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Matthias Kehle: Fundus

Von Zugreisen und Trophäenschädeln

Keine wirklich neue Erkenntnis: Der Genuss alkoholischer Getränke und Übermüdung trüben die Wahrnehmung und mindern Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit – entsprechend gibt es zahlreiche Dinge, die man angeschickert oder übermüdet tunlichst unterlassen sollte. Autofahren natürlich, wenn man in einem Stück ankommen und keine Passanten auf dem Gewissen haben möchte. Arbeiten an elektrischen Anlagen gehören ebenso dazu wie Raclette-Vorbereitungen mit scharfen Messern oder der Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern in spe. Und auch Lesen gehört dazu, jedenfalls dann, wenn sich voller Genuss und Nachhaltigkeit entfalten sollen.

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Trotz dieses Wissens griff ich kürzlich in eben jenem Zustand zu einem Buch und blätterte, blätterte und hielt verwundert inne; überrascht davon, dass Schlagerbarde Jürgen Drews eine literaturkritische Einlassung beigesteuert hatte. Erst nach Minuten der Verwirrung, hervorgerufen durch eine simple Gleichheit des Nachnamens, löste sich der Knoten im Hirn. Irritiert aber ungeläutert, frei eines Lerneffektes, legte ich das Buch beiseite und griff zu Matthias Kehles neuem Gedichtband "Fundus". Ich las über einen Spanner und brauchte eine Weile, bis daraus ein Spanier wurde. Lange grübelte ich über das Aussehen des Hängebauchadlers, bis ich endlich den Buchstaben wahrnahm, der aus dieser seltsamen Tiergattung einen übergewichtigen Radfahrer werden ließ.

Einem gekauften Buch bzw. seinem Autor gegenüber eine gewisse Erwartungshaltung zu haben, bespaßt, gefesselt oder zumindest gut unterhalten werden zu wollen, ist legitim – andererseits darf auch ein Buch vom Leser ein gerüttelt Maß an Bemühung einfordern. Auf "Fundus" bzw. Matthias Kehle trifft wechselseitig beides zu, und zwar ohne Abstriche. Wer zu seinen Büchern greift, ist nicht auf der Suche nach billigem Thrill oder belangloser Unterhaltung, sondern erhält Lyrik auf hohem sprachlichen Niveau, muss jedoch auch Zeit und Konzentration investieren, um unverschnittene Worternte betreiben zu können.

Dass das Wort Fundus viele Menschen an dunkle Räume mit staubbedeckten Kisten denken lässt, an ein Endlager für nicht mehr gebrauchte Requisiten und Kostüme, die beim nächsten Tag der Offenen Tür versteigert werden, um Platz zu schaffen, täuscht ein wenig über die positiven Seiten eines Fundus hinweg: ein sicherer Platz zur Unterbringung von Dingen, die zu schade sind, um sie wegzuwerfen; Dinge, die man konservieren, die man für später aufheben möchte, Gedanken, Erinnerungen, Briefe und Fotos, auch Stimmen; Dinge, die im Bedarfsfall abgerufen, reaktiviert werden können, ein externer Speicher. Und Kehle greift zu, nutzt diesen Speicher, arbeitet sich an seinen Themen ab, schreibt vom Reisen und vom Ankommen, von urbanen Jahreszeiten, von körperlicher und geistiger Heimat und familiärer Vergangenheit.

Grüner Fels roter Fels / die Karabiner der / Bergsteiger läuten // Laß die Jungen vorbei / sie steigen so schnell warte // Nimm einen Stein mit / Schönheitsfehler / leg ihn zu den anderen

Bewusst umschifft Kehle thematische Modeströmungen, fein konstruiert sind seine Gedichte, filigran, auch diejenigen unter ihnen, die wie auf's Papier geschüttet oder "zurückgelassen" wirken (wobei filigran hier nicht mit zerbrechlich gleichgesetzt werden kann und sollte, zu selbstbewusst behaupten sich die Gedichte zwischen dem, was der Leser im Laufe des Tages zwischen Morgen- und abendlicher Fernsehzeitung aufzunehmen vermag).

Was den Lyriker Matthias Kehle ausmacht, unter anderem, und was es so angenehm macht, seine Gedichte zu lesen: Er bleibt in seinem Ton, ganz gleich, ob er ein Gedicht in philosophisch-melancholischem, zeitlosem Duktus anlegt oder ob er es als Dokument der Gegenwart definiert.

Im Erdgeschoß wohnte / Onkel hartgesotten / war er kein Name / in Sütterlin ich häng' / mein' Mantel nur / an echte Haken Hund / schmeckt gar nicht / schlecht im Krieg. // Hatte eine nasse Waffel / in der Socke einen Schatten / auf der Lunge Fußball- / bauch Trophäenschädel und / Tante mit Wildrosengeschirr

"Fundus", erschienen in der Lyrikreihe der Silver Horse Edition und im Innenteil mit vier Papiercollagen von Frank Milautzcki illustriert, präsentiert zeitgemäße, auf der Höhe unserer/ihrer Zeit befindliche, angenehm unaufdringliche Gedichte, von denen ich vermute, dass sie auch Lyrik-Novizen zu fesseln vermögen.

Stefan Heuer


Matthias Kehle: Fundus. Gedichte (Silver Horse Edition)
Matthias Kehle: Fundus. Gedichte (Silver Horse Edition)

Datum: 09.12.2010

Diskussion: "Matthias Kehle: Fundus"

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