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Reaktionäre KapitalismuskritikDie Amerikaner erleben seit einigen Jahren einen neuen Serienboom. Sei es „Lost“, „24“ oder das grandiose „Six Feet Under“, immer wieder führt der Mut, Grenzen zu überschreiten und Neues zu wagen, zum Erfolg. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. In der hiesigen Serien-Einöde setzt man lieber auf bewährtes Mittelmaß. Mit „Leverage“ wächst gerade eine neue amerikanische Erfolgsstory heran – so erfolgreich, dass die erste DVD-Ausgabe noch vor dem Ende der TV-Ausstrahlung am 17. Dezember erscheint. Zugegeben, „Leverage“ ist hochkarätig besetzt: Oscar-Preisträger Timothy Hutton übernimmt die Hauptrolle des Nathan Ford, des Anführers eines Teams von modernen Robin Hoods, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die allgegenwärtigen Verbrecher in den Management-Etagen der Hochfinanz ausfindig zu machen und Rache für ihre Opfer zu üben. Das passt freilich in unsere Zeit. Eine Art Ocean’s Eleven-Truppe (die selbst eine kriminelle Vergangenheit hat – Underdogs halt) zieht in den Krieg gegen Gier und Korruption. Nicht zuletzt seit der bis heute andauernden internationalen Wirtschaftskrise, der Selbstherrlichkeit von Banken und Konzernen, denen jedes Mittel recht ist, um an Geld zu kommen (und sei es virtuelles Börsenspielgeld), steht die kapitalistische Herrschaftsideologie massiv in der Kritik. Dass es spätestens im Februar 2011, wenn Wikileaks seine Bankeninterna veröffentlicht, noch mal so richtig krachen wird, daran besteht kein Zweifel. Wie aber umgehen mit den Kriminellen und Korrupten in Parlamenten und Konzernspitzen? Der wütende Mob hat darauf sicher eine Antwort, und das Argument, dass schließlich auch die Französische Revolution alles andere als unblutig verlaufen ist, scheint erstmal stichhaltig. Der wütende Mob ist sich aber viel zu selten bewusst, dass er sich im reaktionären Affekt auf das unterirdische Niveau seiner Gegner herablässt. Solche zweifelhaften Reflexe bediente bereits „24“, und „Leverage“ tut es in noch ungleich höherem Maße. Obwohl die Drehbücher der einzelnen Folgen handwerklich durchaus beachtlich sind, und die Serie rasch eine höchst unterhaltsame Sogwirkung entfaltet, hat sie unterm Strich doch leider nicht mehr zu bieten als höchst reaktionäre Kapitalismuskritik nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hierin einen Niedergang der US-Serienkultur sehen zu wollen, wäre übertrieben. Es ist aber eine Serie, auf die man getrost verzichten kann. Dann doch lieber noch mal alle Staffeln von „Six Feet Under“ und wenn gar nichts mehr geht die obligatorischen Simpsons. Die haben schon im Vorspann mehr differenziert-zynische Kapitalismuskritik als „Leverage“ in der gesamten ersten Staffel. (gw) |
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