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Clemens Berger: Das Streichelinstitut

Der überforderte Intellektuelle

In seinem dritten Roman zeichnet Clemens Berger das nachdenkliche Bild eines Menschen, der verzweifelt versucht, sich in einer Weltordnung zurechtzufinden, die nicht die seine ist – lesenswert.

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Sebastian lebt in Wien und ist nach Beendigung seines Philosophiestudiums orientierungsloser als zuvor. Es mangelt ihm nicht an Intelligenz oder Fleiß, so dass er sich sein Geld mit dem Schreiben fremder Haus-, Diplom- oder Doktorarbeiten verdient. Vielmehr leidet er an dauernder Verzweiflung über den Kapitalismus und die Gesellschaft. Chronischer Weltschmerz hält ihn davon ab, seinem Leben eine konstruktive Wendung zu geben. Erst als ihm seine Freundin Anna die Pistole auf die Brust setzt und von ihm verlangt, einen Job anzunehmen oder zu promovieren, wenn er sie nicht verlieren wolle, macht er sich auf den Weg zum Gewerbeamt, um ein Streichelinstitut anzumelden, in dem er unter dem Etikett „Lebensberatung“ gegen Honorar Streicheleinheiten, „keine Berührung unter der Gürtellinie“, anbietet. Diese Idee, ursprünglich ein Urlaubsscherz, stellt sich als erstaunlich erfolgreich heraus und Sebastian, der sich bei der Arbeit Severin Horvath nennt, schwankt zwischen der Freude über sein hohes Einkommen und dem ambivalenten Gefühl, nun ein nützliches Mitglied des „menschlichen Marktes“ zu sein. Er beginnt sozialliberale Zeitungen zu lesen, die er eigentlich verachtet und sucht sich seine Zielgruppe in jener zahlungskräftigen Schicht, die seinen Überzeugungen am fernsten scheint.

In ironischem Ton zeichnet Clemens Berger in seinem bereits dritten Roman die Lebenswelt eines überforderten Intellektuellen. Diese muss hinter seinen Identitätsskizzen als freier Mensch in einer freien, kommunistischen Gesellschaft zurückbleiben. Auch die erotischen Fantasien, die er sich mit seiner Freundin Anna ausmalt, empfindet er als mindestens bedrohlich, besonders als die taffe Geschäftsfrau Dr. Fischer sie in die Realität holt und ihm zeigt, dass er doch in ziemlich biederen, wenn nicht spießigen Vorstellungen lebt. Gefangen zwischen kommunistischen Idealen und kapitalistischem Lebenswandel, zwischen der Zuneigung zu drei Frauen und seinem Wunsch nach einer unkomplizierten Beziehung zu Anna, wächst seine Belastung so sehr, dass er fast daran scheitert. Dass er keinen Handgriff tun kann, ohne darüber zu moralisieren, erleichtert seine Situation nicht, wie bei der Schachtel Zigaretten, die er einem Obdachlosen schenken will, weil er mit dem Rauchen aufhören möchte, doch schenkt er dem Obdachlosen natürlich genau das Gift, vor dem er sich selbst schützen will.

In seinem Roman integriert Berger Rückblenden, Visionen, Alternativsituationen und Träume, so dass man oft nicht weiß wo man ist. Aber das ist kein Hindernis, wenn man sich durch den Text treiben lässt - versteht man doch Sebastian nur allzu gut in seiner Verlorenheit, kennt man dieses Durcheinander doch zu genau aus dem eigenen Kopf. „[...]in dieser unüberschaubaren Welt, die wir [..] wahrscheinlich grundfalsch sehen“ stellt er zumindest einige interessantere Thesen über den Zusammenhang zwischen Streicheln und Kapitalismus oder Identität und Haut auf. Nach der Lektüre weiß man: „Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nach einander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, - wir sind sehr einsam.“ Abgesehen von dem blinden Motiv der Droh-SMS, die er von seiner eigenen Handynummer geschickt bekommt, das weder etwas zur Geschichte beiträgt noch aufgelöst wird, ist es ein sehr bündiger Roman und absolut lesenswert.

Sven Stemmer


Clemens Berger - Das Streichelinstitut; erschienen bei Wallstein
Clemens Berger - Das Streichelinstitut; erschienen bei Wallstein

Datum: 04.09.2010

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