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Theaterpremiere: Die Melancholie der Venus

Die Identität als Spiel

Es gibt Theaterstücke, die sieht man sich bloß einmal an und gut ist. Es gibt Theaterstücke, die brennen sich nachhaltig ins Gedächtnis. Und es gibt Theaterstücke, die man sich mehrmals ansehen will, um immer wieder etwas neues zu entdecken, am Spiel der Perspektiven teilzuhaben und sich in die (Selbst)Reflexion zu trauen. Zur letzteren Kategorie gehört Lars Zastrows Solostück „Melancholie der Venus“ mit Sandra Kouba in der Hauptrolle, das am 27. April 2011 im Kölner Theater Tiefrot uraufgeführt wird.

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Man stelle sich folgende Situation vor: Man sitzt in einem Theater oder Varietee. Das kann ein großer, prächtiger Laden sein oder auch eine kleine Hinterhofkaschemme, ein stylisches Off-Theater oder sonst was. Ganz egal. Jedenfalls sitzt man dort im Halbdunkel, vielleicht einen Drink in der Hand, und auf der Bühne steht die Sängerin, ganz in sich versunken, und präsentiert aus tiefster Seele heraus einen melancholischen Chanson. Und plötzlich merkt sie, dass sie beobachtet wird. Denn man ist der einzige, der da sitzt. Eine intime Situation, vielleicht intimer als ein Schlafzimmer, denn beide sind füreinander anonym.

Wer ist dieser Zuschauer, warum ist er hier? Und wer ist diese Frau auf der Bühne mit dieser wundervollen Stimme und dem Blick, der im einen Moment verträumt, im nächsten ausdrucksstark und selbstbewusst, dann wieder nervös und unsicher ist? Wer ist sie? War sie eben, als sie sich noch unbeobachtet wähnte, sie selbst, oder spielte sie bereits eine Rolle? Und wie steht es jetzt, in dieser ganz neuen Situation?

„Meine Biographie ist unwichtig, und ich will nicht darüber sprechen“, sagt sie, und sie sagt auch: „Ich bin ein Bild: eine Projektion. Ja, mehr noch. Du kannst mich hören, Du kannst mich sehen, Du könntest mich sogar anfassen, wenn wir beide das wollten“. Und schließlich: „Ich bin Deine Schöpfung. Ich bin alles, was Du wünschst, das ich sei.“

Da wird diese Venus zur Lulu, einen Moment lang, und sie birgt ein dunkles Geheimnis. Aber stimmt das? Oder spielt sie bloß mit Erwartungen, um sie dann zu erfüllen oder zu brechen? Sie ist vor allem wechselhaft und nie greifbar, und wenn man für einige Momente glaubt, man habe ihr Wesen erfasst, entgleitet sie einem schon wieder. Sie erzählt Geschichten, eigene und auch solche mit Bezügen zu Literatur, Theater, Mythologie, und immer bricht sie die Erwartungen. Ist das ein Spiel? Auf jeden Fall ist es grausam – aber sanft und liebenswert zugleich.

„Die Melancholie der Venus“ ist ein Spiel der Identitäten, ein ständiger Perspektivwechsel, ein Wechsel der eigenen und der fremden Haut, bisweilen verwirrend, aber gezielt. Der Zuschauer ist hierbei kein Unbeteiligter. Er ist der direkt oder auf Umwegen Angesprochene, der sich selbst und vor allem seine Rolle in Frage stellen muss. Das Stück ist komplex, es braucht Aufmerksamkeit, es fordert sein Publikum auf vielen Ebenen, längst nicht nur denen des Erzählens, sondern vor allem auf der Ebene der Befindlichkeit als Betrachter, und vielleicht ist dies die wichtigste Frage überhaupt: Gibt es einen unbeteiligten Betrachter? Oder ist der Sehende per se mit einbezogen?

Lars Zastrow hat ein Stück geschrieben und inszeniert, das nicht gefällig sein will, und das man mit einer eindeutigen Haltung verlässt, sondern ein Stück, das nachklingt und nachschwingt. Seine Venus Sandra Kouba überzeugt durch eine bestechende Fragilität in Mimik und körperlicher Präsenz. Sie durchläuft eine volle Palette der Emotionen so zielsicher, dass allein ihr Blick in einigen Szenen den Zuschauer auf unterschiedlichsten Ebenen erwischen kann, denn natürlich weiß sie, wo ihr Publikum sich befindet. Denn schließlich ist das Publikum ein Teil der Inszenierung.

Premiere ist am 27. April 2011 um 20:30 Uhr im Theater Tiefrot, Dagobertstr. 32, Köln. Weitere Spieltermine: 28.4., 13., 14., 19. Mai 2011. Weitere Informationen und Kartenvorbestellung unter www.theater-tiefrot.de.

Gerrit Wustmann


Datum: 26.04.2011

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