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Anton G. Leitner: Die Wahrheit über Uncle Spam...

…und andere Enthüllungsgedichte

Es gibt in Bayern Zeitgenossen, die sagen, sie verstünden Anton G. Leitners Gedichte nicht. Andere sitzen in Parlamenten oder Kirchenämtern und finden Leitners Gedichte „unchristlich“ und „nihilistisch“. Nichts davon stimmt, mal ganz von der Frage abgesehen, was an unchristlicher bzw. nihilistischer Lyrik schlecht sein soll. Braune Begriffe wie „volksfremd“ fielen ebenfalls. Nun legt Leitner höchstselbst nach – mit „Enthüllungsgedichten“.

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Im vergangenen Jahr gab Leitner zum Ökumenischen Kirchentag im kirchlichen Verlag St. Michaelsbund die Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“ heraus. Offenbar gab es einige Zeitgenossen, die Anstoß daran nahmen, dass das Buch keineswegs angefüllt war mit esoterischen Lobpreisungsversen und frömmelnden Strophen, sondern dass es Gedichte enthielt, die viele Aspekte des menschlichen Lebens behandelten, so eben auch die dunkleren Themen. Da kamen dann auf einmal Schäfchen an, die meinten, sie hätten die Deutungshoheit mit Löffeln gefressen, und ein Proteststurm gegen Leitner brandete auf aus der erzkonservativen kirchlich-bürgerlich-politischen Ecke, der es sogar bis ins große Feuilleton schaffte. Man mag es den Angreifern verzeihen, seit im vergangenen Jahr eine Studie den Zusammenhang zwischen zunehmendem Konservatismus und abnehmender Intelligenz nachgewiesen hat.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, und man sieht, dass das Ganze auch etwas Gutes mit sich brachte: Die Nischenkunst Lyrik stand für einen Augenblick wieder in der Öffentlichkeit des Landes, das sich immer dann, wenn es gerade nicht weiter weiß, als Land der Dichter und Denker etikettiert; und die konservative Schicht hat sich mal wieder hochmotiviert selbst entblößt. Was will man mehr?

Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag erscheint nun Anton G. Leitners neuer Gedichtband „Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte“. Und um die potentielle Leserschaft vorab zu beruhigen: Die darin enthaltenen Gedichte sind keineswegs unverständlich, im Gegenteil. Sie sind sogar sehr eingängig, thematisch weit gefächert und offenbaren, wenn man denn bereit ist, sich darauf einzulassen und Leitners unzähligen kleinen, nuancenreichen Sprachspielen zu folgen, diverse Doppelbödigkeiten. Das macht schon der Titel klar. Und das Gedicht, dass stellvertretend für alle anderen den Buchrücken ziert, darf durchaus als augenzwinkernd-bissiger Seitenhieb auf die Ereignisse des Jahres 2010 verstanden werden: „Politiker auf / Posten // Im Aufsichts / Rat // Los / Ich // Stimme / Zu. // Danke / Stimmt // So.“

Inhaltlich betrachtet ist das nahe am Social Beat, sprachlich allerdings auf viel höherem Niveau. Ein Gedicht für all jene, die beklagen, es gäbe keine politische Lyrik mehr (also all jene, an denen die von Tom Schulz herausgegebene großartige Anthologie „Alles außer Tiernahrung. Neue politische Lyrik“ spurenlos vorbeigegangen ist). Das Buch beinhaltet viele solche kleine Sticheleien, und die meisten sind Volltreffer, eben weil sie oft so doppelbödig und uneindeutig sind.

Leitner hat sichtlich Freude am Spiel mit Bedeutungen, die er oftmals variiert, indem er seine Zeilenbrüche geschickt platziert, so wie hier in einem Gedicht über die zweifelhaften Kompetenzen der Deutschen Bahn: „statt dem / Zug bekomm ich / Zug im Unterstand // Es zieht durch alle / Ritzen erster / Zweiter / Dritter // Klasse!“ Man beachte das Ausrufungszeichen. Jeder, der hin und wieder gezwungenermaßen mit der DB fährt (freiwillig tun das nur Masochisten), kann es nachfühlen. Und so fegt Leitner mit großem Gespür für Unter- und Zwischentöne durch den bayerischen wie den bundesrepublikanischen Alltag, schaut dem Volk und der selbsternannten Elite aufs Maul und spart danach nicht mit Kakao, durch den er beide ziehen kann.

Wir dürfen gespannt sein, wem es diesmal wieder nicht in den Kram passt…

Gerrit Wustmann


Anton G. Leitner: Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte (Daedalus Verlag, Münster 2011)
Anton G. Leitner: Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte (Daedalus Verlag, Münster 2011)

Datum: 20.05.2011

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