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Wall Street 2 – Geld schläft nicht (DVD & Blu-Ray)

Die Demontage des Gordon Gekko

Gordon Gekko ist wieder da. „Liebt Blaues Hufeisen noch immer Anacot Steel?“ fragt Bud Fox (Charlie Sheen) seinen ehemaligen Mentor zynisch, als er ihn auf einer Wohltätigkeitsparty – ausgerechnet! – trifft, doch der hat anderes im Sinn. Er will die zerrüttete Beziehung zu seiner Tochter Winnie (Carey Mulligan) kitten. War im grandiosen ersten Teil überhaupt die Rede davon, dass der eiskalte Bankster Gekko Kinder hat? Man weiß es nicht mehr. Es ist auch nicht mehr wichtig. Was ist nur geworden aus dieser übergroßen Figur? Ein Geläuterter, dessen Purgatorium das Gefängnis war, in dem er wegen Insiderehandels acht Jahre einsaß. In diesen acht Jahren hat er ein Buch geschrieben. „Ist Gier gut?“ heißt es.

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„Gier ist gut, Gier ist richtig, Gier ist notwendig.“ Solche Sätze sagte Gordon Gekko (Michael Douglas) im Jahr 1987. Und die Frage, warum er Firmen und damit Arbeitsplätze und damit Leben vernichtet, beantwortete er sinngemäß mit: „Weil ich es kann.“ Gekko war damals einer der Größten an der Wall Street. Er betrog Alles und Jeden, er züchtete Scheinfreundschaften heran, nur um den Menschen im richtigen Augenblick das Messer in den Rücken zu rammen. Nicht wegen des Geldes. Davon hatte er mehr als genug. Er tat es, weil es ihm Spaß machte. Eine Figur, die man eigentlich abgrundtief hassen müsste, aber man tat es nicht. Man liebte Gekko, er wurde zum Idol, zur Symbolfigur. Ein Mann ohne Zweifel, ohne moralisches Gepäck. Er wurde zum Idol obwohl er abstürzte, obwohl er am Ende im Knast landete. Gekko umgab eine Aura von Macht und Größe. Er überstrahlte alles. Es war für Michael Douglas die Rolle seines Lebens.

Es hat sich viel getan in der Zwischenzeit. Die Fortsetzung des Films greift die Realität auf. Die IT-Blase. Die Immobilien-Blase. Die Radikalisierung der Finanzmärkte, die seit 1987 vonstatten gegangen ist. Regisseur Oliver Stone gibt sich Mühe, zu betonen, dass er nicht einseitig sein will, dass man ihn nicht missverstehen soll. Es gebe viele gute Leute an der Wall Street, Leute, die mit den Mitteln des Systems etwas verändern wollen. Leute wie Jacob (Shia LaBoeuf), die in alternative Energien investieren, die zwar auch mit dem Geld anderer Leute zocken, die die Regeln aber nur für gute Zwecke brechen. Aber leider gibt es auch Leute wie Bretton James (Josh Brolin), Bankenmanager, die immer mehr und mehr wollen, die sich nicht im geringsten um die Auswirkungen ihres Handelns kümmern, die mit dreckigsten Mitteln in die eigene Tasche wirtschaften und den Kapitalismus, diese menschenverachtende Ideologie, perfektionieren: Als aufgrund der Gier und der Maßlosigkeit alles zusammenbricht, fordert er, die Banken sollen sich von den Regierungen retten lassen. Aus Steuermitteln. Die Banken verstaatlichen – man wirft ihm Sozialismus vor, diesen Totschlagbegriff, ebenso effektiv wie die Nazikeule. Ein Ablenkungsmanöver. Die ganz realen Bankenrettungen, die wir erlebt haben und erleben sind mitnichten sozialistisch – sie sind radikalkapitalistisch. Sie bedeuten absolute Herrschaft der Banken, die sich ihre eigenen Fehler gleich doppelt von anderen Bezahlen lassen. Sie zocken mit dem Geld anderer Leute, die ihnen dieses Geld freiwillig gegeben haben, als Sparer oder sabbernde Aktionäre. Und wenn das nicht mehr reicht, dann werden die Menschen eben gezwungen, ihnen noch mehr Geld zu geben – der Staat kümmert sich schon darum, er hat Steuergelder zu verteilen. Die Begründung ist so effektiv wie hanebüchen: Die Banken seien „systemrelevant“.

