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„Beyoglu Blues“ auf der „Bühne der Kulturen“

Von Christoph Leisten

Einen stimmigeren Ort für die Lesungspremiere von Gerrit Wustmanns jüngst erschienenem deutsch-türkischen Gedichtband Beyoğlu Blues hätte es kaum geben können: Das Theater „Arkadas“ in Köln, jene seit anderthalb Jahrzehnten für die interkulturelle Verständigung arbeitende „Bühne der Kulturen“, verwandelte sich am vergangenen Sonntag in ein eindrucksvolles Szenarium der Poesie.

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Fixpoetry-Gastgeberin Julietta Fix hatte den Abend auf bedachte Weise in zwei Hälften unterteilt. In der ersten Hälfte kamen drei Autoren zu Wort, die auf facettenreiche Weise das weite Spektrum der zeitgenössischen Lyrik repräsentieren und mit ihrer Dichtung zugleich die poetischen Koordinaten sichtbar machten, in denen Gerrit Wustmanns Lyrik verortet ist.

Den Auftakt des Abends gestaltete Frank Milautzcki, der mit Fug und Recht nicht nur als einer der profiliertesten literarischen Essayisten im deutschsprachigen Raum gelten kann, sondern darüber hinaus als Lyriker seit seinem einstigen Debüt in den „Akzenten“ eine außerordentlich eigenständige Bildsprache entwickelt hat. Dass „die Poesie (...) geschieht, während das Ich geschieht“, ließ der Vortrag Milautzckis bis in die Tiefe erkennen. In Milautzckis behutsamem, feinsinnigem Vortrag wurden die Nuancen seiner Poesie auf eindringliche Weise lebendig. Eine andere Facette der Poesie zeigte sich im Anschluss daran durch Andrea Karimè, deren sprachspielerische Kompositionen keineswegs einem Selbstzweck dienen, sondern gleichermaßen leichtfüßig wie überraschend zwischen Sprachen und Kulturen flanieren – und damit vermitteln. Auf diese Weise berührten die Gedichte das Publikum ebenso wie die Auszüge aus ihrer satirischen Kolumne der „Blanka Beirut“. Kontrastprogramm vor der Pause: Mit Amir Shaheen kam schließlich ein Lyriker zu Wort, der seit vielen Jahren in seinen poetischen „Short-Cuts“ auf unverwechselbare Weise Augenblicke des Alltags und der Populärkultur fruchtbar macht für jene einprägsamen „Weltmomente“, die nur die Poesie ermöglicht.

Damit war der Rahmen gesteckt für den zweiten Teil des Abends, der die Bühne atmosphärisch in ein Licht aus Beyoglu-Akzenten tauchte. Ein Interview mit Gerrit Wustmann und Oya Erdogan bildete den Auftakt. Im Gespräch mit Julietta Fix wurde deutlich, wie intensiv sich Wustmann mit der Stadt Istanbul auseinandergesetzt hat – nicht nur in seiner Eigenschaft als Orientalist, sondern vor allem durch die persönliche und die literarische Begegnung. Die Rezitatorin Oya Erdoğan, von Hause aus Philosophin, aber inzwischen auch mit eigener Lyrik an die Öffentlichkeit getreten, lobte indes eindringlich die türkische Übersetzung des Bandes durch Miray Atli.

Die an dieses Interview anschließende, zweisprachige Lesung aus Beyoglu Blues erwies sich – ungeachtet der starken lyrischen Stimmen im ersten Veranstaltungsteil – als Höhepunkt des Abends. Gerrit Wustmanns Zyklus über das alte Istanbuler Stadtviertel ist ein fein gearbeitetes Geflecht, in dem Kulturen einander begegnen und – vermittels der unvergleichlichen Möglichkeiten der Poesie – zum Ausgleich gelangen. Zuvörderst erweist sich der Autor darin als ein sehr genauer, hochsensibler Beobachter jener Stadt, die wohl wie keine andere Metropole für die Verflechtung östlicher und westlicher Einflüsse steht. Tief greifen Wustmanns Verse in das Blau zwischen Himmel und Meer, oszillieren zwischen Sinnlichkeit und Sehnsucht und sparen dabei auch das Dunkle nicht aus. Im Bewusstsein der Tradition – Wustmann flechtet in seine Verse Reminiszenzen an Autoren wie Sait Faik, Nazim Hikmet, Orhan Veli und Jörg Fauser ein – wird der Zyklus zu einem komplexen, farbenreichen Kaleidoskop, in dem das Vorfindliche synästhetisch ineinanderfließt. Es ist gerade diese subtile, im Alltäglichen nie ganz greifbare Verschmelzung disparater sinnlicher Erfahrungen, die sich in Wustmanns Wendungen wie etwa der vom „klang der blicke / auf dem rücken einer schönen frau“ oder der vom „blick, der schwarz ist / wie der herzschlag im wasser / des bosporus“ nachhaltig einprägt. Indes führte die Lesung vor Augen, wie entschieden diese Dichtung jeder Beschaulichkeit widersteht und sich stattdessen als äußerst empfänglich erweist für die unterschiedlichen, ja auch: gegensätzlichen und widersprüchlichen Phänomene des heutigen Istanbul, das stellvertretend stehen mag für die so unverzichtbar gewordene Begegnung und Verständigung der Kulturen. Dass es Gerrit Wustmann gelingt, aus dem disparaten Erfahrungs-Material der west-östlichen Metropole eine derart eigenständige poetische Einheit zu gewinnen, ist die größte Leistung seines Werkes.

Die warmherzige, bedachte, einfühlsame Stimme des Autors trug das ihre dazu bei, die Vielschichtigkeit der Gedichte aufzuschließen für das Publikum. Sichtlich beeindruckt lauschten die Besucher nicht nur Wustmanns Vortrag, sondern auch den von Oya Erdogan kongenial gelesenen Übersetzungen, die zugleich die klanglichen Schönheiten des Türkischen offenbarten. Auf feinsinnige Weise war die Lesung eingebettet in ein eigens für diesen Abend von dem Hamburger Komponisten Thomas Lebioda geschaffenes Klangwerk zu Beyoglu Blues, das die poetische Struktur des Werkens musikalisch weiterführt und akzentuiert. Insgesamt ein äußerst gelungener literarischer Abend, der das Publikum reich beschenkte. Es dankte den Akteuren mit lang anhaltendem Applaus. – Zu wünschen bleibt, dass dieses Programm noch an vielen anderen Orten im deutschsprachigen (und vielleicht auch: im internationalen?) Raum zu sehen sein wird.


Gerrit Wustmann: Beyoglu Blues - Gedichte auf Deutsch und Türkisch, erschienen 2011 bei Fixpoetry
Gerrit Wustmann: Beyoglu Blues - Gedichte auf Deutsch und Türkisch, erschienen 2011 bei Fixpoetry

Datum: 11.03.2011

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