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Guttenberg gegen Gaddafi

Bröckmanns Woche (4/2011)

Unser bissiger politischer Kolumnist Robert D. Bröckmann hat eine schlechte Woche hinter sich, oder besser: eine medial schlechte Woche. Warum er das Wort Guttenberg nicht mehr hören kann, und was er von der deutschen Medienlandschaft hält, verrät er wie immer in „Bröckmanns Woche“.

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KT zu Guttenberg ist zurückgetreten. Fast hätte er einem Leid tun können heute Mittag, aber dann musste man sich doch wieder den unsäglichen Eiertanz der letzten zwei Wochen ins Gedächtnis rufen, der nun endlich vorbei ist. Der Rest ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Wir erinnern uns: Als der libysche Geisteskranke Gaddafi begann, die Bevölkerung „seines“ Landes mit schwerkalibrigen europäischen Waffen niederzumetzeln, war das ca. zwei Tage lang dominierende Schlagzeilen wert – bis Gutti wiederkam.

Mal ehrlich: Haben wir denn wirklich nichts Besseres zu tun, als unsere volle Aufmerksamkeit auf einen zu richten, der beim Verfassen seiner Doktorarbeit beschissen hat? Und es war ja nun wirklich nicht nur das CDU/CSU-Werbeblättchen BILD, alle anderen haben mitgezogen. KTzG hätte sich und dem Land eine Menge ersparen können, wenn er die Eier gehabt hätte, bei seinem allerersten Statement („abstrus“) zuzugeben, dass er ganz große Scheiße gebaut hat. Stattdessen lügt er, dann wiegelt er ab, dann gesteht er es endlich ein, nicht ohne seinen Hochmut zu verlieren, und dann erst fällt er ganz tief – und auch das tut er unerträglich hochmütig. Zwar demonstriert er damit beispielhaft die Geisteshaltung des Berliner Politikbetriebes, aber wäre das wirklich nötig gewesen?

Das viel größere Problem hatte unsere blasse Kanzlerin, die es geschafft hat, wirklich jeden Politiker mit inhaltlicher oder äußerer Strahlkraft zu entsorgen aka ihre Konkurrenten loszuwerden, und die nun wusste, dass KTzG in ihrem grauen Kabinett die einzige mediale Lichtgestalt darstellt (dank BILD und Spiegel, wobei letzterer es wiedermal geschafft hat, gerade so die Meinungskurve zu kratzen). Und dass auch ihre eigene Karriere daran hängt, dass ihre Jammertalpartei sich öffentlich präsentieren kann – peinlich genug, dass dafür die bayerische Provinzschwester herhalten musste.

Während über Guttenbergs Gehampel debattiert wurde, war dieses doch von Anfang an gänzlich uninteressant. Dass er nicht mehr haltbar war, war klar. Interessant war das Verhalten seiner Parteifreunde, dem aber nur am Rande wirkliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Medien mit Eiern in der Hose hätten am ersten Tag KTzG als das bezeichnet, was er ist, den von der ersten Sekunde feststehenden Schluss des Rücktritts vorausgesagt und sich vornehmlich wieder den wichtigen Dingen zugewendet – Gaddafi zum Beispiel, dessen Sohn Saif übrigens auf ähnliche Weise an seinen Doktortitel gekommen sein soll wie KTzG.

Der mediale Kampf, der in der letzten Woche tobte, war ein Kampf Guttenberg gegen Gaddafi. Mit anderen Worten: Ein nach DSDS-Manier gehypter akademischer und politischer Blindgänger mit abgelaufenem Verfallsdatum gegen einen durchdrehenden Diktator, der mutmaßlich tausende Menschen ermordet, und zwar mit Waffen die wir hier ihm vorher verkauft haben, mit einer Machtbasis, die es ohne britische, französische, italienische und nicht zuletzt deutsche Unterstützung nie gegeben hätte.

Das ist die Perversion der Medien, der Politik und der Wahrnehmung von Menschen, für die Politik und Massenmord nur noch oberflächliche Smalltalkunterhaltung irgendwo zwischen Wellnessbad und Hartz IV ist. Und für die Nutznießer, für die die Causa Guttenberg eine willkommene Ablenkung von ihren eigenen Interessen in Libyen war, die nicht durch den Despoten Gaddafi, sondern von der Revolution gefährdet werden.

Bis die Tage … Ihr Bröckmann

Datum: 01.03.2011

 
Artikel ID 90000530

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