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Ägypten: Die ungewollte Revolution

Bröckmanns Woche (2 / 2011)

„Bröckmanns Woche“ – die neue politische Kolumne auf CineTreff. Woche für Woche wirft Robert D. Bröckmann seinen bissig-zynischen Blick auf die Ereignisse in der Welt. Heute: Eine Revolution und ihre Beglückwünscher.

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Beharrlichkeit zahlt sich aus. Nach dreißig Jahren Diktatur haben die Ägypter in einer weitestgehend friedlichen Revolution ihren Dauerpräsidenten Husni Mubarak zum Teufel gejagt. Am Ende konnte ihm nichts mehr helfen, nichtmal die bezahlten Schlägertrupps, die er sich letzte Woche aus der arbeitslosen Unterschicht zusammengekauft hatte. Dass er sie zur Gewalt angestachelt hat, obwohl ihm hätte klar sein müssen, wie das endet, hat ihn nur weiter an den Abgrund befördert. Mit aller Kraft hat er sich ans Amt geklammert, wollte und wollte nicht zurücktreten – bis das Militär sich ganz offen auf die Seite der Demonstranten schlug und sinngemäß sagte: Eure Forderungen werden erfüllt. Da muss er es begriffen haben: Wenn ich nicht freiwillig einen Abgang mache, werden die Wachen vor meinem Palast einen Abgang machen, und das könnte richtig ungemütlich werden. Sein Rücktritt in letzter Sekunde hat verhindert, dass es doch noch zu Blutvergießen kommt. In Kairo wird gefeiert, und im Rest des Landes ebenso. Ganz Ägypten – eine einzige Freiheitsparty.

Und der Westen? Schaut dumm aus der Wäsche. Man muss sich das in einer Endlosschleife ansehen, wie diese tragischen Figuren Merkel und Westerwelle mit verbissenen Blicke den Ägyptern gratulieren, und jeder, aber wirklich jeder sieht und hört, wie wenig es ihnen gefällt, wie sehr sie sich ihren Despoten-Kumpel Mubarak zurückwünschen. Dasselbe Bild im europäischen Ausland und in den USA, die eben jene Armee, die nun den Weg für die Zeit nach Mubarak freigemacht hat, jährlich mit über einer Milliarde Dollar gestützt hatten – in der Hoffnung, das Regime möge für die Ewigkeit sein. Was da vor sich geht ist die Selbstentblößung von Scheindemokraten.

Für die Ägypter ist der Kampf noch nicht gewonnen, sie haben nur den ersten (gewaltigen!) Schritt getan. Bis zu einer arabischen Demokratie ist es noch ein weiter Weg, auf dem vor allem die Frage eine Rolle spielt, wie sich die Militärführung verhalten wird. In der Türkei hat das Militär mehrmals geputscht, um die kemalistische Verfassung zu schützen – formal wurde ihm diese Möglichkeit nach dem Volksentscheid der Regierung Erdogan (ja, die Formulierung ist so beabsichtigt!) im vergangenen September genommen. Ob das ägyptische Pendant bereit ist, die übernommene Verantwortung mit Fingerspitzengefühl und demokratischem Verständnis zu tragen, wird sich zeigen. Der Einfluss der USA, der weiterhin besteht, darf nicht unterschätzt werden. Ebensowenig wie die Interessen Israels, das seine Felle davonschwimmen und den Friedensvertrag in Gefahr sieht – aus Tel Aviv hört man zwar keine Wortmeldung, aber das Zähneklappern ist überdeutlich. Wird ein freies und demokratisches Ägypten die israelische Aggression gegen die arabischen Nachbarn stillschweigend tolerieren? Das ist zumindest unwahrscheinlich. Ebenso still war bisher die radikale Muslimbruderschaft, die ebenfalls nicht unterschätzt werden darf. Der Aufbau einer Demokratie wird nicht möglich sein, ohne den Klerus einzubinden und seinen Einfluss unter parlamentarische Kontrolle zu stellen.

Und der Westen? Wird seinen Einfluss in der Region nicht kampflos aufgeben, soviel steht fest. In Deutschland sind Neid und Missgunst schon deshalb vorprogrammiert, weil sämtliche hiesigen Revolutionen bisher kläglich versandet sind…

Bis die Tage … Ihr Bröckmann

Datum: 12.02.2011

Artikel ID 90000512

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