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Brillante Mendoza: Kinatay (DVD) (OmU)

Intro Edition Asien #25

Brillante Mendoza ist ein Phänomen. Seit 2005 hat er neun Filme gedreht und gilt inzwischen als wichtigster Regisseur der Philippinen. Sein neuester Streifen „Lola“ wurde gerade als Bester Film auf dem Dubai International Film Festival ausgezeichnet, für „Kinatay“, der am 6. Mai auf DVD erscheint, wurde er in Cannes 2009 als Bester Regisseur geehrt; Quentin Tarantino sprach ihm jüngst seine Hochachtung aus. Zu Recht. Dabei ist „Kinatay“ ein schwer verdauliches, schockierendes, stellenweise unerträgliches Werk – und ein ebenso mutiges.

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Peping besucht die Polizeischule in Manila. Gerade hat er geheiratet, obwohl er mit seiner Frau und seinem sieben Monate alten Sohn in ärmlichen Verhältnissen lebt, ist er glücklich und sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Er weiß noch nicht, dass innerhalb der kommenden Nacht sein Leben komplett aus den Fugen geraten wird, er mit einer Realität konfrontiert werden wird, die seine heile Welt in Fetzen reißt.

Bereits jetzt existiert er in einer moralischen Grenzzone, die seine Wertevorstellungen auf die Probe stellt. Wer in Manila Polizist wird, das wird schnell klar, muss kreativ sein, um das jämmerliche Gehalt aufzubessern, und so hilft Peping nachts seinem korrupten Vorgesetzten beim Eintreiben von Schutzgeldern, die sie von Straßenhändlern erbeuten, die selbst am Hungertuch nagen. Am Abend seiner hochzeit soll er zu einer „Operation“ mitkommen, zusammen mit einer Truppe Kollegen und seinen Vorgesetzten. Peping ist unsicher, eigentlich will er nach Hause zu seiner Frau, andererseits sehnt er sich danach, Anschluss zu finden, dazuzugehören, also willigt er ein. Eine winzig kleine Entscheidung, die alles verändert.

Er muss mitansehen, wie seine Kollegen eine Prostituierte in den Kleinbus zerren, sie fesseln und bewusstlos schlagen, und dann beginnt eine lange Fahrt aus Manila heraus; Eindrücke der nächtlichen Stadt mischen sich mit der Unsicherheit und der Verzweiflung auf Pepings Gesicht, und gerade hier erreicht Mendoza eine atmosphärische Dichte, eine ausweglose Beklemmung, die ihresgleichen Sucht. Er nimmt den Zuschauer gefangen. Peping will handeln oder aussteigen, will seine Entscheidung rückgängig machen, aber es ist unmöglich, er hat keine Wahl mehr, all das vermittelt er ohne Worte.

Es gibt immer wieder Filme, von denen erzählt wird, dass selbst die Kritiker das Kino vorzeitig verlassen haben, weil sie so unerträglich sein sollen, und oft ist das ein durchschaubarer Marketingtrick. Im Falle von „Kinatay“ hingegen kann man es sich lebhaft vorstellen. Es ist schwer, den Film weiter anzusehen, an dieser Stelle schon, denn im Grunde will man nicht wissen, was weiter geschehen wird, und schon gar nicht will man es sehen, und wenn man es doch tut, dann erfährt man, dass das grausamste Kopfkino noch harmlos sein kann.

Peping steht die Nacht durch, handlungsunfähig wie der Zuschauer wird er Zeuge einer brutalen Misshandlung, durchgeführt von Menschen, denen er vor wenigen Stunden noch vertraut hat, und die nun mit einem Menschen so gnadenlos umgehen, dass man beginnt, die menschliche Natur in Gänze in Frage zu stellen. Die Täter gehen dabei so gefühlskalt vor, offenbaren eine so große emotionale Verkrüppelung, dass es einem stellenweise nicht nur im übertragenen Sinn die Luft abschnürt. Pepings Verzweiflung wächst von Minute zu Minute, aber man weiß, er kann nichts tun, sonst wird auch er diese Nacht nicht überleben, und als sein Chief ihm ganz beiläufig klarmacht, dass dies kaum mehr als Routine ist, ist von Pepings Welt schon längst nichts mehr übrig.

Brillante Mendoza sprengt in „Kinatay“ sämtliche Grenzen, allerdings nicht aus Voyeurismus, aus Skandal- oder Sensationsgier, sondern weil er nichts hält von der banalen, heilen Unterhaltungswelt, der Weiche-Watte-Welt, der Wohlfühlwelt des Kinos. Er hat einen Film inszeniert, der Realismus neu definiert, und der jeden Zuschauer verändern wird, denn er zeigt eine Realität, die niemand sehen will, die nur allzu gerne ausgeblendet wird. „Kinatay“ ist ein Film, der die absolute Hoffnungslosigkeit kultiviert. Ein Film, der sich ins Gedächtnis brennt, ob man will oder nicht. „Kinatay“ ist nicht weniger als ein Meisterwerk. (gw)


"Kinatay" von Brillante Mendoza - ein schockierendes, verstörendes, kaum erträgliches Meisterwerk (rapid eye movies)
"Kinatay" von Brillante Mendoza - ein schockierendes, verstörendes, kaum erträgliches Meisterwerk (rapid eye movies)

Datum: 24.04.2011

Diskussion: "Brillante Mendoza: Kinatay (DVD) (OmU)"

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