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Chinese Democracy: Zwei Jahre danach

Rockmusik im Wandel der Zeit

Am 22. November jährt sich die Veröffentlichung von „Chinese Democracy“ zum zweiten Mal – dem Album, das gut 15 Jahre Produktionszeit und über 13 Millionen Dollar Produktionskosten verschlungen hat, das erst zum Heiligen Gral des Rock N’ Roll, später dann zum Running Gag erklärt worden war. Hinzu kommen die Querelen in der Presse und auch in der Fanbasis von Guns N’ Roses, die scheinbar noch immer nicht über die Tatsache hinwegkommt, dass heute eben nicht mehr gestern ist. Zeit für eine Bilanz.

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Als Gitarrist Slash 1996 seinen Ausstieg verkündete, wurden Guns N’ Roses für tot erklärt – jene Band, die 1987 mit dem Paukenschlag „Appetite For Destruction“ noch einmal die Rockmusik revolutionierte und in den frühen Neunzigern im kreativen Streit über die musikalische Gigantomanie „Use Your Illusion I&II“ zerbrach. Doch zum Begräbnis kam es nicht. Per Fax an MTV erklärte Axl Rose, er arbeite an einem neuen Album. Als er 1999 in einem Interview mit dem Rolling Stone den Titel verriet, einen ersten Song („Oh My God“) auf dem Soundtrack zu „End Of Days“ platzierte und die baldige Veröffentlichung des Albums ankündigte, wurde ein Mythos geboren. Es begann eine bisher nicht dagewesene Legendenbildung, und die Skeptiker warfen ein, die Band könne ohne Slash unmöglich bestehen. Das war der Beginn einer neun Jahre dauernden Odyssee.

Ein Fehlstart folgte dem anderen. Offenbar auf Druck der Plattenfirma Universal spielten Guns erst vereinzelte Konzerte, begannen 2002 eine Tour und brachen sie wieder ab, während sie unablässig das Management wechselten, weil Rose seine Vision nicht unter ökonomische Zwänge stellen wollte. Als 2004 Avantgarde-Gitarrist Buckethead genervt das Handtuch warf, drehte Universal den Geldhahn zu, um endlich die Veröffentlichung der Scheibe zu erzwingen. Rose ließ sich nicht beirren. Er setzte die Produktion im heimischen Studio in den Hollywood Hills fort und zahlte aus eigener Tasche. Eine erfolgreiche Welttournee 2006/2007 sollte offenbar die Kasse aufbessern. Guns gingen in den Endspurt. Zu dieser Zeit glaubte kaum noch jemand daran, dass „Chinese Democracy“ irgendwann noch erscheinen würde. Aber das tat es.

Allerdings nicht mit einem Paukenschlag. Eher still und leise. Zum Release im November 2008 gab es keine Konzerte, keine Interviews und für rund einen Monat wusste niemand, wo Rose sich aufhielt. Er war abgetaucht. Nach China. Er wollte dem Rummel entgehen und die Reaktionen aus der Ferne beobachten.

Der Rolling Stone überschlug sich mit Lob, aber im Großen und Ganzen waren die Kritiken eher von gemischten Gefühlen oder gar Verrissen geprägt. Hinzu kam, dass ein großer Teil der über zwanzig Jahre herangezüchteten Fanbasis sich irritiert verabschiedete. Das hatte zwei Gründe: Die einen hatten ein neues „Appetite For Destruction“ erwartet und Rose damit meilenweit unterschätzt. Die anderen hatten im Laufe der Jahre ihre Erwartungen derart hochgeschraubt, dass eine Enttäuschung programmiert war. Beide Seiten litten darunter, dass ihr Blick derart von der Vergangenheit verstellt war, dass sie sich auf die Gegenwart weder einlassen konnten noch wollten. Derweil zeigte sich, dass Rose mit seinem Abtauchen genau den richtigen Schritt getan hatte. Eine Tour unmittelbar zum Release wäre vermutlich zur Publicity-Katastrophe geworden. Stattdessen wartete er und ließ die Songs wirken. Er gab den Leuten Zeit, sie sich anzuhören, ganz in Ruhe, immer wieder. Dazu muss gesagt werden, dass es durchaus viele gab, die ebenso wie der Rolling Stone das enorme Potential auf Anhieb erkannten. Andere waren etwas langsamer, wieder andere verweigerten sich völlig. Aber allein das Auslösen dieser Kontroverse spricht für das Album.

Bis heute gibt es jene, die unablässig der alten Zeit hinterhertrauern und sagen, das aktuelle Lineup sei nicht mehr Guns N’ Roses. Was sie dabei übersehen ist, dass der feste Kern des neuen Lineups inzwischen länger besteht als das Gründungslineup. Sie übersehen auch, dass der Weggang Bucketheads für die Band ein weit herberer Verlust ist, als es Slashs Ausstieg jemals wird sein können, und sie vergleichen Äpfel mit Birnen, wenn sie versuchen, die musikalische Leistung des einen gegen die des anderen aufzurechnen. Guns N’ Roses werden, obgleich sie in einer ganz anderen Liga spielen, gerne mit Bands wie den L.A. Guns und Mötley Crüe verglichen. Die machen im Wesentlichen heute noch dieselbe Musik wie vor zwanzig Jahren, und sie machen es gut. Nur weiterentwickelt haben sie sich nicht. Das ist der Unterschied.

