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„Deutschland schafft sich ab“: Die Sarrazin-Republik

„Deutschland schafft sich ab“: Die Sarrazin-Republik

Thilo Sarrazin wird wahrscheinlich sowohl seine SPD-Mitgliedschaft als auch seinen Posten bei der Bundesbank verlieren. Während die Politik den Spalter Sarrazin so schnell wie möglich loswerden will, erhält er in Bevölkerungsumfragen bis zu 95% Zustimmung. „Deutschland schafft sich ab“ titelt Sarrazin – und die zahlreichen Umfragen der letzten Tage zeigen: er hat Recht…

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Allerdings nicht so, wie er selbst es gerne hätte. Deutschland wird nicht von den Muslimen abgeschafft, sondern von den Deutschen selbst. Deutschland werde immer dümmer, sagt Sarrazin – und die Zustimmungswerte für seine „Thesen“ belegen eben das. Ein Land, das mehrheitlich die Hoheit über das eigene Denken abgibt und sich vorwiegend wieder über simple Denkschablonen und Ressentiments definiert, das schafft sich tatsächlich nicht nur ab, es macht sich selbst bedeutungslos. Und gefährlich. Eins steht jetzt schon fest: Die Debatte um Sarrazin ist wichtig, denn sie zeigt, wie die Republik tickt. Sie folgt einem, der mit pseudowissenschaftlichen Methoden ein Schreckgespenst an die Wand malt und einen nicht unerheblichen Teil der in Deutschland lebenden Menschen auf übelste Weise diffamiert und unter Generalverdacht stellt.

Wenn Sarrazin bei Beckmann oder Plasberg auftritt, dann stottert er vor sich hin und wiederholt die ewigen Litaneien seines Buches und seiner öffentlichen Provokationen. Der Kritik hält er nicht eine Sekunde lang stand. Er hat keine Argumente. Bei Beckmann angesprochen auf seine Aussage mit den Judengenen, rudert er zurück und sagt, man habe ihn da in eine Ecke gedrängt und zu einem unüberlegten Kommentar gebracht. Auf den Einwurf des Moderators, dass es sich um ein autorisiertes Interview gehandelt habe, fällt ihm keine Antwort ein. Sarrazin wusste, was er da gesagt hatte – in der „Welt“. Und er hätte die Möglichkeit gehabt, den Satz streichen zu lassen, aber er nutzte sie nicht. Von Plasberg bei „Hart aber Fair“ auf das letzte Kapitel seines Buches angesprochen, in dem er die absurde Behauptung aufstellt, in hundert Jahren würde Deutschland mehrheitlich muslimisch sein, rudert er ebenfalls zurück. Plötzlich ist das Kapitel nur noch „Satire“. Minuten später hält er wieder an seinen Aussagen fest, etwa dass die Muslime die Deutschen schon aufgrund ihrer hohen Geburtenraten irgendwann übertrumpfen würden. Dass das statistischer Unsinn ist und seit Jahren auch die Geburtenraten muslimischer Familien zurückgehen, ignoriert er – wie so ziemlich alles, das nicht in sein krudes Weltbild passt.

Es ist bezeichnend, dass Sarrazins Provokationen sich nicht gegen Ausländer an sich, sondern ausschließlich auf Muslime beziehen, denen er generell Bildungsferne, Abhängigkeit von Transferleistungen, Integrationsunwilligkeit und mit kruden biologistischen Behauptungen auch noch Dummheit vorwirft – und nicht zuletzt einen Hang zum Terrorismus und Fanatismus. Das passt natürlich gut ins seichte Weltbild all derer, die alles ablehnen, das „anders“ ist, das sie nicht auf Anhieb verstehen, derer, die nicht verstehen, dass kulturelle Abschottung gesellschaftlichem Selbstmord gleichkommt, derer, die zwar kaum Muslime persönlich kennen, aber vom Hörensagen her bescheid wissen. Die Tatsache, dass mehrere Zehntausend Unternehmer mit Migrationshintergrund mehrere hunderttausend Arbeitsplätze in Deutschland schaffen existiert für Thilo Sarrazin nicht, und auch nicht für seine Anhänger. Die Tatsache, dass rund 300 Schriftsteller und Künstler aus islamischen Ländern (allein über 100 davon aus der Türkei) die deutsche Kulturlandschaft immens bereichern – er will sie nicht sehen; ebenso wenig, dass die deutsche Politik die unumgängliche Sprachförderung (den Kernbestandteil jeder Integration) sträflich vernachlässig hat; dass die Arbeitslosigkeit unter Migranten absolut gemessen nicht wesentlich höher ist als bei Bürgern mit deutschem Pass – und so weiter. Realität ist etwas, womit Thilo Sarrazin nicht viel am Hut hat.

Egal, wo man Augen und Ohren öffnet – sei es in der Bahn, im Supermarkt oder in den unzähligen Diskussionsforen des Web 2.0 – stößt man auf den abschätzig geäußerten Terminus „die Muslime“. Aber wer ist das? Sind „die Deutschen“ tatsächlich derart beschränkt, dass sie eine Religionsgemeinschaft als homogene Gruppe verstehen? Mal ganz davon abgesehen, dass nicht auch nur ansatzweise jeder, der aus einem islamischen Land stammt, auch wirklich Muslim ist. Die Atheistendichte in der Türkei oder auch in Iran ist ähnlich hoch wie in Deutschland, wo die christlichen Kirchen mehrheitlich zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Verwechseln „die Deutschen“ tatsächlich die Saudi-Arabische Bevölkerung mit ihren Regierungen? Noch einmal: Sind „die Deutschen“ tatsächlich so borniert?

Fast jeder Fernsehsender, fast jede große und kleine Zeitung hat in den letzten Tagen Umfragen durchgeführt, in denen die Zustimmung für Thilo Sarrazins Aussagen zwischen 60 und 95% liegt. Das bedeutet, dass mehr als drei Viertel der Deutschen auf seiner Seite steht – auf der Seite von Ressentiments und Denkfaulheit. Deutschland ist tiefste Provinz – und zwar in den Köpfen. Will man in so einem Land leben?

Nicht die Person Thilo Sarrazin, sondern diese Umfragewerte sind es, die die Politik aufschrecken sollten, die jeden aufschrecken sollten, der zu den übrigen rund 20% gehört. Es ist eine Situation, in der man heilfroh sein muss, dass Deutschland eine repräsentative und keine direkte Demokratie ist.

Gerrit Wustmann


Thilo Sarrazins Buch: bis zu 95% Zustimmung für Ressentiments und Hetze
Thilo Sarrazins Buch: bis zu 95% Zustimmung für Ressentiments und Hetze

Datum: 03.09.2010

 
Artikel ID 90000347

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