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Inception (DVD & Blu-Ray)

Verschenkte Träume

Christopher Nolans „Inception“ ist einer der meistgehypten Filme des Jahres 2010 – und einer der erfolgreichsten. Er ist das für 2010, was James Camerons „Avatar“ für 2009 war – und ist Nolan nicht auch irgendwie Camerons legitimer Nachfolger im Kampf um den Innovations-Thron in Hollywood? Gemessen am Hype und der Marketing-Gigantomanie, die um den Film gemacht wurde, konnte „Inception“ eigentlich nur enttäuschen. Dass das Werbefeuerwerk ihn trotzdem zum Kassenschlager gemacht hat, ist klar.

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In der Presse wurde der Film – von Ausnahmen abgesehen – bejubelt wie kaum ein anderer in diesem Jahr. Das Wort „anspruchsvoll“ fiel ziemlich oft, und auch der Begriff „genial“ war hier und da zu lesen. „Inception“ ist kompliziert, verschachtelt, ja, aber „anspruchsvoll“? Nein, definitiv nicht. Während Nolan noch mit seinen brillanten Comicverfilmungen „Batman Begins“ und „The Dark Knight“ Hollywoodkino mit Tiefgang und immensem Ideenreichtum schuf, hat er nun zwei simple Klischeestories so verwurstet, dass man als Zuschauer aufmerksam sein muss, um nicht den Faden zu verlieren. Dabei ist das Grundkonzept furchtbar simpel und farblos, was umso ärgerlicher ist, angesichts der Tatsache, dass die eigentliche Idee rund um das Thema Traum ein Juwel ist, das Stoff genug für einen Kino-Meilenstein hätte liefern können.

Der eine Handlungsfaden dreht sich um den schwerreichen Firmenboss Saito (Ken Watanabe), der um jeden Preis das Imperium seines Konkurrenten Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy) zerschlagen will. Er sucht sich eine Truppe Spezialisten, die das für ihn erledigen sollen. Deren Kopf Dominick Cobb (Leonardo DiCaprio) liefert den zweiten Handlungsfaden: Er kommt nicht los von der schmerzhaften Erinnerung an seine Ehefrau Mal (Marion Cotillard), die sich vor Jahren das Leben nahm. Und er will zurück in die USA zu seinen Kindern, darf aber nicht einreisen, weil man ihn dort für den Mörder seiner Frau hält. Saito bietet ihm an, das für ihn zu regeln, wenn Cobb sich im Gegenzug um Fischer kümmert. Je nachdem, wie man den Film interpretiert, kommen entweder beide an ihr Ziel oder alles war bloß ein Traum.

Und hier wird es interessant: Denn Cobb ist ein „Extractor“. Er dringt in die Träume von Menschen ein und stiehlt aus deren Unbewusstem, was er dort findet. Saito verlangt von ihm das Gegenteil. Er soll eine „Inception“ durchführen, also dem Opfer Fischer eine Idee ins Hirn pflanzen, und zwar die Idee, das Imperium seines Vaters zu zerschlagen und etwas Eigenes zu beginnen. Trotz der albernen Grundhandlung eröffnet sich hierdurch ein gigantisches Potential. Nolans Drehbuch geht von „bewusstem Träumen“ aus, in dem man sich, wenn man denn weiß wie, frei bewegen und handeln kann. Zudem ist es möglich, verschiedene Traumebenen einander zu überlagern – also im Traum einzuschlafen und im Traumschlaf einen weiteren Traum zu träumen. Das führt dazu, dass das Finale des Films ein Traum in einem Traum in einem Traum ist.

Das ist Nolans eigentlicher Trick: Durch diese Verschachtelung verwirrt er gezielt den Zuschauer, verkauft ihn quasi für dumm, und gibt ihm ein Erfolgsgefühl, wenn er trotz der Irrungen und Wirrungen der Handlung folgen kann. Bei vielen hat diese Verwirrung offenbar den Eindruck hervorgerufen, „Inception“ habe Anspruch und Tiefe. Hat er aber leider Gottes nicht. Denn für diese unerträglich konstruiert wirkende und mit Logikkratern durchsetzte Komplexität opfert er seinen Stoff.