Wer „Chinese Democracy“ aufmerksam hört, der entdeckt bei jedem Durchgang etwas Neues, und er hört klar heraus, dass dies auch ohne Axl Rose’ markante Stimme genau das ist, was Guns N’ Roses immer ausgemacht hat: die Kombination der enormen Kreativität von an sich sehr unterschiedlichen Musikern. Wenn 1991 jemand gesagt hätte, das Songwriting von Axl Rose ließe sich mit dem von Buckethead vereinen, er wäre für verrückt erklärt worden. „Chinese Democracy“ hat bewiesen, dass es geht: Aggressiver und vitaler Stadionrock funktioniert wunderbar in Kombination mit avantgardistischen, experimentellen Klangstrukturen.

Die Leadgitarre hat inzwischen Darren James (DJ) Ashba übernommen, und das ist ein Glückfall. Denn er vereint den dreckigen, gefühlsbetonten Bluesrock Slashs mit dem, was Slash immer gefehlt hat: Dem Talent zu überzeugendem Songwriting. Das hat Ashba zur Genüge bewiesen, als er gemeinsam mit Nikki Sixx (Mötley Crüe) die „Heroine Diaries“ schrieb.

Tatsächlich datieren einige Songs auf dem Album („This I Love“, „Street Of Dreams“, „Madagascar“) zurück in die frühen Neunziger. Und die lange Arbeit, die ihnen zuteil wurde, und die manch einer als „überproduziert“ abstempelte, ist hörbar in jedem Akkord. Gerade die an jeder Ecke eingestreuten kleinen, manchmal winzigen Nuancen sind es, die dieses Album groß machen, die eine Tiefgründigkeit und Komplexität ohnegleichen schaffen, ohne dass es je überladen wirkt. Selbstzitate wie der perfekt platzierte, aus „Estranged“ übernommene Piano-Breakdown in „There Was A Time“ zeigen überdeutlich die Kontinuität, die in diesen Songs steckt, und vor allem die Konsequenz. „Chinese Democracy“ ist die logische Fortschreibung von „Use Your Illusion“, aber gereifter, durchdachter.

Dieses Album ist so wie die Band, die es geschrieben hat: Unberechenbar aber sympathisch. Noch immer gibt es das Gejammer darüber, dass Guns notorisch zu spät die Bühne betreten (in Leeds wurde ihnen dafür kürzlich der Saft abgedreht). Man muss sich ernsthaft fragen: Weshalb? Wenn man auf ein Konzert von Guns N’ Roses geht, dann weiß man, dass es passieren kann, dass die Band nicht pünktlich um 21 Uhr, sondern erst nachts um zwei die Bühne betritt. Man weiß es. Wem das nicht gefällt, der soll eben zu Hause bleiben.

Ein ganzes Jahr haben Guns gewartet bevor sie nach dem Release ihres Opus Magnum auf Tour gingen – und diese Tour dauert jetzt schon ein volles Jahr an. Ende nicht in Sicht. Der Kultopener „Welcome To The Jungle“ wurde durch den neuen Titelsong ersetzt. Das ist mutig. Die meisten großen Bands aus jener Zeit nudeln ihre Klassiker runter und machen einen Bogen um ihr aktuelles Material (Metallica als Extrembeispiel). Und es funktioniert. Die Leute warten inzwischen darauf, DJ Ashbas Silhouette vor der riesigen tiefroten Videoleinwand zu sehen, und zu erleben, wie er mit diesen simplen aber unglaublich effektiven Akkorden die Stille in der Arena zersägt. Sie warten auf eine Band, deren Energie und Spielfreude sichtbar zeigt, dass Guns N’ Roses nicht vor zwanzig Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren, sondern es genau jetzt sind. Und sie jubeln einem Rock-Meisterwerk wie „Nightrain“ ebenso zu wie „Better“ oder „If The World“ – dem vielleicht besten Stück des ganzen Albums, nicht obwohl, sondern weil es zeigt, welche Entwicklung die Band durchgemacht hat.

„Chinese Democracy“ ist ein Album, das man nicht trotz, sondern aufgrund seines überbordenden 74minütigen Größenwahns, nicht trotz, sondern aufgrund seiner Ansammlung sämtlicher widersprüchlicher Emotionen und musikalischer Diversität auch nach zwei Jahren noch ohne Unterlass hören kann. Es ist ein Album, das noch einen langen Weg vor sich hat. Von einer Band, von der noch einiges kommen wird. Ein Album, das heute umstritten ist und in weniger als zehn Jahren ein Klassiker, ein Meilenstein sein wird – nachdem es die Zeit hatte, die es benötigt, um sich richtig zu entfalten. Ob es ein Sturm aus fünf Gitarren zugleich ist, die Untermalung mit einem kompletten klassischen Orchester, den in einer Kathedrale eingespielten Drums, ob es die vierzehn Studios sind oder die nicht mehr zählbaren Produzenten – alles egal. „Chinese Democracy“ ist ein virtuoses Klangerlebnis auf allerhöchstem Niveau. Welcher anderen Rockband gelingt so etwas schon noch?

Gerrit Wustmann


Guns N' Roses - Chinese Democracy (Universal / Geffen / Black Frog)
Guns N' Roses - Chinese Democracy (Universal / Geffen / Black Frog)

Axl Rose in Caracas im März 2010 (Bild: Ed Vill / Wikipedia)
Axl Rose in Caracas im März 2010 (Bild: Ed Vill / Wikipedia)

Datum: 05.11.2010

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