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Yume

Sehnsüchte, Hoffnungen, Kulturen

Tonko lebt in Tokyo; Analia in Havanna; Ayin in Teheran. „Yume“ ist japanisch und bedeutet „Traum“, und um Träume geht es ebenso wie um Lebenswelten und um Sehnsüchte, die sich zwar kulturspezifisch unterscheiden und sich an unterschiedlichen politischen Vorzeichen ausrichten müssen, die aber vom Grundsatz her gar nicht so unterschiedlich sind. Dies aufzuzeigen ist die große Stärke des Dokumentarfilms von Shirin Saghaie und Annkatrin Hausmann aus Köln.

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Im Rahmen ihres Studiums an der Kunsthochschule für Medien (KHM) Köln drehten die beiden den Film in den Jahren 2006, 2007 und 2008. Jeweils zwei Monate verbrachten sie in jedem der Länder und begleiteten dort junge Frauen durch ihren Alltag. „Bevorzugt waren Länder, die gesellschaftlich, kulturell und vom politischen System her sichtbare Kontraste waren. Möglichst Extreme, die fern voneinander waren und Vergleiche zuließen“, kommentiert Kamerafrau Shirin Saghaie, die gemeinsam mit ihrer Studienkollegin Annkatrin Hausmann Regie führte.

Tonko streift nachts durch die Straßen der leuchtenden und bunten Millionenstadt Tokyo. Sie versucht sich als Musikerin, hat eigene Songs im Gepäck, nimmt an Castings teil, tritt auf offener Straße auf, lässt sich von Passanten ablichten. Ihre Eltern sehen das mit Skepsis. Sie sorgen sich um die Zukunft ihrer Tochter, wollen sie aber auch nicht einschränken in ihrem Lebenstraum. Tonko spricht von Einsamkeit, vom Alleinsein unter so vielen Menschen in einer gesichtslosen Metropole.

Analia lebt mit ihrem Vater in ärmlichen Verhältnissen mitten in Havanna. Ihre Eltern leben getrennt. Sie hat in Schottland studiert und dort Christian kennengelernt. Sie will ihn heiraten, mit ihm gemeinsam im Ausland leben, wo sie sich größere Freiheiten erhofft. Ihre Mutter wünscht sich, ihre Tochter würde bleiben. Vorerst muss sie das. Nach dem Studium muss sie für drei Jahre einen gesetzlichen Sozialdienst auf Kuba absolvieren. Nachts versucht sie sich als Videokünstlerin. Ihrem Vater raubt sie dadurch mitunter den Schlaf, aber er nimmt es gelassen, unterstützt sie. „Es ist klein und eng, aber Havanna liegt uns zu Füßen“, sagt sie, als sie auf den Balkon hinaustritt. Ihr Blick ist melancholisch.

Wenn Ayin auf den Straßen von Teheran unterwegs ist, bleibt ihr Gesicht meist ausdruckslos. Die Haare schauen unter ihrem Hidjab hervor, das muss als Statement genügen. Meistens ist sie mit Freundinnen unterwegs. Es ist nicht gern gesehen, wenn Frauen alleine auf die Straße gehen. Dennoch lässt sie sich ihre morgendlichen Joggingtouren nicht nehmen, aber ihr Blick wirkt nervös dabei. Nachmittags geht sie zum Kickboxen. Hier, unter Frauen, kann sie sich freier, natürlicher bewegen, den Hidjab ablegen. Auch Ayins Eltern sorgen sich, wenn ihre Tochter alleine unterwegs ist, aber aus ganz anderen Gründen als Tonkos Eltern. In Iran ist die Sittenpolizei allgegenwärtig, es herrscht eine Willkürjustiz, und die Meinung einer Frau ist laut Gesetzt nicht viel wert. Daher gilt es, vorsichtig zu sein. Es kann immer etwas passieren, die Repressionen haben unter Ahmadinedjad weiter zugenommen. „Ich hab aber nicht nur Angst um dich“, sagt Ayins Vater augenzwinkernd, „auch um die anderen, wenn du sie verprügelst.“ Er spielt auf ihre Kampfsportausbildung an.

„Yume“ zeigt vor allem, dass die grundsätzlichen Sehnsüchte, Träume, Hoffnungen, aber auch die Ängste der jungen Frauen sehr ähnlich sind, ebenso wie sich der Generationenkonflikt ähnelt, der zwar von unterschiedlichen Traditionen beeinflusst ist, in dessen Kern aber stets die Sorge der Eltern um die Zukunft ihrer Kinder steht. Was sich vor allem unterscheidet, das sind die Traditionalismen und die politischen Situationen, mit denen Tonko, Analia und Ayin sich – stellvertretend für Millionen andere junge Frauen – arrangieren müssen. Die politischen Rahmenbedingungen sind es zumeist, die eine emotionale Enge erzeugen, sei es der radikale Druck des Regimes in Iran, die Reizüberflutung im japanischen Konsumkapitalismus oder politische und wirtschaftliche Rückständigkeit im kommunistischen Kuba.

Trotz alldessen kann man sich problemlos vorstellen, wie die drei sich gemeinsam auf einen Kaffee treffen, sich unterhalten, sich austauschen, und man kann sich vorstellen, dass sie einander gut verstehen würden, denn tief im Inneren sind sie nicht weit voneinander entfernt.

Dies zu zeigen ist die große Leistung von „Yume“, den die beiden Filmemacherinnen mit viel Einfühlungsvermögen inszenieren. Sie halten sich stets im Hintergrund, lassen die Bilder und die Protagonistinnen sprechen, und es gelingt ihnen immer wieder, Blicke einzufangen, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen, weit über das eigentlich Gesagte hinaus. „Yume“ ist ein vielschichtiger Dokumentarfilm, der nachschwingt, der lange im Gedächtnis bleibt, und der sich vor größeren Öffentlich-Rechtlichen Produktionen keinesfalls verstecken braucht. Man kann ihn sich gut im Programm von Arte vorstellen, und aus der oft mittelmäßigen Masse der Nachwuchsfilmer ragen Saghaie und Hausmann deutlich heraus. Man kann ihnen nur wünschen, dass „Yume“ bald einem größeren Publikum zugänglich wird.

Gerrit Wustmann


"Yume" von Shirin Saghaie & Annkatrin Hausmann
"Yume" von Shirin Saghaie & Annkatrin Hausmann

Datum: 09.04.2011

Diskussion: "Yume"

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