Alle möglichen Themen reißt er an – das Wesen des Träumens und des Erinnerns, die Verwebung von Traum und Realität, die Verarbeitung des Erlebten im Unbewussten (das, wie immer, falsch als „Unterbewusstsein“ bezeichnet wird), also die Erkenntnisse Sigmund Freuds; er streut Anspielungen auf die Gemälde Eschers ein und würzt all das mit einer heftigen Prise „Matrix“ und „James Bond“. Die Psychologie bleibt durchweg auf Kaffeekränzchenniveau, und die Anspielungen auf Paradoxien und Traumverarbeitung in der Kunst sind derart angestrengt, plakativ und im Actionkontext des Films deplaziert, dass sie einem relativ schnell mächtig auf den Wecker gehen. Subtilität funktioniert anders.

Ein Beispiel gefällig: Als es zum Kampf in Fischers Unbewusstem kommt, stößt einer von Cobbs Mitstreitern eine von Fischers Abwehrkräften (schwer bewaffnete Muskelprotze) von etwas, das wohl eine Escher-Treppe sein soll aber leider keine ist, und ruft dann triumphierend: „Paradoxon!“ Noch ein Beispiel? Bittesehr: Die junge Studentin (Ellen Page), die Cobb als „Traumarchitektin“ hinzuzieht, hört auf den Namen „Ariadne“. Mehr Holzhammer geht wohl kaum noch.

Was könnte man mit Nolans Budget und dem Thema Traumwelten alles anstellen … Reminiszenzen an Dali, Bosch und Co. wären eine Möglichkeit. Ohne sie zu benennen freilich. Mit subtiler Bildsprache ist Vieles machbar. Aber leider setzt Nolan bei jeder Gelegenheit hierzu auf nichts als billige Effekthascherei. Cobb und Ariadne sitzen in einem Straßencafé, das um sie herum explodiert; Ariadne faltet Paris zusammen; ein Güterzug brettert durch eine Stadt und walzt alles nieder… und so weiter. Das ist alles nett anzusehen, aber dennoch maßlos enttäuschend, weil es meilenweit an der Sache vorbeigeht.

Das Problem von „Inception“ ist, dass hier zwei Dinge zusammenkommen, die nicht zusammen passen wollen: Ein pompöser Actionfilm und das vielschichtige Thema Traum samt seiner Elemente und Auswirkungen auf das Leben. „Inception“ will alles und schafft fast nichts; er ist maßlos überladen und enttäuscht doch durch seine plumpe Art, weil jeder Aspekt, der interessant sein könnte, nur angerissen aber nicht ernstgenommen wird.

Unterm Strich bleibt ein unterhaltsamer, handwerklich brillant gemachter Film, der, wenn man denn will, großen Interpretationsspielraum bietet (in Bezug auf die Verschachtelung der Traumebenen). Und wäre er zwischendurch nicht immer wieder so abgrundtief ärgerlich, dann könnte man ihn sich sogar mehrmals ansehen.

Ein Kommentar noch zur DVD: Offenbar will Warner um jeden Preis das Blu-Ray-Geschäft ankurbeln. Anders ist die wirklich miserable Bildqualität nicht zu erklären – all die Artefakte, Verpixelungen, das Blitzen und Blinken im Bild und der suboptimale Kontrast schmälern das Filmerlebnis zusätzlich. Da hätte man lieber ganz auf eine DVD-Fassung verzichten sollen, anstatt so etwas abzuliefern. (gw)


Inception von Christopher Nolan
Inception von Christopher Nolan

Datum: 23.12.2010

Diskussion: "Inception (DVD & Blu-Ray)"

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