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Jessica Schwarz

Unbekannte DDR

Schauspielerin Jessica Schwarz

(tsch) Den meisten "Bravo-Girls" bleiben nicht mehr als die berühmten 15 Minuten Ruhm - außer man heißt Jessica Schwarz. Die heute 28-jährige Hessin wurde 1993 gewählt und nutzte den Popularitätsschub durch das Leitmagazin für jugendliches Lebensgefühl als Karriere-Katalysator. Sie arbeitete zunächst als Model und moderierte beim Musiksender VIVA, ehe sie sich als Schauspielerin etablierte. Ihr Kinodebüt gab sie 2001 mit "Nichts bereuen" - Jessica Schwarz spielte an der Seite ihres heutigen Verlobten Daniel Brühl. Nach Filmen wie "Verschwende Deine Jugend" (2003) und "Kammerflimmern" (2004) stand sie bei Dominic Grafs Mauerbau-Drama "Der Rote Kakadu" (Kinostart: 16.2.) vor einer großen Herausforderung. Denn vom Leben in der DDR wusste Jessica Schwarz nicht viel und war nach den Dreharbeiten froh, niemals die Restriktionen einer Diktatur erlebt zu haben. Jessica Schwarz ist zurzeit auch in Vivian Naefes Mädchenbanden-Film "Die wilden Hühner" (Kinostart: 9.2.) auf der Leinwand zu sehen und spielt die Titelrolle in der Theaterverfilmung "Lulu" (Montag, 27.3., 20.40 Uhr, ARTE).

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teleschau: Wenn man nach Jessica Schwarz googelt, dann erscheinen sehr oft die Begriffe Chaos und Selbstmord. Warum?

Jessica Schwarz: (lacht) Da habe ich mich in einem Interview mal in etwas rein geredet. Ich sagte nur, dass man als junges Mädchen auch Suizid-Gedanken haben kann. Als ich jung war, hatte ich das Gefühl, dass mich kein Mensch versteht. Also stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich tot wäre und alle Leute, die ich kenne, am Grab stehen und sich die Augen ausweinen. Man versteht manchmal die Eltern nicht, und die Eltern verstehen einen auch nicht. So ist das. Erst viel später, wenn man weg ist von zu Hause, setzt ein Verständnisprozess ein.

teleschau: Also muss man sich keine ernsthaften Sorgen machen?

Schwarz: Gar nicht. Ich bin eben ein Mensch, der sich gern ausprobiert, der sich immer spüren will. Gerade weil eigentlich alles so rund läuft und perfekt ist. Ich brauche manchmal Grenzen.

teleschau: Dann war "Der Rote Kakadu" eine gute Erfahrung? Es gab schließlich eine Menge Grenzen in der DDR.

Schwarz: Ich muss im Nachhinein gestehen, dass ich mich im Grunde noch mehr hätte vorbereiten müssen. Ich kann erst jetzt viele Sachen nachvollziehen, die ich vorher - beim Dreh - nicht verstand. Ich gelangte oft an Punkte, an denen ich nur spekulieren konnte, wie es denn in der DDR eigentlich war.

teleschau: Wie haben Sie sich denn auf Ihre Rolle als Luise vorbereitet?

Schwarz: Der Regisseur Dominik Graf legte Wert darauf, dass ich viele Texte von Brigitte Reimann lese. Gerade ihr Tagebuch "Ich bereue nichts" habe ich verschlungen. Ihre Geschichte hatte eine gewisse Ähnlichkeit zu jener Luise, die ich spielte. Sie stand zwischen zwei Männern und ließ diese Beziehungen relativ offen laufen. Außerdem nutzte sie das System DDR für sich, stand aber als Künstlerin auch drüber.

teleschau: Ist Kunst eine Möglichkeit, das System zu kritisieren und zu verbessern?

Schwarz: Man kann sich mit der Kunst als Mensch beweisen, einen Blick hinter die Propaganda werfen. Problematisch ist nur, dass sich in einer solchen Diktatur Kunst als eigene Ausdrucksform nur im Untergrund machen lässt. Alles Öffentliche wird überwacht und für die Zwecke des Systems ausgenutzt. Von Freiheit ist da nichts zu spüren. Aber für Brigitte Reimann, genau wie für Luise, bedeuteten Mauern nicht viel, weil sie sie mit ihren Texten sowieso durchwandern konnten.

teleschau: Aber die Mauern existierten doch wirklich und sperrten sie ein. Die Gedanken waren frei, äußern konnte man sie jedoch nicht ...

Schwarz: Luise hat eine klare Idee, von dem, was sie macht. Sie sagt ja, dass sie lieber in der DDR kämpfen will, als für Sarotti-Schokolade in den Westen zu gehen. Sie glaubt vollkommen an die Idee des Sozialismus. Genauso, wie viele andere Menschen daran glaubten, bis ihnen bewusst wurde, dass sie von der DDR zu unfreien Menschen gemacht wurden.

teleschau: Ist dieses Kapitel deutscher Geschichte für jemanden, der 28 Jahre alt ist und aus dem Odenwald mitten in Hessen kommt, nachvollziehbar?

