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2030 – Aufstand der Jungen

Privatversicherungs-Propagandafilm

Eine Lüge wird nicht zur Wahrheit, nur weil sie immer wieder wiederholt wird. Es kann aber geschehen, dass die Menschen eine Lüge glauben, wenn man sie ihnen nur oft genug massenmedial präsentiert. Eine dieser Lügen ist die Behauptung, der demographische Wandel sei ursächlich für die Schieflage der gesetzlichen Renten- und Krankenkassen. Mit anderen Worten: Weil es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, ist kein Geld mehr in den Kassen. Dieser Unsinn wird heute Abend im ZDF und ab morgen auf DVD in dem Film „2030 – Aufstand der Jungen“ munter weiter verbreitet.

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„2030 – Aufstand der Jungen“ ist die Fortsetzung der ZDF-Dokufiction „2030 – Aufstand der Alten“ aus dem Jahr 2007, erneut unter der Regie von Jörg Lühdorff, der uns bereits solch filmische Perlen wie „Ratten – Sie werden Dich kriegen!“ und „Ratten – Sie kommen wieder“ nebst ähnlich gelagertem unsinnig verplempertem Zelluloid beschert hat.

Der „Aufstand der Jungen“ spielt in einer unglaubwürdig und gestelzt inszenierten Katastrophenzukunft, in der junge Menschen sich in die Illegalität flüchten und sich sogar für tot erklären lassen, um vor den Gläubigern zu flüchten, die ihre Arztkosten oder die Kosten für die Pflege ihrer Eltern eintreiben wollen. Die Illegalen versammeln sich in Berlin-Schöneberg, das nun „Höllenberg“ heißt und ziemlich vergammelt aussieht, um den Aufstand gegen die als Feind empfundene Politik zu planen. Ein junger Mann verschwindet, und seine Geschichte wird von einer engagierten Journalistin aufgearbeitet und mit all den Katastrophenszenarien gewürzt, die heute relevant sind: Seine Eltern konnten die Nachmittagsschule nicht bezahlen und dann die Studiengebühren nicht, aufgrund der Umverteilung von unten nach oben ist die Arbeitslosigkeit weiter angestiegen, und weil der Junge sich kein Studium an einer Eliteuni leisten konnte, bekommt er auch keinen Job, wird abgehakt, Verlierer im Klassenkampf. Und so weiter. Auf den Straßen herrscht Chaos, man schottet sich gegeneinander ab.

All das wird, wie bei Lühdorff üblich, von jeglichem filmemacherischen Talent befreit in Szene gesetzt, und es wird einem als Zuschauer ganz anders, wenn man sieht, wie offensichtlich weder großes Budget noch aufwändige Kulisse handwerklichen Dilettantismus auszugleichen in der Lage sind.

Aber das Problem ist nicht, dass dem Publikum hier ein unterirdisch schlechter Film mit dümmlichem Drehbuch präsentiert wird. Das ist man sowohl von Lühdorff als auch vom ZDF gewohnt, man erwartet schon gar nichts anderes mehr. Das Problem ist die Message des Films: Die Demographie ist Schuld, dass Kranken- und Rentenkassen leer und die Versicherungen unbezahlbar sind, woraus folgt, dass man entweder reich sein oder zumindest reich genug sein muss, um sich private Versicherungen zu leisten – respektive früh genug in die Privatversicherung gewechselt ist. Ansonsten sitzt man 2030 in der sprichwörtlichen Scheiße. Das klingt nicht nur wie PR der privaten Versicherungswirtschaft, sondern ist es auch. Wie bereits Ex-SPD-Mann Albrecht Müller auf seinen Nachdenkseiten ausführlich dargelegt hat, sind die Probleme viel eher in der korrupten Politik zu suchen, die mit Fehlentscheidung über Fehlentscheidung die gesetzlichen Sozialversicherungssysteme zugunsten der Privatversicherer herabgewirtschaftet hat – unterstützt von der penetranten Öffentlichkeitsarbeit von Lobbyisten wie Meinhard Miegel oder Hans-Werner Sinn, denen auch in den Öffentlich Rechtlichen immer wieder gerne der Anstrich ernstzunehmender Wissenschaftler gegeben wird.

Ihre Botschaft ist dieselbe wie im Film: Raus aus den gesetzlichen Versicherungen, denn die können aufgrund der Demographie nicht mehr funktionieren, und rein in die vom Solidaritätsprinzip entkoppelte Privatversicherung. Dass das Demographie-Argument Unsinn ist weiß jeder, der sich mal einige Minuten lang mit den Demographiezahlen allein der letzten hundert Jahre in Deutschland befasst. Man kann auch wissen, dass die PR der Privatversicherer zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird je mehr Menschen wechseln und damit die gesetzlichen Versicherungen schwächen. Hinzu kommt, dass die leeren Rentenkassen nicht der Alterung der Gesellschaft geschuldet sind, sondern der Regierung Kohl, die sich für ihr „Projekt Blühende Landschaften“ mit vollen Händen aus ihnen bedient hat.

Zum „Aufstand der Jungen“ kommentierte Michael Buckup (SPD) in einer offenen Mail an Albrecht Müller: „Mich hat mein Gedächtnis nicht getrügt: Der Film stammt wie das erste unsägliche Machwerk „Aufstand der Alten“ von dem selben Regisseur Jörg Lüdorff, natürlich wieder vom ZDF produziert, und als Hauptdarstellerin fungiert die schauspielernde Versicherungsvertreterin Bettina Zimmermann, die schon damals in die laufenden Kameras der Vorberichterstattung faselte, wie toll es doch sei, dass ihre Eltern rechtzeitig für sie eine private Rentenversicherung abgeschlossen haben. Ich geh mit dir jede Wette ein, dass an dem neuen Machwerk wieder die gesamte Creme de la Creme der deutschen Versicherer von Allianz über AWD bis Züricher mitgewirkt haben.“

Verwundern würde es nicht. Auch die Bundeswehr fährt in den letzten Jahren eine millionenschwere PR-Kampagne, in deren Zuge unter anderem Fernsehfilme finanziert werden, die den Kriegseinsatz in Afghanistan legitimieren und mehr Verständnis für die Soldaten generieren sollen.

Fest steht nach wie vor eines: An privaten Versicherungen verdient niemand außer der privaten Versicherungsindustrie, die derzeit wieder beachtliche Geschenke von FDP-Gesundheitsminister Rösler erhält. Dass die Riester-Rente ein Rohrkrepierer ist, müssen immer mehr Versicherte schmerzlich feststellen, und auch, dass sie wohl zu Unrecht den Versprechungen der Lebensversicherer geglaubt haben. Nur einer ist in diesem medialen Spiel nun wirklich unschuldig: Die Demographie.

Gerrit Wustmann

NACHTRAG: Einen Beitrag, der eben jenes Thema kritisch beleuchtet und zeigt, wie die private Versicherungswirtschaft die Öffentlichkeit bewusst täuscht, sendet die ARD am 12. Januar 2011 um 21:45 Uhr. Weitere Informationen hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=7971


"2030 - Aufstand der Jungen": Propaganda für Privatversicherungen im ZDF und auf DVD
"2030 - Aufstand der Jungen": Propaganda für Privatversicherungen im ZDF und auf DVD

Datum: 11.01.2011

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Artikel ID 90000479

 
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