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Die Fiktion, die von der Realität eingeholt wurde1987 prägte Oliver Stone mit seiner Figur Gordon Gekko (Michael Douglas) das Bild des skrupellosen Radikalkapitalisten, lange bevor der Begriff „Heuschrecke“ überhaupt im Spiel war. In der Fortsetzung „Wall Street – Geld schläft nicht“ schickt er Gekko erneut an die Börse. Eine Abrechnung? Anzeige Oliver Stone gibt zur Zeit viele Interviews. In denen muss er sich vor allem fragen lassen, woher seine Sympathie für zweifelhafte Staatsmänner wie Fidel Castro rührt, und die Antworten sind ausweichend. Dass er zu unkritisch sei, wird ihm vorgeworfen, zugleich aber auch, dass er mit Kriegspräsident Bush im Film „W.“ zu sanft umgegangen sei und dessen Politik zum ödipalen Komplex umdeutete. Es scheint tatsächlich schwer, einen wie Stone zu verstehen, der erstmal als ein typischer Vertreter des linken amerikanischen Kulturestablishments gilt, dem aber immer wieder die Argumente fehlen, wenn es darauf ankommt. Was er sagt wirkt oft schwammig, sehr meinungs- und gefühlsbestimmt. Seine Filme leiden darunter ebenfalls, zumindest innerhalb der letzten Jahre. Ob nun „W.“ oder auch „World Trade Center“ – ganz im Gegensatz zum grandiosen „Wall Street“ von 1987 scheint es, als wüsste der Regisseur nicht, was er eigentlich will. Die Filme wirken dünn, substanzlos, seine politischen Analysen oft naiv. Im Grunde ging der Schuss, den Stone damals mit „Wall Street“ abgeben wollte, nach hinten los. Anstatt ein Feindbild zu prägen, wurde Gordon Gekko zur Kultfigur, ganze Heerscharen junger Männer drängten als Broker aufs Parkett, und einige bekundeten Michael Douglas sogar persönlich, er hätte sie „inspiriert“. So kann’s gehen. Wenn man es auf die Spitze treiben möchte, dann könnte man fragen, ob uns ohne den Film nicht die ein oder andere Blase erspart geblieben wäre. „Gier ist gut“, sagte Gordon Gekko damals, und als er zwanzig Jahre später aus dem Gefängnis kommt, sagt das auf einmal jeder. Gier und Maßlosigkeit sind zur Schmiere des Systems geworden. Jeder bescheißt jeden, und frei nach Brecht rauben Profis keine Banken aus, sondern gründen welche. Politisches Risiko gibt es längst nicht mehr, im Gegenteil: Heute hat die Finanzlobby die Parlamente in der Hand statt umgekehrt. Das ist Planwirtschaft mit umgekehrten Vorzeichen. Gekko selbst scheint derweil geläutert. „Ist Gier gut?“ fragt er im Titel seines Bestsellers, aus dem er vor ausverkauften Sälen doziert. Offenbar war ihm das Gefängnis ein persönliches Purgatorium. Gekko, der Gute. Daneben hat er sich weitgehend ins Privatleben zurückgezogen und versucht immer wieder, sich seiner Tochter (Carey Mulligan) anzunähern, die ihren Vater aus tiefster Seele hasst. Sie selbst ist mit dem jungen Broker Jacob Moore (Shia LeBoeuf) liiert, der aber nicht den Tanz der Hedgefonds tanzt, sondern in die Ökobranche investiert. Er glaubt, dass man mit den Mitteln des Systems auch Gutes tun kann. Am Anfang sind also erstmal alle gut und schlagen sich mit den Alltagsmalaisen der längst in Scherben liegenden amerikanischen Familienstrukturen herum. Bis der Böse kommt. Der Böse trägt den bezeichnenden Namen Bretton James (gespielt von Josh Brolin) und ist ein gnadenloser Zocker, der Jacobs Mentor (Frank Langella) derart traktiert, dass dieser erst aus dem Business und dann auch aus dem Leben ausscheidet. Bereits hier liegen die Mankos des Films brach, die so bezeichnend sind für Oliver Stone: Die Verkürzung auf „Gut“ und „Böse“ ist tatsächlich die einzige Abstufung, die ihm gelingt, und das über die komplette Filmlänge von über 130 Minuten. Und weil das Greenhorn Jacob gut ist muss es natürlich den Kampf gegen Goliath aka Bretton James aufnehmen. Dass der Zuschauer genau deswegen nicht ins Kino geht, sondern um den Kultbösewicht Gordon Gekko noch einmal in Aktion zu erleben, ist freilich auch dem Regisseur bewusst. Die Kurve dorthin gelingt ihm auch relativ gut. Gekko schaltet sich in den Machtkampf ein, und sobald er wieder Blut geleckt hat von dem Geschäft, das ihn einst selbst fast den Kopf gekostet hätte, läuft er wieder zur Höchstform auf. Sicher macht es Spaß, Douglas alias Gekko noch einmal bewundern zu dürfen, diesen großen Darsteller in dieser großen Rolle, und auch kleine Bezüge zum ersten Teil, wie etwa ein Cameo-Auftritt von Charlie Sheen als Bud Fox, sind sehenswert. Schade ist aber, dass es Stone nicht gelingt, sein Potential zu einer umfassenden und fundierten Kritik am Finanzkapitalismus zu nutzen. Er streift die Themen hier und da in Form plakativ hingeworfener Schlagwörter, aber das ist auch schon alles. Schwammig, dünn, ohne Richtung, das scheint das Schicksal von Oliver Stones Alterswerk zu sein. Eine mäßig spannende Gut-Böse-Story. Und natürlich erfüllt er zum Schluss alle üblen Befürchtungen. Nach einer kurzen Rückkehr zur alten Hochform gibt sich Gordon Gekko bekehrt und findet sein Heil abseits des Parketts – in der Familie, als Großvater. Die Demontage einer ganz ganz großen Filmfigur. Schade drum. (gw) |
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