„Ist Gier gut?“ fragt Gordon Gekko nun. Diese Frage ist eines von zwei Problemen von „Wall Street 2“, einem Film, der großartig besetzt und handwerklich eindrucksvoll inszeniert ist, der letzten Endes aber an einem Drehbuch scheitert, das gleich mehrfach sein Thema verfehlt. Problem Nummer eins ist die Zielsetzung: Der Film will zeigen, wie es zugeht an der Wall Street, welch eine Gesinnung dort herrscht, es werden Begriffe aus dem Traderlatein plakativ in den Raum geschmissen, und es wird gezeigt, dass alles schlecht wird, wenn das Gezocke Überhand nimmt, und dass Banken böse sind. Nur warum das so ist, welche Mechanismen und welche Kausalzusammenhänge dahinterstehen, warum ein solcher Moloch als „systemrelevant“ gilt, das erfährt der Zuschauer nicht, obwohl der Film eine wunderbare Gelegenheit gewesen wäre, es ihm zu erklären, denn so furchtbar kompliziert, wie es gerne dargestellt wird, ist es freilich nicht. Stattdessen wird die Filmbörsenwelt simpelst in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse aufgeteilt, in Jacob und Bretton James.

Das funktioniert, ist unterhaltsam, ist aber weder dem Thema noch Oliver Stones Anspruch angemessen. Die Chance, mit Bretton James mal wirklich auseinanderzunehmen, wie so ein Radikalkapitalist tickt, wird völlig versemmelt. Er bleibt eine blasse Randfigur, die eben „der Böse“ ist, mehr gibt es nicht. Und Gekko? Gordon Gekko, der doch der eigentlich Grund sein sollte, sich den Film anzusehen? Zur Nebenrolle degradiert. Sicher, Douglas spielt ihn überwältigend gut, um am stärksten wird er in jenen raren Szenen, in denen all sein Intrigantentum und sein kalter, herzloser Killerinstinkt kurz wieder aufblitzen. Dennoch enttäuscht er (die Figur, nicht Douglas). Denn Stone macht Gekko zum Vehikel seiner „alles wird gut, wenn wir uns nur lieb haben“-Botschaft. Der geläuterte Gekko kommt aus dem Gefängnis und rechnet in seinem Buch mit der Finanzwelt ab. Er hält Vorträge an Unis, wo die Studenten zu ihm aufschauen, weil er weiß, wovon er spricht. Solche Fälle hat es auch in der Realität gegeben. Verurteilungen wegen Insiderhandels gab es mehrfach. Manch einer kam geläutert zurück, wie unser Gekko, andere sind wieder eingestiegen und sind heute brutaler als je zuvor. Letzteres hätte man bei Gekko gerne gesehen. Und man schöpft Hoffnung, denn es gibt da diesen Moment nach fast zwei Stunden Film, als Gekko, im maßgeschneiderten Anzug, sich die Haare nach hinten gelt wie in alten Zeiten und auf einem Computerbildschirm seine Bilanz betrachtet: Aus 100 Millionen Dollar Schweizer Schwarzgeld hat er in kürzester Zeit mehr als eine Milliarde gemacht. Wie er das geschafft hat, erfährt der Zuschauer nicht, aber dass so etwas nicht mit sauberen Mitteln und ohne Opfer funktionieren kann, das leuchtet jedem ein.

Und dann kommt Jacob ins Büro und führt Gekko ein Bild des im Bauch von dessen Tochter Winnie heranwachsenden Kindes vor. Und Gekko knickt ein. Es berührt ihn tatsächlich, und die Freude, Großvater zu werden zieht er seinen Geschäften vor. Das mag sogar realistischer sein, als die umgekehrte Reaktion, aber es enttäuscht den Zuschauer. Es ist der Moment, in dem die Filmfigur Gordon Gekko, einer der schillerndsten und attraktivsten Widerlinge der Filmgeschichte, demontiert wird. Wer das gesehen hat, der muss sich verabschieden von dem Gekko, den er über zwanzig Jahre lang im Kopf hatte, denn er existiert plötzlich nicht mehr. Oliver Stone krönt diesen üblen Fehlgriff mit einem derart verkitschten Ende, dass man sich wünscht, man hätte sich den Film nie angesehen – oder wenigstens zehn Minuten vor Schluss abgeschaltet, denn dann hätte man sich selbst ausmalen können, wie es weitergeht mit Gordon Gekko. Eines steht fest: Ein weiteres Comeback wird es nicht geben. (gw)


Wall Street 2 - Geld schläft nicht (FOX Home Entertainment)
Wall Street 2 - Geld schläft nicht (FOX Home Entertainment)

Datum: 06.01.2011

Diskussion: "Wall Street 2 – Geld schläft nicht (DVD & Blu-Ray)"

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