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„Lolita“ im Theater Tiefrot

Lolita meets Clockwork Orange

Erst Woyzeck, nun Lolita – das Kölner Theater Tiefrot arbeitet sich derzeit an den Klassikern ab. Das zieht freilich Publikum an, das sonst eher selten seinen Weg in die kleine Off-Theater-Szene findet, und dadurch leider einiges verpasst. Nach einer Bühnenfassung von Oliver Reese inszenierten Intendant Volker Lippmann und seine Lebensgefährtin Gila Abutalebi nun Nabokovs Stoff – mit originellem Bühnenbild und einer Clockwork-Orange-Atmosphäre.

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Die Bühne ist ein Kreuzgang, begrenzt von transparenten Planen. Schon während das Publikum sich einfindet, wandert Humbert Humbert (Lippmann) ruhelos wie Rilkes Panter darin umher. Man blickt dort hinein wie in ein gläsernes Gefängnis oder wie in einen Spiegel. Die Szenerie hat etwas Surreales. Der Luftzug, den Humberts Schritte erzeugen, weht schwarze Luftballons umher. Humbert, ganz in weiß, rotes Halstuch, rotes Einstecktuch, sinkt in einen weißen Drehstuhl, der klinisch wirkt durch die Klarsichtfolie, in die er eingeschlagen ist, ebenso wie das zweite Requisit: ein Kühlschrank.

Humbert erzählt seine Geschichte. Seine Scheinbeziehungen zu erwachsenen Frauen, die ihn anwidern, während ihn die Sehnsucht nach jungen Mädchen verzehrt. Er erzählt, wie er sie beobachtet, wie er versucht, ihnen nahe zu sein, sie zu berühren. Er erzählt von der verhängnisvollen Begegnung mit Lolita. Lippmann spielt Humbert als eine verzweifelte Figur, die mit gnadenloser Offenheit und Radikalität die eigenen Lebenslügen seziert. Der stakkatohafte Monolog wird unterbrochen von Ausbrüchen des Wahnsinns, während derer die Bühne in tiefrotes Licht getaucht ist. Rotlicht, Pufflicht, Höllenlicht.

Wie gut die Interpretation ist, spürt man am nervösen Räuspern, am unruhigen Hin- und Herrutschen des Publikums auf seinen Stühlen. Dass die scharfen Kugeln einige Volltreffer landen, sieht man an manch verstörten Blicken. Man sollte meinen, dass der Stoff längst bekannt ist, aber es ist eben ein Stoff, der kein Verfallsdatum hat, und der, wenn er richtig umgesetzt wird, weiterhin zu schockieren weiß.

In einer der eindringlichsten Szenen tänzelt Humbert elegant über die Bühne, geht dann in klinisch weißem und unerträglich kaltem Licht an den Kühlschrank, trinkt Milch und singt „Singin’ In The Rain“, während aus dem Off seine und die Stimme seiner kindlichen Gespielin ertönen. Er teilt ihr mit, dass ihre Mutter tot ist. Und singt. Und trinkt. Ob das nun beabsichtigt ist, oder nicht: Der Vergleich drängt sich geradezu auf. Humbert wird zu Alex, aus“Lolita“ wird „Clockwork Orange“, und es wird einem bewusst, dass Humbert und Alex, diese radikalen Opfer ihrer Triebe, ein und dieselbe Person sein könnten.

„Lolita“ steht noch bis Januar 2011 auf dem Spielplan des Theater Tiefrot in Köln. Weitere Infos und Kartenreservierung unter www.theater-tiefrot.de.

Gerrit Wustmann


"Lolita": noch bis Januar 2011 im Theater Tiefrot in Köln
"Lolita": noch bis Januar 2011 im Theater Tiefrot in Köln

Datum: 03.12.2010

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