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Das kleine Zimmer (Le petite chambre)

Wunderschönes Kammerspiel

Hochbetagte Menschen im Spielfilm - das sind nur selten realistische Charaktere. Oft flüchten sie aus dem Altersheim und machen noch einmal einen drauf, Pflegefall hin oder her. Ganz anders der Zugriff, mit dem die Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond das Thema anpacken: Nah an der Wirklichkeit, zeigen sie ungeschönt die Verluste und Kränkungen, die das hohe Alter mit sich bringt. Paradoxerweise gelingt ihnen inmitten dieser Tristesse eine glaubwürdige Hommage an die Lebensfreude.

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Völlig zu Recht gewann „Das kleine Zimmer“ 2011 zwei Schweizer Filmpreise („Quartz“): für den besten Spielfilm und für das beste Drehbuch. Außerdem ging der Film als Schweizer Beitrag ins Oscar-Rennen um den besten fremdsprachigen Film.

Das wunderschöne Kammerspiel handelt von der konfliktreichen Seelenverwandtschaft zwischen Edmond (Michel Bouquet) und Rose (Florence Loiret-Caille), der neuen Krankenschwester, die den alten Mann seit ein paar Wochen zu Hause unterstützt. Edmond (83) behandelt die junge Frau wie den letzten Dreck. Er glaubt, dass sie mit seinem Sohn unter einer Decke steckt, der ihn ins Altersheim abschieben will, um eine Stelle in den USA antreten zu können. Aber Rose lässt sich von den Gemeinheiten des alten Mannes nicht blenden. Irgendwie kennt sie das Gefühl, so verbittert und vom Leben enttäuscht zu sein. Nach und nach, über viele Hindernisse hinweg, fassen die beiden Vertrauen zueinander. Aber das bleibt nicht ohne Folgen für die Außenwelt, insbesondere für Edmonds Sohn und Roses Freund.

Mit leisen Tönen und klugen Schnitten führen die Regisseurinnen in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm das ungleiche Paar zurück ins Leben. Dabei lassen sie das Geheimnis der jungen Frau lange Zeit nur in Andeutungen durchschimmern. Meist nah bei den Protagonisten, zelebriert die Kamera die Kunst der zarten Hinweise. Sie spiegelt das beiderseitige Ausbrechen aus einem inneren Panzer in unaufdringlichen Details. Aber sie gleitet dabei nicht in romantische Bildwelten ab, sondern schildert die verregneten Wintertage am Genfer See in eigentlich grandioser Landschaft so, wie sie sind. Das ist authentisch. Denn die Wirklichkeit hält nur das kurze Glück eines wechselseitigen Verstehens bereit, aber keine gemeinsame Zukunft.

Geschickterweise verlässt sich das Beziehungsdrama nicht allein auf die Finessen einer subtilen Seelenerkundung. Sondern verknüpft die Unberechenbarkeit der Charaktere mit der Unberechenbarkeit der äußeren Konflikte. Dadurch nimmt die Handlung immer wieder Fahrt auf, führt zu Wutausbrüchen und dramatischen Wendungen. Alles in allem besticht „Das kleine Zimmer“ (Originaltitel: „La petite chambre“) aber durch seine unprätentiöse Machart und die großartige Schauspielerleistung von Michel Bouquet und Florence Loiret-Caille. Für die ebenso nuancierte wie glaubwürdige Interpretation ihrer Rollen hätten die beiden eigentlich auch einen Schweizer Filmpreis verdient.

Peter Gutting


Le petite chambre / Das kleine Zimmer
Le petite chambre / Das kleine Zimmer

Datum: 21.08.2011

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