Schwarz: Während ich das Drehbuch las, merkte ich: Hier geht es nicht darum, ein paar Sätze auswendig zu lernen. Also sah ich mir eine Menge Doku-Material an und las zahlreiche Bücher, um das Thema zu verstehen. Da gab es heftige Tagebucheinträge wie: "Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich glaube, in unserer Runde ist jemand, der spitzelt. Ich kann nicht mehr über alle Sachen reden." Das ist für mich in der Tat schwer nachvollziehbar, eigentlich gar nicht vorstellbar. Vieles, was ich für den Film gemacht habe, war also Spekulation. Während der Drehzeit habe ich mich häufig mit Taxi-Fahrern unterhalten. Sie haben das alles erlebt und viel erzählt, das war ungemein spannend und interessant.

teleschau: Hat sich Ihre eigene Vorstellung von Freiheit durch diese Erfahrungen verändert?

Schwarz: Klar. Das geht schon bei den ganz kleinen Dingen los, der Musik zum Beispiel. Ich kann hören, was ich will. Und ich kann mich einfach mal ins Auto setzen und drauf los fahren ... überall hin. Das sind Selbstverständlichkeiten, von denen man in der DDR nur träumen konnte. Und dann war da noch dieses mulmige Gefühl, dass es Menschen gab, denen man sein Leben anvertraut hat und die einen immer verraten und missbrauchen konnten. Das ist das Schlimmste. Als dann erlaubt wurde, die eigenen Stasi-Akten einzusehen, stelle ich mir das sehr schwer vor. Plötzlich ließ sich auf dem Papier erfahren, was im eigenen Leben los war. Will man das wissen? Oder will man das nicht wissen? Ich würde es nicht wissen wollen.

teleschau: Ihr Verlobter Daniel Brühl kommt auch nicht aus der DDR, spielte aber in "Goodbye Lenin!" den wohl bekanntesten Kino-Ossi. Haben Sie sich mit ihm über diese Rollen ausgetauscht?

Schwarz: Es ging ihm damals genau wie mir. Er erzählte oft, wie schwierig es für ihn sei, sich in den Ostler hineinzuversetzen. Ich kann jetzt diese Schwierigkeit nachvollziehen. Unserer Generation weiß zu wenig darüber, wie man in der DDR gelebt hat. Ich bin nach dem Film froh, dass ich nie so unfrei leben musste. Mir ist eine komplett andere Welt aufgegangen, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte. Oder für die ich mich nie ernsthaft interessiert hatte.

teleschau: Haben Sie den Eindruck, dass die heutigen Jugendlichen - vor allem im Vergleich zu ihren engagierten und rebellischen Altersgenossen, die sich 1961 im "Roten Kakadu" für Freiheit und Rock'n'Roll einsetzten - generell zu wenig Interesse an ihrer Gesellschaft zeigen und sich zu wenig für notwendige Veränderungen einsetzen?

Schwarz: Es gibt immer noch Leute, die sich engagieren. Allerdings sind die Betätigungsfelder breiter gefächert - von ATTAC bis zu Greenpeace. Und es fällt nicht so auf, weil es keine reellen Mauern mehr gibt, die Gesellschaft an der Oberfläche toleranter geworden ist. Das Aufbegehren passiert nicht mehr in einem geschlossenen Kreis, wo es viel eher wahrgenommen wird. Natürlich gibt es viele Missstände und Beschränkungen, die irgendwie auch Mauern sind. Aber ich habe das Gefühl, dass sie mit Gummi verputzt sind. Man springt dagegen und prallt einfach wieder zurück. Wirklich perfide ist aber, dass irgendwelche "Jugendkultur-Konzerne" sofort auf alles Andersartige reagieren und es vermarkten. Da wird aus Protest sehr schnell Kommerz.

teleschau: Sind es nicht auch die Leute, die das mit sich machen lassen?

Schwarz: Ich glaube, wir sind bestechlich geworden. Uns geht es einfach zu gut, wir haben nie Unfreiheit erfahren. Die Individualisierung ist ein Zwang geworden, der dadurch im Gegensatz zu dem steht, was das Wort eigentlich bedeutet. Das merke ich zum Beispiel in Berlin, wo es vielmehr auf polierte Oberflächen ankommt. Ich bin im vorigen Sommer total verzweifelt, weil ich immerzu in einem Brei von komischen, zwanghaft individualisierten Menschen stand. Ich wollte nur noch weg, und ging dann erst mal drei Monate nach Barcelona. Das war sehr entspannend. Die Kulturen und die Generationen haben sich völlig vermischt - ganz anders als bei uns, wo sich die Jugend von den Älteren abgrenzt.

Andreas Fischer


Jessica Schwarz probiert sich gerne aus - in Dominik Grafs "Der Rote Kakadu" überzeugt sie als systemkritische Schriftstellerin, die für ihr Land kämpft.
Jessica Schwarz probiert sich gerne aus - in Dominik Grafs "Der Rote Kakadu" überzeugt sie als systemkritische Schriftstellerin, die für ihr Land kämpft. (X Verleih)

Jessica Schwarz als Luise in "Der Rote Kakadu", eine Rolle in der sie mit melancholischer Direktheit zum stillen Mittelpunkt des Films wird.
Jessica Schwarz als Luise in "Der Rote Kakadu", eine Rolle in der sie mit melancholischer Direktheit zum stillen Mittelpunkt des Films wird. (X Verleih)

Die großen Ereignisse der Weltgeschichte spielen sich immer auch in persönlichen Dramen ab: Jessica Schwarz mit Schauspielkollegen Max Riemelt als zum Scheitern verurteilte Liebende in "Der Rote Kakadu".
Die großen Ereignisse der Weltgeschichte spielen sich immer auch in persönlichen Dramen ab: Jessica Schwarz mit Schauspielkollegen Max Riemelt als zum Scheitern verurteilte Liebende in "Der Rote Kakadu". (X Verleih)

Datum: 12.02.2006

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Artikel ID 165525

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