihm einen Platz in Hollywoods Star-Olymp. Stattdessen wurde seine Zusammenarbeit mit John Cassavetes, dem Schöpfer des Unabhängigen US-Kinos, zu einem raren Glücksfall in der Geschichte des Independent-Films. Zum 80ten Geburtstag des US-Schauspielers Ben Gazzara am 28. August 2010 ein Blick zurück auf seine unvergessene Leistung im Gangster-Klassiker The Killing of a Chinese Bookie (1976).

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Charaktere müssten Ungereimtheiten und Fehler aufweisen, sagte Ben Gazzara einmal über die Auswahlkriterien seiner Filmrollen. Denn Fehler würden nicht nur die Schönheit des Filmcharakters offenbaren, das Publikum würde sich auch anstrengen müssen, um den Charakter tatsächlich zu verstehen. Prototypen des amerikanischen Helden wie John Wayne sie verkörperte, hätten ihn dagegen immer gelangweilt. Es ist dieser Idealismus, der verdeutlicht, weshalb Ben Gazzara die große Hollywood Karriere zunächst verwehrt bleiben soll. Dabei hätte er ohne weiteres einen Platz neben Schauspiellegenden wie Marlon Brando, Rod Steiger oder Paul Newman einnehmen können. Nur wenige Schauspielkarrieren beginnen so Erfolg versprechend, wie die des am 28. August 1930 in New York geborenen Sohnes italienischer Einwanderer.

Ende der 40er beginnt er unter Erwin Piscator im Dramatic Workshop zu studieren, danach zieht es ihn weiter zu Method-Acting Coach Lee Strasberg. Bereits für sein erstes Engagement am Broadway 1953, gewinnt Ben Gazzara den Theatre World Award, Und nur zwei Jahre später begeistert er Kritiker in der original Besetzung des Brick in Tennessee Williams ''Eine Katze auf dem heißen Blechdach''(1955). Noch im gleichen Jahr folgt die Tony Award Nominierung, dem Theater-Äquivalent zum Oscar. In Hollywood angekommen ist Ben Gazzara in Otto Premingers ''Anatomie eines Mordes'' (1959) als den wegen Mordes Angeklagten Armeeoffizier Manion zu sehen. Ein Film in dem er Hauptdarsteller James Steward ein ums andere Mal die Szene klaut. Danach scheint der Durchbruch in die Schauspieler-Oberliga nur noch eine Frage der Zeit. Doch so eindrucksvoll Ben Gazzaras Karriere beginnt, so schnell gelang sie in den 60er Jahren ins Stocken. Nach zwei wenig erfolgreichen Hollywood Produktionen, muss er sich sein Geld vor allem mit TV-Produktionen verdienen. Erst ein knappes Jahrzehnt später kann er mit Hilfe seines Freundes und Erfinder des US-Indipendentfilms John Cassavetes ein denkwürdiges Comeback starten.

Es ist eine Kollaboration, die weit ab von Hollywood Filmgeschichte schreiben soll. Cassavetes dreht mit Husbands (1970), The Killing of a Chinese Bookie (1976) und Opening Night (1977) drei Independent Meisterwerke. Und Ben Gazzaras Auftritte strotzen vor Intensität und emotionaler Aufrichtigkeit. Es ist vor allem seine Darstellung des Nachtclubbesitzer Cosmo Vittelli, in ''The Killing of a Chinese Bookie'', die unvergesslich bleiben soll und den Film zu einer Perle des modernen Realismus macht. Die Storyline ist schnell erzählt: Vittelli verliert bei einem Pokerspiel 23.000 Dollar an die Mafia, als er das Geld nicht zurückzahlen kann, fordern sie, dass er seine Schulden durch die Ermordung eines chinesischen Buchmachers begleicht. In den folgenden 135 Minuten des Films (108 Minuten Directors Cut, 1978) erschafft Gazzara das ultimative Porträt eines Menschen, dem die eigene Handlungsfreiheit entgleitet.

Obwohl er vom Theater kommt, sind es in ''The Killing of a Chinese Bookie'' die kleinen, fast unscheinbaren Gesten mit denen Gazzara seinem Charakter Leben einhaucht. Die ruhige aber bestimmende Tonlage der Stimme, der erstarrte Blick seiner Augen und die scheinbar zögernden Bewegungen, während sich um ihn herum sein persönliches Drama entfaltet. Gazzara zeigt die Überforderung des Menschen innerhalb einer Grenzsituation, die Einsamkeit während des eigenen Niedergangs und gewährt uns einen raren Anblick auf das Paradox zwischen innerem Erregungszustand und äußerlicher Ruhe. Cosmo Vittelli wird zum Zuschauer seines eigenen Untergangs, und wir mit ihm. Der Schluss des Films lässt einen im ersten Moment vielleicht etwas irritierend zurück. Ganz so als wäre die Geschichte noch nicht zu Ende, als müsste noch etwas gezeigt werden. Dabei ist es nur die Anspannung des Zuschauers, die nicht gelöst wird, weil man zu sehr an den Geschmack von Hollywoods Drehbuch-Backmischungen gewöhnt ist. Weder Cosmo Vittelli noch uns ist ein emotionales Ablassventil vergönnt, am Ende des Films bleiben beide alleine mit ihren Gefühlen. So wie das Leben: immer in der Schwebe und ohne große Erklärungen. Vielleicht hatte Gazzara deshalb zunächst Schwierigkeiten mit der Rolle. Den nötigen Zugang fand er erst, als ihm Cassavetes erzählte, dass die Gangster in dem Film als Metapher für all jene Mensche gelten, die immer wieder versuchen, die Träume Anderer zu ruinieren. Mit seinen Fehlern kommt Gazzaras Cosmo Vittelli dem wahren Leben so nahe, wie kaum ein anderer Filmcharakter. Wer sich auf ihn einlässt, dem werden beide, Schauspieler und Charakter, unvergänglich in Erinnerung bleiben.

Über seine Karriere sagt Ben Gazzara rückblickend, dass er bedauere nicht jede noch so glatt polierte Rolle angenommen zu haben. Er wäre damals einfach zu idealistisch gewesen. Heute dagegen wäre er bei Angeboten nicht mehr so wählerisch. Dass könnte dann auch der Grund sein, weshalb ihm im Herbst seiner Karriere endlich die Anerkennung zukommt, die er verdient. Zuletzt drehte er mit Vincent Gallo das Lo-Fi Kunstwerk ''Buffalo ´66'', Fans des Kultfilms ''The Big Lebowski'' erinnern sich vielleicht an Jackie Treehorn, den Porno-Produzenten, der dem Dude K.o.-Tropfen in dessen White Russian mixt, und 2003 engagierte ihn Lars von Trier für seinen Film ''Dogville''. Es ist ein Happy End, das sich kein Hollywood Drehbuchschreiber besser hätte ausdenken können.

E.F. Kaeding


Ben Gazzara 1955 (Bild: Carl Van Vechten)
Ben Gazzara 1955 (Bild: Carl Van Vechten)

Datum: 28.08.2010

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