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Roxana Saberi: Hundert Tage

Gefangen im Teheraner Evin-Gefängnis

„100 Tage. Meine Gefangenschaft im Iran“ von Roxana Saberi gibt tiefe Einblicke in die iranische Willkürjustiz und hinter die Kulissen des berüchtigten Gefängnisses Evin im Norden Teherans, in dessen Sektion 209 Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle als politische Häftlinge einsitzen. Saberi schrieb das Buch, nachdem sie im Frühjahr 2009, kurz vor der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinejad, ebenfalls festgenommen worden war.

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Roxana Saberi wuchs in den USA auf, wo sie Journalismus studierte. Ihr Vater ist Iraner, ihre Mutter Japanerin. 2003 ging sie nach Iran und wollte eigentlich nur einige Monate dort bleiben um Farsi zu lernen, das Heimatland ihres Vaters kennenzulernen und um nebenbei als Journalistin, unter anderem für die BBC und Fox zu arbeiten. Aus der Reise wurden mehrere Jahre. Land und Leute hatten es ihr angetan. Sie erlebte, wie bei den Präsidentschaftswahlen 2005 der Reformer Chatami abtreten musste zugunsten des konservativen Teheraner Bürgermeisters Mahmud Ahmadinejad, der bis dahin eine eher blasse Karriere hinter sich hatte. Unmittelbar danach wurden die Restriktionen verschärft, unter denen letztlich alle Iraner leiden – nicht nur Journalisten. 2006 entzog man Saberi ihren Presseausweis. Trotzdem blieb sie und musste beobachten, wie Ahmadinejad den radikalkonservativen Revolutionsgarden immer größere Macht verschaffte, indem er ihnen wichtige Posten in Politik und Wirtschaft zuschanzte.

Derweil begann sie mit der Arbeit an einem Buch. In und um Iran führte sie rund sechzig Interviews mit Menschen aus allen sozialen und politischen Schichten – sie wollte ein differenziertes Bild Irans zeichnen, das über die Schlagzeilen und die oberflächliche, alarmistische Berichterstattung in westlichen Medien hinausgeht. Aufgrund dieser Arbeit wird sie im Frühjahr 2009 festgenommen und muss erfahren, dass sie bereits seit Jahren vom Geheimdienst beschattet und jeder Winkel ihres Privatlebens ausgeforscht wurde. Die Anklage: Spionage für die USA mit dem Buchprojekt als Vorwand.

Saberi schildert eindringlich nicht nur die Haftbedingungen im berüchtigten Gefängnis Evin, über das schon so viele Bücher geschrieben wurden, sondern auch den Druck der so genannten Weißen Folter, der sie ausgesetzt war: Ein perfides Verhörsystem, das die Gefangenen brechen soll. Es werden ihnen Lügen in den Mund gelegt, sie sollen falsche Geständnisse ablegen vor laufender Kamera, sollen Freunde und Verwandte denunzieren mit dem Versprechen, dann entlassen zu werden. Wenn sie einwillige, als Spitzel für das Regime zu arbeiten, dann werde man sie freilassen. Erst Wochen später wird formell Anklage erhoben, ihren Anwalt darf sie nur zwischen Tür und Angel sprechen, Prozessvorbereitung unmöglich, und der Richter scheint sein vernichtendes Urteil (acht Jahre Haft) schon vorab gefällt zu haben.

Saberi tritt in Hungerstreik, schließlich dürfen ihre Eltern sie besuchen. Ihr Fall geht um die Welt, internationale Medien berichten, Regierungen, die UN, die EU, NGOs und Menschenrechtsverbände setzen sich für sie ein und die iranische Willkürjustiz unter Druck, bis schließlich Präsident Ahmadinejad persönlich anmahnt, dass der Fall geprüft werden soll. Am Ende wird das Urteil in zwei Jahre auf Bewährung umgewandelt und Saberi kann ausreisen. Nur einen Monat später wird Ahmadinejad in einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigt und eine Welle des Protestes ergreift das ganze Land – das Regime schlägt die Opposition brutal nieder. Doch bis heute ist sie aktiv und lässt sich nicht einschüchtern. Roxana Saberis Buch über die Verhältnisse innerhalb und außerhalb des Evin-Gefängnisses ist ein wichtiges und lesenswertes Dokument der Freiheit, das Hoffnung macht.

Viele Menschen, die Saberi im Gefängnis kennen lernte, sitzen bis heute dort. Zum Beispiel sieben Vertreter der Minderheitsreligion Bahai, die im Gegensatz zu Juden, Christen und Zoroastriern vom Regime nicht geduldet und verfolgt werden. Nicht zu vergessen der Regisseur Jafar Panahi, der Blogger Hossein Derakhshan, der Politiker Abbas Amir-Entezam und viele weitere, deren einziges Vergehen ihr Eintreten für Freiheit und Demokratie ist. Auch die Oppositionsführer Mir Hossein Mussavi und Mehdi Karroubi wurden kürzlich verhaftet – wo sie festgehalten werden, ist unklar. Umso wichtiger sind Stimmen wie die von Roxana Saberi, die nicht müde werden, auf die lange Geschichte der iranischen Demokratiebewegegung von der Konstitutionellen Revolution über die Regierung Mossadegh bis hin zur Grünen Bewegung hinzuweisen und auf die Chancen, die ein kulturell reiches und technologisch entwickeltes Land wie Iran hätte, würde es nicht gefangengehalten von einem kriminellen und menschenverachtenden Regime, das den Begriff der Freiheit pervertiert.

Gerrit Wustmann


Roxana Saberis Buch über ihre Inhaftierung im Teheraner Evin-Gefängnis ist bei Eichborn erschienen
Roxana Saberis Buch über ihre Inhaftierung im Teheraner Evin-Gefängnis ist bei Eichborn erschienen

Roxana Saberi
Roxana Saberi

Datum: 11.03.2011

 

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